Dieser Künstler will seine Ausstellung in
Tübingen mit bald 99 Jahren unbedingt noch besuchen: In
Alex Katz’ energetischer Schau „Dancing With Reality“ der Kunsthalle tanzen selbst die Bäume und Gräser voll EnergieAlex Katz einen Pop-Artisten zu nennen wäre eine Beleidigung – man würde ja auch nicht den Nuancenreichtum eines edlen alten Rieslings auf eine einzige Geschmacksnote stutzen. Katz war lange vor den Neunzigern mit ihrer Auflösung klar definierbarer Stile in Individualstile bereits eine One-Man-Band, die ein ganzes Orchester eigensinnig sinnlicher Zugänge zur Kunst in sich vereinte und eine Legion nachrückender Künstler beeinflusste – die Malerei eines
Julian Opie etwa ist ohne ihn kaum vorstellbar.Nun hat der 1927 geborene und bald neunundneunzig Jahre alte Universalkünstler eine Ausstellung in Tübingens Kunsthalle, die ihn nach der grandiosen
Beuys-Schau dort (F.A.Z. vom 12. November 2025) als ebenso offenen und in vielem parallel arbeitenden Zeitgenossen des deutschen Künstlers zeigt.Er malte gegen die sauertöpfische Nachkriegsmoderne anParallel im Sinne des stets Konträren: 1959 hat Katz seine erste erfolgreiche Ausstellung (eine fünf Jahre früher ebenfalls in
New York gezeigte endete in einem Desaster) mit „New Images of Men“. Aus dieser Schau stammt das Tübinger Auftaktwerk, der Tänzer „
Paul Taylor“ im weißen Sportdress, dem der tanzbegeisterte Katz wie in seinen anderen Porträts enger Bekannter oder Freunde zunächst in einer Art Close-up sehr nahekommt, Gesichtszüge ausfeilt, um sie danach aufs Äußerste zu reduzieren und das Gegenüber gewissermaßen zu entleeren. Was auch schon auf dem Gemälde von 1959 fasziniert und sich bis zum heutigen Tag durch Katz’ Œuvre zieht:
Paul Taylor ist in exakt dem Wimpernschlag vor dem Beginn des Tanzens eingefangen, das rechte Bein scheint nur um Millimeter angehoben. Er strahlt aber trotz dem Einfrieren des Momentums unbändige Energie und eine beinahe aristokratische Leichtfüßigkeit aus, vergleichbar den eleganten Kontraposten englischer Adelsporträts eines Gainsborough und Reynolds.Vibrierende Linien: „Purple Split 12“ von 2023Alex Katz/
Artists Rights Society,
New York/
VG Bild-Kunst, Bonn 2026Vierzehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs am Höhepunkt der Abstraktion war eine derart selbstbewusste figürliche Malerei noch keineswegs selbstverständlich, blickt man auf die gleichzeitige eher sauertöpfisch-depressive Kunst in Europa. Zudem ist Katz der Erste, der nicht nur Körper und Gesicht des Tänzers malerisch verflächigt, sondern auch den Hintergrund. Wer jetzt „Clement Greenberg!“ und „Flatness!“ ruft, verkennt, dass Katz schon vor diesem flächig malte. Und definitiv war der komplett ungegliederte und flache „Background“ hinter Taylor Inspiration für Warhols Tiefe spiegelglatter Oberflächen – der Spot liegt vollständig auf dem Tänzer und seiner energeia.Das schräg gegenüber hängende „Dancer Triptych“ aus dem Jahr 2011 belegt nicht nur die anhaltende Begeisterung des Künstlers für das Motiv des Tanzes. Komplementär dazu läuft einer seiner Metropolen-Filme aus den Sechzigern, der die wilden Handkamera-Läufe des Dogma-Kinos vorwegnimmt, indem er den zwischen den Lichtern der Großstadt torkelnden Passanten die Köpfe absäbelt und gerne auch mal deren Füße filmt. Wieder erwächst aus Katz’ Inspiration durch die uramerikanische street photography etwas Ureigenes.Was für ein ästhetischer Eigenwert!Einer der berührendsten Räume ist mit drei papierbraungrundigen Bildern wie „Purple Split 12“ und „Reflection 2“ gehängt. Deren schönstes, „Homage to Monet“ von 2009, lässt die Nympheas des Impressionisten aus Giverny in Seerosen von Katz’ eigenem Garten im ländlichen US-Bundesstaat Maine wiederaufleben. Es handelt sich bei den arte-povera-artigen Packpapierbildern um klassische „Kartons“, wie sie Renaissancekünstler wie Michelangelo für die Sixtinafresken in Originalgröße fertigten, um die Konturen mit durch kleine Löcher geblasenem Kohlestaub auf den feuchten Untergrund durchzupausen.Wenn neben Katz’ Bildern als Materialien „Kreide und Kohle“ angegeben sind, ist dies die ganze Wahrheit: Nicht mehr und nicht weniger braucht er neben den Perforationen, um seine „Schnittmuster“ in Rot vibrierend auf die Leinwand zu übertragen; der ästhetische Eigenwert dieser Vorarbeiten aber ist immens. Zudem kann sich Katz durch diese systematisierte Übertragung der Motive vollständig auf den Malprozess konzentrieren, der dadurch spontan und frisch bleibt: Ein kleinformatiges Bild benötigt so lediglich zwei Stunden zur Vollendung, ein großes fünf.Bestrickendes Zusammentreffen der impressionistischen Nympheas in Giverny und japanischer Farbholzschnitte des 19. Jahrhunderts:
Alex Katz, „Homage to Monet 1“, 2009Bild:
Alex Katz /
Artists Rights Society (ARS),
New York /
VG Bild-Kunst, Bonn 2026Im großen Saal der Kunsthalle mit seinen zwei Ebenen sticht der Überhang an Mode in knalligen Farben ins Auge, die für Katz als Momentum des Zeitgeistes die ideale Verkörperung schnappschusshafter Energie darstellt. Zusätzlich konnte er mit diesem Sujet auch behände die Schranken zwischen High and Low, zwischen Hochkunst und Alltag wie Werbeästhetik einreißen. Abermals wie Schnittbögen tanzen Models und befreundete Modeschöpferinnen wie Claire McCardell nur als Umrisslinien und in gewagten Anschnitten über die Leinwände. Katz’ „Coca-Cola Girl“ bewegt sich wie durch die Linse einer Kamera, verfolgt in Splitscreen-Technik über fünf Bildteile. Ihre dadurch aufgesplitterte Choreographie erhält etwas Abstraktes, was durch den flächig weißen Badeanzug vor dem Limonadenrot verstärkt wird.
Alex Katz, „Grass 3“, 2021Alex Katz /
Artists Rights Society (ARS),
New York /
VG Bild-Kunst, Bonn 2026Am besten allerdings kann Katz’ Credo „It’s flat but it’s not flat“ am traumschönen Siebdruck-Bildnis der Freundin „Nicole“ von 2018 im signalroten Mantel nachvollzogen werden, die im rechten Drittel des ansonsten pechschwarz „leeren“ Querformats herausleuchtet. Schon die Strähnen der Blondfrisur im modischen Tilda-Swinton-Kurzhaarschnitt sind betont flach gemalt und doch nicht flach; erst recht aber entpuppt sich der sattschwarze Hintergrund beim Nähertreten als holzgemasert und voller Haptik – wie gerne würde man darüber streichen und die Oberfläche wie Brailleschrift ablesen.Surreale Atmosphären bei größter graphischer KlarheitKatz thematisiert mit jedem seiner Bilder immer auch das Bildermachen an sich. Ohnehin stecken diese voll feiner kunsthistorischer Anspielungen, etwa wenn er wie Caspar David Friedrich wiederholt Rückenfiguren ins Bildinnere starren lässt, um der dort gemalten Flächigkeit schon dadurch eine artifizielle Tiefe zu verleihen.Auch Leon Battista Albertis Renaissancetheorie des Bilds als Fenster ruft er spielerisch leicht auf, wenn im Saal der Nachtbilder und Reflektionen auf dem Siebdruck „Purple Wind“ (2017 aus 22 Farben kompiliert) der Hintergrund im titelgebenden Purpurton ebenso sinnlich wie samtig strahlt, doch zugleich das vom Wind gepeitschte Geäst eines Baumes wie Finger gestaltet und die Fensterhöhlen des vertraut porträtierten Hauses mit derben Pinselstrichen wie schlierige Scheiben angefüllt sind, was seinerseits wieder ein subtiles Zitat von Roy Lichtensteins Brushstroke-Bildern ist. Nicht zuletzt erzeugen die Anschnitte und schrägen Perspektiven häufig fast schon surreale Atmosphären.Wie Van Gogh ist Katz von japanischen Farbholzschnitten fasziniert, wo nicht nur das Momenthafte im Ukiyo-e, dem „schnell-fließenden“ Arbeiten, eingefangen ist, vielmehr auch die Elemente eine gewichtige Rolle spielen. Katz’ monumentale Wasserbilder aus Venedig in strengem Schwarz-Weiß schlagen insofern in der Marco-Polo-Lagunenstadt eine Rialtobrücke nach Fernost, die das Beste aus zwei Welten vereint – Wasser spiegelt sich in Wasser und wird zugleich abstrahiert. Am stärksten spürt man das Mitreißende dieser Elementenkunst allerdings im großen Saal als Finale: Das Van-Gogh-hafte „Maine Field 3“ (2022) mit seinem grellgrünen Gras und den abstrakt braunen Einsprengseln wie auch der körperhafte „Tree 12“ aus dem Jahr 2020 jedenfalls tanzen vor sonnengelbem Hintergrund über die Leinwand, als wären sie Paul Taylors Wiedergeburt als Feld und Baum.
Alex Katz – Dancing With Reality. In der
Kunsthalle Tübingen; bis zum 13. September. Katalog folgt.