Wenn man heute am alten Bahnhof von
Thessaloniki steht, scheint die Zeit für einen Moment stillzustehen. Die verrosteten Gleise, die im fahlen Licht des griechischen Frühlings schimmern, wirken unscheinbar. Doch für die europäische Geschichte sind sie eine offene Wunde. Es war der 15. März 1943, als die Sirenen den Beginn einer der effizientesten und grausamsten Deportationswellen des
Nationalsozialismus markierten. Fast 50.000 Menschen - Nachfahren der sephardischen Juden, die einst vor der spanischen Inquisition seit dem Ende des 15. Jahrhunderts ins Osmanischen Reich geflohen waren - wurden in Viehwaggons gepfercht, aus ihrer griechischen Heimat in das Vernichtungslager
Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet. Über Jahrhunderte hinweg war
Thessaloniki ein kultureller Schmelztiegel. Beim Spazierengehen hörte man ein Mosaik aus Sprachen: Griechisch, Türkisch, Französisch und Ladino - eine Form des mittelalterlichen Spanisch, angereichert mit hebräischen, türkischen und griechischen Wörtern, die von den sephardischen Juden der Stadt gesprochen wurde. Teilnehmer des Gedenkmarsches in
Thessaloniki bringen Blumen an roten Eisenbahn-Güterwaggons an, um an die Deportation der Juden der Stadt zu erinnernBild: Diogenis Dimitrakopoulos/DW Die Handels- und Hafenstadt am Ägäischen Meer galt als das "Jerusalem des Balkans". Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts - die Gesamtbevölkerung wurde damals auf 120.000 bis 130.000 Einwohner geschätzt - waren etwa 60.000 bis 62.000 der Bürger Thessalonikis Juden, was fast 50 Prozent der Bevölkerung entsprach. Zu Beginn der nazideutschen Besatzungszeit (1941) zählte die israelitische jüdische Gemeinde in
Thessaloniki etwa 52.000 bis 56.000 Personen auf etwa 260.000 bis 300.000 Einwohner. Zwischen März und August 1943 wurden Schätzungen zufolge etwa 48.000 Juden von den Nationalsozialisten mit Zügen aus
Thessaloniki vor allem in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Innerhalb weniger Monate war die jüdische Gemeinde fast vollständig verschwunden. Das jüdische Leben in der Stadt wurde damit ausgelöscht. Nur etwa 2000 Menschen überlebten den
Holocaust, zumeist im Untergrund. Nur wenige kehrten lebend aus den KZs zurück. Hinter diesen historischen Daten stehen unzählige persönliche Tragödien.
Renée Revah verlor einen Großteil ihrer Vorfahren im
Holocaust. Unter ihnen waren ihre Urgroßmutter, Sol Venezia, und deren Kinder Olga, Lina und Isaac, sowie weitere Verwandte. An die Opfer erinnert jährlich ein Gedenkmarsch, der an den Ort der damaligen Deportationen führt.
Renée Revah verlor einen Großteil ihrer Vorfahren im HolocaustBild: Diogenis Dimitrakopoulos/DW "Auf diesem Platz hier versammelten sich auch die Verwandten meines Großvaters, die glaubten, sie würden zur Zwangsarbeit in die Fabriken Osteuropas geschickt werden; sie stiegen in die Züge, wurden dort zusammengepfercht, und von da an verlor sich ihre Spur", sagt Revah . Ihr Großvater überlebte den
Holocaust, weil er sich in Athen versteckt hielt. Er musste später erfahren, dass der Großteil seiner Familie deportiert und später ermordet worden war. Auch heute ist das Gedenken an die Deportation der Juden von
Thessaloniki ein wichtiges Datum in der griechischen Erinnerungskultur. "Dieses Gedenken ist ein Thema von großer Bedeutung, denn das Vergessen ist ein zweiter Tod für diese Opfer. Ich als junger Mensch beobachte, dass es in letzter Zeit einen sehr starken Antisemitismus gibt, und ich glaube, dass dem nur durch die Aufklärung über die historischen Ereignisse entgegengewirkt werden kann", sagt die Studentin Savvina Mermigka. Die Studentin Savvina Mermigka beim GedenkmarschBild: Diogenis Dimitrakopoulos Antisemitismus ist auch in Griechenland ein Problem. So verzeichnet das Generalsekretariats für religiöse Angelegenheiten in den letzten acht Jahren fast 60 Vorfälle, zu denen das Anbringen antisemitischer Parolen, Sachbeschädigungen an Denkmälern, Friedhöfen und Kultstätten und auch physische Angriffe gezählt werden. Nach den Ereignissen vom 7. Oktober 2023 stellten der Zentralrat der Israelitischen Gemeinden in Griechenland (KISE) und die Israelitische Gemeinde von Athen zudem einen dramatischen Anstieg des Antisemitismus, insbesondere im digitalen Raum und in den Sozialen Medien fest. Die Ursachen hierfür sind komplex. Einer der Gründe ist, dass über die Geschichte des jüdischen Lebens in Griechenland, der jüdischen Gemeinden und ihrer Kultur, aber auch über den
Holocaust wenig in den Lehrplänen der griechischen Schulen steht. Das allerdings sei wichtig, meint der Student Filippos Mermigkas, der zusammen mit seiner Schwester Savvina zum Gedenkmarsch gekommen ist. Der Student Filippos Mermigkas beim GedenkmarschBild: Diogenis Dimitrakopoulos/DW "Ich zum Beispiel wusste als junger Mensch nach Abschluss der griechischen Schule nur sehr wenig und nur Oberflächliches über den
Holocaust in Griechenland. Das Gedenken an diese Menschen, die einen Märtyrertod starben, ist vor allem für die Jugend wichtig, die recht uninformiert über das Wesen der jüdischen Gemeinschaft und ihre Stellung in der Welt ist - besonders heute, in einer politisch sehr angespannten Lage, in der Halbwissen vorherrscht. Ich halte das für ein sehr ausgeprägtes Phänomen unter Jugendlichen, die die jüdische Gemeinschaft als etwas wahrnehmen, was sie in Wirklichkeit nicht ist." Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde sowohl in Griechenland als auch in Deutschland lange über die Verbrechen während der nazideutschen Besatzung geschwiegen. Eine Aufarbeitung der Geschichte und eine gelebte erinnerungspolitische Auseinandersetzung oder gar Versöhnung fanden erst spät und zaghaft statt. Während man sich in der Bundesrepublik lange auf die Verbrechen an den aschkenasischen Juden Mitteleuropas konzentrierte, blieb das Schicksal der sephardischen Juden vor allem in Südosteuropa ein blinder Fleck in der Erinnerungskultur. Stelios Aggeloudis, Bürgermeister von
Thessaloniki, spricht anlässlich des GedenkmarschesBild: Diogenis Dimitrakopoulos/DW Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Auch das Schicksal der jüdischen Bevölkerung Thessalonikis rückte verstärkt in die erinnerungspolitische Auseinandersetzung. Das geplante
Holocaust-Museum von Griechenland, das derzeit in
Thessaloniki entsteht, ist dafür ein positives Beispiel. Die Idee entstand bereits um 2013 unter dem damaligen Bürgermeister von
Thessaloniki, Giannis Boutaris, der sich stark für die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte der Stadt einsetzte. Symbol für eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur Nach längeren bürokratischen Hürden und Genehmigungsverfahren starteten die eigentlichen Bauarbeiten Anfang 2024. Aktuell ist das Projekt in vollem Gange und die Eröffnung für 2028 geplant. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte das Gelände zuletzt im Oktober 2024 im Rahmen eines Staatsbesuchs. In seiner Rede drückte er seine Scham über die deutschen Verbrechen in Griechenland aus und betonte, dass das Museum ein Auftrag für die Demokratie sei. Das griechische
Holocaust-Museum wird eine Budget von insgesamt etwa 40 Millionen Euro zur Verfügung haben. Deutschland beteiligt sich bisher mit 10 Millionen Euro. Das neue Museum soll ein wichtiges Symbol für eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur werden. Es geht auch um Anerkennung der Verbrechen an den circa 50.000 deportierten Juden Thessalonikis, deren Schicksal ein untrennbarer Teil der deutschen und der griechischen Geschichte ist. Monika Frank, die deutsche Generalkonsulin in
Thessaloniki, beim GedenkmarschBild: Diogenis Dimitrakopoulos/DW "Wir sind geeint in dem Bemühen, einen Ort zu schaffen, an dem Erinnerung stattfinden kann an die jüdischen Gemeinden Griechenlands, aber auch in der Verantwortung geeint, dass es ein Ort der Begegnung wird", sagt Monika Frank, die Generalkonsulin Deutschlands in
Thessaloniki. Die Stille am alten Bahnhof von
Thessaloniki nach dem Gedenkmarsch wirkt mahnend. Sie erinnert daran, dass "Nie wieder" kein bloßes Echo der Vergangenheit sein darf, sondern eine bewusste Entscheidung - für das Erinnern und gegen den Hass.