Es kommt nicht oft vor, dass sich der Sprecher des
Kreml bei der Süddeutschen Zeitung entschuldigt. Genau genommen ist es ein Mal vorgekommen: vor zehn Jahren. Damals hatte die SZ die
Panama Papers enthüllt, und die Frage war, ob nicht auch
Wladimir Putin mithilfe eines Strohmanns viel Geld in Briefkastenfirmen versteckt hatte. Den endgültigen Beweis konnte die Recherche nicht liefern, aber viele Indizien. Putin versuchte deshalb, die SZ zu diskreditieren, die SZ gehöre der amerikanischen Investmentbank
Goldman Sachs und agiere letztlich im Interesse der USA. Ein Fehler, wie sein Sprecher später einräumte. Tatsächlich gehört die Zeitung vielen regionalen Zeitungsverlegern aus dem Süden und Westen der Bundesrepublik.Journalisten müssen heute international zusammenarbeitenDie
Panama Papers lösten im April 2016 ein Beben aus wie bis dahin und auch seither keine andere Recherche der SZ. Die Dokumente aus der Kanzlei
Mossack Fonseca eröffneten den Blick auf ein gewaltiges Schattenreich aus Briefkastenfirmen, in dem viele Milliarden Dollar versteckt waren und in dem Geldwäsche, Steuerbetrug und Korruption grassierten. In diesem Schattenreich stießen die Rechercheure auf viele Hundert prominente Namen, auf Politiker, darunter Regierungschefs, den besten Fußballer der Welt, die Fußballverbände
Fifa und
Uefa, die bekanntesten Geldhäuser des Globus, auf Geheimagenten und Waffenhändler.Die Recherche zeigte, welche Kraft gewissenhafter und der Wahrheit verpflichteter Journalismus haben kann, und warum es in einer digitalisierten Welt oft nötig ist, dass Journalisten über Grenzen hinweg zusammenarbeiten. Die SZ teilte die riesige Datenmenge mit dem International Council of Investigative Journalists (ICIJ) und mehr als 80 Medien in der ganzen Welt. Gut 400 Journalisten recherchierten ein Jahr lang gemeinsam.In dieser Größenordnung hatte es das zuvor nicht gegeben – und es veränderte nachhaltig den Journalismus. In „Die Unbestechlichen“, dem Kinofilm über Watergate, gab der Informant „Deep Throat“ den Reportern der Washington Post den Tipp: „Follow the money.“ Wie damals ist Geld auch heute in vielen Fällen das Schmiermittel für Verbrechen. Anders als damals aber kennt Geld keine Grenzen mehr.Adenauer war harmlos. Trump ist es nichtZugleich sehen sich Journalisten mehr denn je massivem Druck ausgesetzt: dem der Mächtigen, über die sie berichten, aber auch von einer Internet-Bubble und sehr rechten Parteien, die versuchen, Journalisten zu diskreditieren, weil sie deren wachsames Auge fürchten.Solche Angriffe gab es schon immer. Aber dass Kanzler Konrad Adenauer dem Spiegel 1962 einen „Abgrund an Landesverrat“ vorwarf, gefährdete nicht die Demokratie.
Donald Trump hingegen und seine Apologeten in Europa versuchen, die klassischen Medien zu delegitimieren, indem sie ihnen fortwährend „Fake News“ unterstellen und sie mit Klagen überziehen. Bilder, Videos und Texte, die mit KI erstellt werden, erlauben es den Mächtigen zudem, in den sozialen Medien eine eigene Wirklichkeit zu kreieren.Kritischer, unabhängiger Journalismus hat die Aufgabe, dem mit exakter Recherche und akribischen Texten etwas entgegenzusetzen. Er kann auch etwas bewirken – so wie die
Panama Papers. In deren Gefolge mussten zahlreiche Politiker zurücktreten, wurden sehr viele Steuerbetrüger verurteilt, mehr als eine Milliarde Dollar an hinterzogenen Steuern wieder eingetrieben und Gesetze verschärft. Aber klar ist auch: Steueroasen, in denen man sein Geld verstecken kann, wird es weiterhin geben, in Panama und anderswo. Die Welt des Geldes bietet nach wie vor zu viele Verstecke.