"Wenn der richtige Zeitpunkt kommt und die Konditionen stimmen, dann wird es auf die richtige Weise passieren", sagte der Chef der italienischen
Unicredit,
Andrea Orcel, Anfang Februar in einem Interview mit dem TV-Sender CNBC. Angesprochen wurde er da auf die Übernahme von Deutschlands zweitgrößter Privatbank, der
Commerzbank. Für Hans-Peter-Burghof, Professor an der
Universität Hohenheim ist die Sache klar: "Das ist eine Übernahmeschlacht. Es geht um viel Geld und die
Unicredit will den Eindruck vermitteln, dass sie am Ende sowieso gewinnt." Seit 2024 läuft der Übernahmekampf bereits und geht nun in die nächste Runde. Denn anscheinend ist für Orcel nun der richtige Zeitpunkt gekommen, denn seit Montag, dem 16.03., hat er den Aktionären der
Commerzbank ein Angebot gemacht: Sie sollen ihre Aktien gegen Aktien der
Unicredit eintauschen können. Damit das für die Aktionäre auch attraktiv ist, stellt er ein Plus von vier Prozent in Aussicht. Die Entscheidung muss er sich aber noch von einer Hauptversammlung im Mai absegnen lassen. "Das ist die klassische Form einer feindlichen Übernahme", sagt Bankexperte Burghof im DW-Gespräch. Denn bisher hat sich der Vorstand der
Commerzbank konsequent gegen Fusion ausgesprochen. Auch die Gewerkschaften und der deutsche Staat, der an der
Commerzbank beteiligt ist, sind gegen die Übernahme. Auch das jüngste Angebot hat daran nichts geändert. "Wir sind überzeugt von der Stärke und dem Potenzial unserer Strategie, die auf Eigenständigkeit und profitables Wachstum setzt", sagte
Commerzbank-Chefin
Bettina Orlopp als Reaktion. Auch ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums bekräftigte: "Der
Bund unterstützt die Strategie der Eigenständigkeit der
Commerzbank."
Commerzbank-Chefin
Bettina Orlopp will die Übernahme durch die
Unicredit abwenden Bild: Hannes P Albert/dpa/picture alliance Die Übernahmebemühungen der
Unicredit laufen nun seit 18 Monaten - ohne konkrete Gespräche. Deshalb sei das Angebot nun ein Versuch, "Bewegung in die festgefahrene Situation zu bringen", schreibt
Florian Heider, Direktor des
Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE, auf DW-Anfrage. Hinzukommen aber auch technische Details. Firmen können sich in beliebiger Höhe bei aktiennotierten Unternehmen einkaufen. Hat der Angreifer aber mehr als 30 Prozent, muss er den Aktionären ein Pflichtangebot für eine Übernahme machen. Derzeit hält die
Unicredit bereits fast 30 Prozent an der
Commerzbank. Mit dem Übernahmeangebot kommt sie also einem wohl deutlich teureren Pflichtangebot zuvor. Außerdem kauft die
Commerzbank derzeit eigene Aktien zurück, um den Kurs zu stärken. Diese zurückgekauften Aktien werden eingezogen und damit die Zahl der insgesamt vorhandenen Aktien reduziert. Das war auf der Hauptversammlung 2025 beschlossen worden. Damit muss die
Unicredit wiederum immer wieder Aktien verkaufen, um nicht aus Versehen die 30 Prozent-Schwelle zu überschreiten. Das Angebot von circa vier Prozent Aufschlag ist laut Experten relativ niedrig. Burghof spricht deshalb auch von einem "Fake-Angebot".
Unicredit-CEO
Andrea Orcel wisse, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit die Übernahme damit nicht erreiche. "Es geht der
Unicredit lediglich darum, die rechtlichen Hürden aus dem Weg zu räumen", so Burghof. Dennoch werden ein paar der Anleger das Angebot annehmen. Die Strategie sei, dass man so "preiswert" über die 30 Prozent komme und danach weitere Anteile hinzukaufen könne, um die
Commerzbank so langfristig zu kontrollieren.
Andrea Orcel, CEO der italienischen Großbank
Unicredit, will die
Commerzbank übernehmenBild: Zonna/Fotogramma/ROPI/picture alliance Für den Finanzwissenschaftler
Florian Heider vom SAFE ist es in Übernahmeprozessen allerdings nicht ungewöhnlich, "dass ein erstes Angebot vergleichsweise niedrig ausfällt." Das sei Teil der Verhandlungsdynamik. Die
Unicredit hat im deutschen Markt mit der Hypovereinsbank bereits ein Standbein. Durch die Übernahme der
Commerzbank sieht die Mailänder Bank Chancen in einem kombinierten Geschäft mit Privat- und Mittelstandskunden. Gewerkschaftler befürchten, dass durch eine Übernahme 10.000 Arbeitsplätze in Gefahr geraten könnten. Das Hauptargument des
Unicredit CEOs Orcel ist, dass Europa im Wettlauf mit den starken US-Geldhäusern größere Banken benötige. Professor Hans-Peter-Burghof hält dagegen: "Ginge es der
Unicredit wirklich darum, eine große europäische Bank zu formen, hätte die
Unicredit dies auch mit der Übernahme der Hypovereinsbank erreichen können." Doch stattdessen habe man das deutsche Bankhaus kleiner gemacht und lediglich auf Gewinnmaximierung gesetzt. Er geht deshalb davon aus, dass es bei der
Commerzbank-Übernahme vor allem darum geht, "die eigene Wettbewerbssituation zu stärken, indem man einen Wettbewerber wegkauft." Auch der Finanzplatz Frankfurt würde leiden, wenn es dort im Privatbankenbereich bis auf die Deutsche Bank überwiegend nur noch Zweigstellen ausländischer Banken gebe.Finanzplatz Frankfurt - wie sähe die Zukunft aus mit einer italienischen
Commerzbank? Bild: Malte Ossowski/SVEN SIMON/picture alliance Für
Florian Heider vom SAFE spricht hingegen aus ökonomischer Perspektive vieles für eine Konsolidierung im europäischen Bankensektor. "In einem integrierten europäischen Markt sollte es letztlich keine Rolle spielen, ob ein Kredit von einer deutschen oder italienischen Bank vergeben wird." Ein paneuropäisches Institut könnte den Finanzplatz Frankfurt sogar stärken. "Beide Parteien glauben noch, dass sie gewinnen können und es ist vollkommen offen, wer gewinnt", sagt Burghof. Dennoch habe die
Unicredit mit dem Übernahmeangebot bereits erreicht, dass in Politik und Medien das Thema wieder an Bedeutung gewonnen habe. Auch
Florian Heider sieht, dass der Druck auf die
Commerzbank zunimmt. So habe die
Commerzbank bereits Stellen abgebaut. "Entscheidend ist daher, dass beide Seiten in konstruktive Verhandlungen eintreten", so Heider. Einen ersten Erfolg kann die
Unicredit auch bereits vermelden. So sagte
Commerzbank-Chefin Orlopp einen Tag nach dem Übernahmeangebot in einem Interview mit Bloomberg TV: "Um uns für Gespräche an den Tisch zu bringen, ist eine Übernahme nicht notwendig." Und sie fügte hinzu: "Wir wären absolut bereit, uns zusammenzusetzen und einen Vorschlag von
Unicredit zu erörtern." Das hatte sich allerdings in den vergangenen anderthalb Jahren anders angehört.