Nach dem Triumph von
Tadej Pogačar bei der
Flandernrundfahrt steht er kurz vor seiner Alleinherrschaft über die Eintagesklassiker des Radsports. Nun könnte ihm gelingen, was bislang niemand schaffte.Gelten für den „König“ der Radprofis andere Gesetze? Manchmal wirkt es so, wenn
Tadej Pogačar gewinnt: 80 Kilometer lange Solofahrten wurden lange für unmöglich gehalten. Am Ostersonntag war er bei seinem nächsten großen Triumph bei der
Flandernrundfahrt zwar nur 18 Kilometer allein unterwegs, doch hinterher wurde wieder über „Gesetze“ gesprochen, die gebrochen wurden.Diesmal ging es allerdings um mehr als um die Prinzipien des Radsports. Pogačar hatte im Rennen zusammen mit anderen Fahrern eine Bahnschranke trotz einer roten Ampel überquert, was ihm zwar keine Disqualifikation einbrachte, laut belgischen Medien aber die
Ostflandern" class="entity-link entity-organization" data-entity-id="99208" data-entity-type="organization">Staatsanwaltschaft
Ostflandern auf den Plan rief. Sie will alle Fahrer ermitteln und sogar vor einen Untersuchungsrichter bringen. Dem „König von Flandern“ droht Ärger im eigenen Reich.Es komm zum Duell der beiden „Klassikerkönige“Das ließ sich vom Rennen nicht behaupten. Dort galt das Recht des Stärkeren. Stress hatten er und sein Team zwischendurch schon, als sie versuchten, diese knapp 280 Kilometer lange Wettfahrt zu kontrollieren. Und entspannt sah Pogačar bei seiner brachialen Attacke auch nicht mehr aus, als er bei der dritten Überfahrt des
Oude Kwaremont Mathieu van der Poel erst distanzierte und dann brach. Aber alles in allem lief diese Ausgabe wieder recht problemlos für ihn, abgesehen von der Bahnschranken-Affäre.Das erwartete Szenario traf ein: Es kam zum Duell der beiden „Klassikerkönige“, in dem sich erst am Ende herausstellte, dass der eine mit seinen Beinen über etwas mehr Kraft verfügt als der andere. Welche Möglichkeiten bleiben der Konkurrenz da noch? Muss dieses Rennen jedes Jahr genau so laufen?Diese Frage war schon vor dem Start diskutiert worden. Pogačar hat die
Flandernrundfahrt verändert. Er hat sie zu einem Ausscheidungsfahren gemacht, das in diesem Jahr noch früher begann. Am Sonntag sprengte er das Feld schon 104 Kilometer vor dem Ziel am
Molenberg.Von da an fuhr er jeden der giftigen Anstiege so schnell hoch, dass immer mehr Fahrer das Tempo nicht mehr halten konnten. Das ist der Königsweg für Pogačar. Doch in den Mittelpunkt rücken dann unweigerlich auch die, die ihm helfen, ans Ziel zu kommen – also vor allem van der Poel, der selbst schon dreimal in Flandern siegte.„Wenn du nicht fährst, zeigt das, dass du Angst hast“Der Niederländer hatte bereits vor dem Rennen angekündigt, dass er mit Pogačar kooperieren werde, wenn beide zu zweit unterwegs seien und er sich gut fühle. „Wenn du nicht fährst, zeigt das auch, dass du Angst hast“, hatte er gesagt. Van der Poel sieht sich in solchen Momenten nicht als Untertan, sondern noch immer als König.Also wechselte er sich mit Pogačar ab, fuhr zwar „nicht wie ein Verrückter“, wie er sagte, doch Pogačar reichte es schon, dass er sich im Windschatten immer wieder erholen konnte. Van der Poel untermauerte seine Entscheidung hinterher damit, dass nicht viel gefehlt hatte. Das konnte man so sehen. Aber spricht das nicht auch dafür, dass mit einer klügeren Strategie mehr möglich gewesen wäre?Pogačar schien glücklich über den Rennverlauf: „Natürlich hat man Zweifel. Man weiß nicht, wie er sich fühlt. Vielleicht blufft er, vielleicht nicht“, sagte er über die schwindenden Kräfte des Gegners: „Aber ich glaube, er ist ziemlich ehrlich gefahren, so wie er das immer macht.“ Das war ein Lob von Machtmensch zu Machtmensch. Mal eine Führung auslassen oder die Arbeit im Wind komplett verweigern? Solche Spielchen kann Pogačar nicht leiden. Andere müssen Radrennen mit dem Kopf gewinnen. Er kann sich viel häufiger auf seine Beine verlassen. Wie diese
Flandernrundfahrt gelaufen wäre, wenn Remco Evenepoel bei seinem starken Debüt die fünf Sekunden Rückstand auf beide nach dem Paterberg noch aufgeholt hätte, lässt sich kaum sagen. Genutzt hätte dieses Szenario aber vor allem van der Poel. Zu dritt hätte er weniger investieren müssen, die Lücke zu Pogačar am Ende vielleicht noch mal schließen können.Van der Poel ist so stark wie nieDoch den Gang nach Canossa trat van der Poel nicht an. Er kooperierte lieber mit Pogačar und entschied sich dagegen, den späteren Dritten noch mal herankommen zu lassen. Van der Poel wirkte in diesen Momenten manchmal wie ein Herrscher, der zu stolz oder zu eitel ist, um Hilfe anzunehmen. Wie einer, der lieber das Rennen verliert als seine Würde. Spielchen sind in dieser Logik etwas für die Machtlosen.Bei Pogačar verdient er sich damit Respekt und eine Umarmung im Ziel – für den Zweitbesten, obwohl der in Topform scheint. Van der Poel erreichte vor etwas mehr als einer Woche beim E3 Saxo Classic Bestwerte: 446 Watt über 90 Minuten. Bei der dritten Überfahrt des
Oude Kwaremont zeigte sein Radcomputer 650 Watt. Er ist so stark wie nie, was sicher auch ein Grund dafür ist, dass er sich für die Kooperation entschied. Doch er musste einsehen, dass selbst diese Leistung nicht reicht, Pogačar in Flandern zu schlagen. Die Rivalität dieser beiden bei den Klassikern ist einzigartig. Nie zuvor haben zwei Fahrer die fünf sogenannten „Monumente“ so dominiert wie van der Poel und Pogačar. Die jüngsten elf dieser Eintagesrennen gewann immer einer von beiden. So etwas gab es nicht mal in der Ära von Eddy Merckx, der mit 19 Siegen noch immer den Rekord vor Pogačar (zwölf) hält. Dieser Rekord scheint längst nicht mehr unerreichbar. Und das liegt im Wesentlichen daran, dass Pogačar im Verlauf der Fehde der Klassikerkönige seinen Einflussbereich erweitert hat. Bis vor einem Jahr konnte man die fünf Rennen recht eindeutig zuordnen: Bei Mailand–Sanremo und Paris–Roubaix genoss van der Poel Herrschaftsanspruch, bei Lüttich–Bastogne–Lüttich und der Lombardei-Rundfahrt Pogačar. Die
Flandernrundfahrt war stets umkämpftes Gebiet.Nun folgt die „Königin der Klassiker“Mal fiel sie ins Reich von Pogačar, mal in das von van der Poel. Dreimal haben beide dieses Rennen gewonnen. Doch bei den Siegen des Niederländers stand Pogačar nur einmal am Start. Und bei der Fahrt von Mailand nach Sanremo gelang dem Slowenen jüngst der Premierensieg. Pogačar wildert in van der Poels Reich. Er könnte bis in dessen Herz vordringen.Am kommenden Sonntag treffen beide wieder aufeinander: Paris–Roubaix, die „Königin der Klassiker“, steht an. Gewinnt Pogačar dort, hat er alle fünf „Monumente“ gewonnen – in Serie. Das ist noch keinem Fahrer gelungen. Es gibt bislang nur drei in der Geschichte des Radsports, die bei allen als Erster die Ziellinie überquerten.Gelingt ihm dieser Sieg, stehen die Chancen ziemlich gut, dass Pogačar sogar alle fünf in einem Jahr gewinnt. Lange hieß es, das Kopfsteinpflaster-Rennen sei eine Tortur, die ein Fahrer wie er mit 66 Kilogramm Körpergewicht nicht gewinnen könne. Doch vielleicht gilt auch diese Annahme des Radsports nicht mehr.Im vergangenen Jahr wurde Pogačar nach einem Fahrfehler schon Zweiter hinter van der Poel, der Paris – Roubaix zuletzt dreimal in Serie gewonnen hat. Das Rennen verspricht auch deshalb eine Spannung, wie sie kaum ein anderes bieten kann. An die Qualen wollte Pogačar am Ostersonntag noch nicht denken. Nur so viel verriet er: „Die Motivation ist groß, die Erwartungen sind niedrig – wie der Druck in den Reifen.“Der Siebenundzwanzigjährige hatte die Lacher wieder auf seiner Seite. Er kann es sich erlauben, Scherze zu machen. Für ihn steht zwar einiges auf dem Spiel am Sonntag. Doch für van der Poel geht es um mehr. Paris – Roubaix ist seine letzte Bastion. Fällt sie, steigt
Tadej Pogačar endgültig zum Alleinherrscher der Klassiker auf.