14. September 2025An der Grenze zu Aserbaidschan, die mitten durch ein armenisches Dorf verläuft, steht nun eine Mauer. Wie verändert sie das Leben der Menschen und wie sicher ist der Frieden in der Region? Ein DW-Reporter war vor Ort.https://p.dw.com/p/500IQDie Grenzmauer entlang einer Straße teilt das Dorf KirantsBild: Arschaluys Mgdesyan/DWMitten durch
Kirants - ein armenisches Dorf von rund 70 Häusern - führt seit einem Jahr eine Mauer. Der graue Wall ist rund 100 Meter lang und aus drei Meter hohen Betonplatten gebaut. Das Dorf von 350 Einwohnern an der Grenze zu Aserbaidschan geriet oft unter Beschuss während des Konflikts um Berg-Karabach, auch wenn es fast 500 Kilometer von diesem einst umkämpften aserbaidschanischen Gebiet entfernt ist. In den letzten 35 Jahren haben
Jerewan und
Baku zwei große Kriege um Berg-Karabach weiter südlich geführt – den ersten Anfang der 1990er Jahre, den zweiten im Jahr 2020. Im September 2023 brachte Aserbaidschan diese abtrünnige Region, die überwiegend von Armeniern bewohnt wurde, komplett unter Kontrolle.Grenzziehung anhand sowjetischer KartenBild: Arschaluys Mgdesyan/DW Kurz danach - im Jahr 2024 - begannen Armenien und Aserbaidschan mit der Demarkation der Grenze anhand sowjetischer Karten. So wurden 15 Hektar bei
Kirants, die vorher zuArmenien gehörten, auf einmal aserbaidschanisches Staatsgebiet. Seitdem führt die neue Grenze mitten durch das Dorf. Das Leben im nun geteilten
Kirants ist inzwischen zu einem Symbol für die Nachkriegszeit und deren Veränderungen geworden, die Armenien in eine innenpolitische Krise stürzten und Massenproteste auslösten. Die Demonstranten im Frühling 2024 forderten ein Ende der "einseitigen Gebietsabtretungen an Aserbaidschan" und letztlich den Rücktritt des armenischen Premiers
Nikol Paschinjan, dem sie vorwarfen, territoriale Zugeständnisse an
Baku zu machen. Doch die Grenzziehung ging weiter. Nun versuchen die Menschen in
Kirants, sich den neuen Verhältnissen anzupassen. Die Besitzer einiger Häuser, die auf aserbaidschanischer Seite landeten, erhielten aus
Jerewan Entschädigungen. Doch die wirtschaftliche Lage hat sich verschlechtert. Durch die neue Grenzziehung haben viele Bauern den Zugang zu ihren Weiden und Äckern zum Teil verloren. Als Folge hat sich der Viehbestand im Dorf fast halbiert. Als bedrückend empfinden die Dorfbewohner den Blick auf Mauer und Stacheldraht und auf die gehissten aserbaidschanischen Flaggen dahinter. "Wir haben unsere Heimat verloren“, sagt einer von ihnen, der seinen Namen nicht nennen will, gegenüber der DW, "und nicht nur unser Eigentum, wie die Behörden es darstellen wollen." Auch Wladimir Babinjan, Direktor der Dorfschule von
Kirants, gibt im Gespräch mit dem DW-Reporter zu, dass es ihm - wie vielen anderen - schwerfällt, sich daran zu gewöhnen, dass sein Leben nun "hinter einer Mauer“ stattfindet. Aber er bleibt optimistisch und meint, dass die Dorfbewohner verstehen, dass diese für den Frieden notwendig sei.Eine Kirche auf der armenischen Seite des DorfesBild: Arschaluys Mgdesyan/DW Frieden werde vor allem in den Grenzdörfern wie
Kirants geschätzt, denn im Falle einer Eskalation seien sie die ersten Zielscheiben, so Babinjan. Das bestätigen auch andere Bewohner, die meinen, dass sie seit der Grenzziehung keinen einzigen Schuss mehr gehört hätten. Das unterscheide sich von der Situation in den 1990er Jahren, als der Ort regelmäßig beschossen wurde. Die Schule, die von Babinjan geleitet wird, ist von der Grenzziehung direkt betroffen. Geplant und bewilligt wurde ihr Bau im Jahr 2019, fertiggestellt wurde sie kurz nach Ende des zweiten Krieges um Berg-Karabach. Die Mauer verläuft nur weniger Meter vom Schulhof entfernt. Der Schuldirektor versucht dennoch, die neue Grenze mit Humor zu nehmen. Was wäre denn, wenn Kinder beim Spielen einen Ball versehentlich auf die aserbaidschanische Seite werfen würden? "In diesem Fall", scherzt Babinjan, " sagen wir einfach: Der Ball liegt auf ihrer Seite". Auch die armenischen Behörden sagen, die Spannungen zwischen Armenien und Aserbaidschan haben gerade dort, wo die Grenzziehung bereits abgeschlossen ist, abgenommen. Das merkt man auch an den betroffenen Grenzabschnitten, wo auf beiden Seiten keine schwer bewaffneten Soldaten mehr stehen, sondern Grenzschützer - und sie kommen dabei ohne Helme und kugelsichere Westen aus.2023 lösten die Kämpfe um Berg-Karabach eine Massenflucht armenischstämmiger Einwohner der Provinz aus.Bild: SIRANUSH ADAMYAN/AFP/Getty Images Allerdings: Neu geregelt ist bislang nur ein Bruchteil der insgesamt rund 1000 Kilometer langen Grenze. Staatlichen Quellen zufolge beträgt dieser Abschnitt bislang gerade einmal eine Länge von 11,7 Kilometern. Anfang August hatten Aserbaidschans Staatschef Ilham Alijew und Armeniens Regierungschef
Nikol Paschinjan im Beisein von US-Präsident Donald Trump in Washington ein entsprechendes Friedensabkommen vereinbart, das die neue Grenzziehung entlang der über 1000 Kilometer langen Trennlinie zwischen beiden Ländern beschleunigen soll. Doch trotz der derzeitigen Stabilität bleiben bei den Menschen in
Kirants Zweifel. "Ja, jetzt ist hier alles ruhig", sagt einer der Dorfbewohner im Gespräch mit der DW. "Aber können wir sicher sein, dass es auch in Zukunft so bleibt?"