Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj befürchtet negative Auswirkungen des Iran-Kriegs auf die US-Unterstützung für sein Land. Selenskyj sagte nach seinem Treffen mit Bundeskanzler Friedrich Merz am Dienstag in Berlin in einem Interview mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen: "Wenn der (Iran-)Krieg länger dauert, wird es weniger Waffen für die Ukraine geben." Für das wichtige Patriot-Flugabwehrsystem gilt das nach seinen Worten bereits. "Wir haben so ein Defizit gerade, schlimmer geht es nicht mehr." US-Präsident Donald Trump will ohnehin einen schnellen Friedensschluss zwischen Russland und der Ukraine und hat die US-Hilfen bereits vor dem Iran-Krieg drastisch gekürzt. Damit wächst die Rolle Deutschlands und anderer europäischer Länder bei der Ukraine-Unterstützung. Besondere Geste: Selenskyj wurde in Berlin mit militärischen Ehren empfangenBild: Axel Schmidt/REUTERS Nach der Wahlniederlage von Viktor Orbán in Ungarn am Sonntag steigen auch die Chancen, dass die EU den geplanten 90-Milliarden-Kredit für die Ukraine freigibt. Daran ist Deutschland mit dem größten Anteil aller Einzelstaaten beteiligt. Nach den USA ist Deutschland mit großem Abstand der zweitgrößte bilaterale Geber für die Ukraine. Die Bundesregierung hat das Land seit Kriegsbeginn mit fast 100 Milliarden Euro unterstützt (Stand Anfang 2026). Deutschland leistet militärische, finanzielle, technische und humanitäre Hilfe. Auch die Aufnahme von weit mehr als einer Million ukrainischer Flüchtlinge zählt dazu. Die Bundesregierung hat der Ukraine nach eigenen Angaben insgesamt Militärhilfe in Höhe von rund 55 Milliarden Euro geleistet oder für die kommenden Jahre bereitgestellt (Stand: 31.12.2025). Dazu zählt die ganze militärische Bandbreite: von Flugabwehr‑, Artillerie‑ und Gefechtsfahrzeugen wie Panzern bis hin zu Handfeuerwaffen und Sanitätsmaterial. Darüber hinaus hat Deutschland seit Kriegsbeginn mehr als 24.000 ukrainische Soldaten in Deutschland ausgebildet. Die Bundesregierung hat jetzt auch auf Selenskyjs Klagen über Engpässe bei bestimmten Waffengattungen reagiert. Deutschland finanziert nach Angaben des Verteidigungsministeriums "mehrere hundert Patriot-Raketen" der US-Firma Raytheon. Zudem sei mit der deutschen Firma Diehl die Lieferung weiterer Startgeräte für Iris-T-Luftabwehrsysteme vereinbart worden. Auch dies werde von Deutschland finanziert. Außerdem sei die Produktion von Drohnen mittlerer und langer Reichweite beschlossen worden. Ziel sei die Lieferung von Tausenden von Drohnen zur Stärkung der ukrainischen Streitkräfte, teilt das Ministerium mit. Der Schwerpunkt der Waffenhilfe hat sich im Laufe des Krieges deutlich verschoben. So spielen zum Beispiel die Kampfpanzer, die Deutschland erst nach langem Zögern lieferte, heute kaum noch eine wichtige Rolle. Stattdessen dominieren Kampfdrohnen das militärische Geschehen. Leopard 2-Kampfpanzer aus deutscher Produktion bei einer Übung in der Nähe der Front im Mai 2024. Die Bedeutung schwerer Kampfpanzer ist angesichts des Drohnenkampfs gesunkenBild: Valentyn Ogirenko/REUTERS Die seit Jahren diskutierte Frage, ob Deutschland der Ukraine Taurus-Marschflugkörper schicken soll, stellt sich nach Meinung von Bundeskanzler Friedrich Merz inzwischen nicht mehr. Die Ukraine verfüge heute über Langstreckenwaffen aus eigener Herstellung, sagte der Kanzler Ende März bei einer Regierungsbefragung im Bundestag. Die Ukraine sei "heute besser bewaffnet als je zuvor". Das Problem sei eher Geldmangel. Welche zivile und humanitäre Hilfe leistet Deutschland? Die bilaterale zivile Unterstützung Deutschlands (es gibt auch noch Hilfe im Rahmen der EU) beläuft sich nach Regierungsangaben auf rund 39 Milliarden Euro. Dazu zählt alles an nichtmilitärischer Hilfe, was das Durchhaltevermögen und die Funktionsfähigkeit des ukrainischen Staates stärkt. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Energieversorgung, die Russland verstärkt angreift. Insgesamt hat die Bundesregierung seit Kriegsbeginn über 1,2 Milliarden Euro an Unterstützung allein für den Energiesektor geleistet und ist damit auch hier zweitgrößter Geber nach den USA. Es geht dabei zum einen um Reparaturen und Notmaßnahmen bei zerstörten Anlagen.Russische Angriffe gelten zunehmend der ukrainischen Energieinfrastruktur, hier das beschädigte Kraftwerk Darnyzka am 4. Februar 2026Bild: Paula Bronstein/Getty Images Zum anderen arbeiten deutsche Fachleute gemeinsam mit ukrainischen Partnern auch an einem Wiederaufbau der Energieinfrastruktur mit Schwerpunkten bei Energieeffizienz und dem Ausbau der erneuerbaren Energien. Humanitäre Hilfsaktivitäten werden in enger Zusammenarbeit mit internationalen und Nichtregierungsorganisationen finanziert, so dass medizinische Versorgung, Lebensmittel, sauberes Wasser und weitere Nothilfen vor allem Menschen in Frontnähe schnell erreichen. Mehr als eine Million ukrainische Geflüchtete, vor allem Frauen und Kinder, haben seit Beginn des Krieges in Deutschland Schutz gefunden. Die Bundesregierung unterstützt Länder und Kommunen bei der Unterbringung und Versorgung der Menschen, etwa direkt finanziell oder durch die Bereitstellung bundeseigener Gebäude als Unterkünfte. Die Bundesregierung hat spezielle Jobmessen für Geflüchtete aus der Ukraine veranstaltetBild: Christoph Soeder/dpa/picture alliance Geflüchtete bekommen zum Beispiel Deutschkurse, Weiterbildungs- und Eingliederungsangebote sowie Hilfe bei der Arbeitssuche. Inzwischen sind laut Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung vom Februar 2026 rund die Hälfte der ukrainischen Geflüchteten im erwerbsfähigen Alter in Arbeit. Was plant die Bundesregierung in puncto Wiederaufbau? Die Bundesregierung plant gemeinsam mit der Ukraine sowie den Partnern in EU und G7 schon jetzt den Wiederaufbau der Ukraine. Der soll mit einer Modernisierung von Staat und Wirtschaft einhergehen und den EU-Beitrittsprozess der Ukraine im Blick haben, den Deutschland grundsätzlich unterstützt, wie Kanzler Merz jetzt noch einmal bestätigte. Es hat bereits mehrere internationale Wiederaufbau-Konferenzen (Ukraine Recovery Conference, URC) gegeben, 2024 auch eine in Deutschland. Für 2026 übernimmt Polen die Ausrichtung der URC, die Ende Juni in Danzig stattfinden soll. Nicht jeder in Deutschland ist mit der Form und dem Umfang der Ukraine-Unterstützung einverstanden. Sollte Deutschland in Zukunft noch mehr gefordert sein, weil sich die USA zunehmend von der Ukraine-Hilfe verabschieden, dürften auch die Widerstände noch zunehmen. Die Ressentiments in der deutschen Bevölkerung gegen ukrainische Flüchtlinge sind eher gering, auch weil die Menschen als relativ gut integriert gelten. Allerdings gibt es Kritik an der Tatsache, dass ukrainische Flüchtlinge sofort Bürgergeld erhielten und nicht die geringeren Asylbewerberleistungen. Im Koalitionsvertrag haben CDU/CSU und SPD deswegen vereinbart, dass Geflüchtete aus der Ukraine, die nach dem 1. April 2025 nach Deutschland eingereist sind, künftig geringere Leistungen erhalten.Schon kurz nach Kriegsbeginn, wie hier bei einer Demonstration vor dem Bundestag im Oktober 2022, hatte die AfD die Wiederaufnahme russischer Energielieferungen gefordert, das tut sie bis heuteBild: Marcel Fürstenau/DW Bei den deutschen Parteien der politischen Mitte in Deutschland ist die Ukraine-Unterstützung weitgehend Konsens. Anders sieht es am rechten und linken Rand aus. Sowohl die in Teilen rechtsextreme Alternative für Deutschland (AfD) als auch das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) und Teile der Linkspartei sehen die Unterstützung kritisch und streben eine Wiederannäherung an Russland an. Die Hauptargumente: Das Geld für die Ukraine fehle angesichts leerer Kassen und hoher Schulden für die deutsche Bevölkerung, auch brauche Deutschland wieder günstige Energie aus Russland. Gerade angesichts der hohen Kraftstoffpreise durch den Iran-Krieg gewinnt diese Argumentation an Zuspruch. Die Sorge der Bundesregierung ist, dass vor allem die AfD bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt im September daraus Kapital schlagen könnte. Dieser Artikel wurde erstmals am 13.04.2026 veröffentlicht und am 15.04. nach den jüngsten Beschlüssen der deutsch-ukrainischen Regierungskonsultationen und Äußerungen von Selenskyj im ZDF aktualisiert.
Deutschland stockt Ukraine-Hilfe auf - 6 Fragen und Fakten
Deutsche Welle (DE) 5 min read 0% complete by Christoph HasselbachApril 15, 2026 at 04:00 PM

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