PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungUmberto Bossi †Er kämpfte gegen das „räuberische
Rom“ und träumte von PadanienStand: 25.03.2026Lesedauer: 6 MinutenUmberto Bossi (1941-2026)Quelle: picture alliance/ipa-agency/Clara BiondoEin großer Redner, polternd und raubeinig:
Umberto Bossi war einer der ersten erfolgreichen Populisten in Europa. Er forderte einen unabhängigen Nordstaat in
Italien – bis die Zeit über ihn hinwegging.Seit längerer Zeit schon war er ein Mann der Vergangenheit. Mit seiner raubeinigen Art hatte er seit den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen spezifisch norditalienischen, genauer: lombardischen Populismus populär gemacht. Und war zwei Jahrzehnte lang eine politische Berühmtheit. Dann ging die Welle des Populismus über ihren Begründer hinweg und spülte ihn von der politischen Bühne. Jetzt ist
Umberto Bossi im Alter von 84 Jahren in
Varese gestorben. Zwar unterschied er sich in der polternden Art seines Auftretens kaum von den lautstarken heutigen Agitatoren populistischer Parteien. Und doch war er fundamental anders: Er war ein Föderalist.
Umberto Bossi wurde 1941 in
Cassano Magnago in der Nähe von
Varese geboren. Ganz im Geiste der unruhig-bewegten 60er- und 70er-Jahre probierte er dies und das aus. Mit dem Künstlernamen Donato trat er als cantautore, als Liedermacher, auf. Schrieb Gedichte im lombardischen Dialekt – er hatte einen Sinn für seine Herkunftsregion. Anders als so viele andere Populisten verstand sich Bossi zeitlebens als entschiedener Antifaschist. Und sympathisierte zeitweise mit der Linken, war kurzzeitig sogar Mitglied des PCI, der italienischen Kommunistischen Partei.Als im Norden Italiens unabhängig voneinander lokale, bestenfalls regionale Autonomiebewegungen entstanden, war
Umberto Bossi sofort fasziniert. Er hatte sein Lebensthema gefunden. Er war in der
Lombardei an der Gründung verschiedener, anfangs marginaler Gruppierungen beteiligt gewesen. Aus ihnen ging schließlich, ein erster Schritt territorialer Expansion, die
Lega Lombarda hervor, die später in
Lega Nord umbenannt, genauer: erweitert wurde. Der gesamte Norden Italiens sollte es sein. Aber auch nicht mehr. Bossi wollte nie eine Partei mit nationaler Ausdehnung.Lesen Sie auchEr bewies schnell rhetorisches Talent, er hatte ein Underdog-Charisma. Er trat wie ein rhetorischer Raufbold auf, verweigerte die übliche Politikersprache, seine heisere Stimme prägte sich schnell ein. Er redete grob, oft unflätig, gab den selbstbewussten Außenseiter. Seine Kernbotschaft war so schlicht wie einprägsam: Es gehe um Widerstand gegen „Roma ladrona“, das räuberische
Rom, das den Norden aussauge, um damit eine korrupte römische Elite und die süditalienischen terroni (Erdfresser) durchzufüttern. Bossis Kraftquell war der uralte italienische Nord-Süd-Konflikt. Also das krasse Wohlstandsgefälle zwischen dem reichen, entwickelten Norden mit seinem dichten Geflecht von Klein- und Familienbetrieben und dem armen Süden, der trotz aller Geldtransfers nicht von der Stelle kam. Bossi war der Erste, der die – immer unvollendet gebliebene – italienische Vereinigung von 1861 für gescheitert erklärte. Die italienische Trikolore, sagte er gerne, benutze er nur, „um mir damit den Arsch abzuwischen“. Bossi wollte die Abtrennung des Nordens vom Rest des Landes und die Gründung eines eigenen Nordstaats, der – nach der Po-Ebene benannt – Padanien heißen sollte.Bald hatte die
Lega Nord auch an den Wahlurnen Erfolg. Und zwar mit einer Art Doppelstrategie. Einerseits vertrat sie mit einer liberalen Wirtschaftspolitik erfolgreich die Interessen der Handwerks-, Klein- und Mittelbetriebe. Andererseits überwölbte sie dies mit einer bizarren Nordfolklore. Der Po wurde zum heiligen Fluss erklärt, und die
Lega Nord beanspruchte, ein später Nachfolger eines Bundes lombardischer Städte zu sein, die sich 1167 gegen das Heilige Römische Reich von Kaiser Barbarossa in
Rom zusammengeschlossen hätten. Die Fahne der Partei zeigte den mittelalterlichen Ritter Alberto da Giussano, dessen Existenz nicht gesichert ist. Und der carroccio, ein mittelalterlicher Streitwagen, wurde zum Synonym für die Partei.Das war reine Folklore, aber eine, die Identität stiftete. Alljährlich veranstaltete die Partei in dem kleinen Ort Pontida in der Provinz Bergamo eine große, über Tage sich hinziehende Kundgebung, die eigentlich ein Volksfest war: mit Verkauf von Devotionalien, Lega-Würsten und Lega-Weinen und diversen Darbietungen, oft in mittelalterlichen Kostümen. Das Ganze hatte etwas von Asterix und Obelix, war aber ganz ernst gemeint. Tausende gläubiger Anhänger pilgerten zu dem unscheinbaren Ort. Das Fest war wie ein Vorgriff auf das padanische Reich der Unabhängigkeit. Jedes Jahr zog Bossi, die unumstrittene Führungsfigur der Partei, mit einer Schar von Anhängern an die Quelle des Po, um dort eine Phiole mit dem heiligen Quellwasser zu füllen. Diese wurde dann nach Venedig verbracht, wo Bossi den Inhalt ins Meer schüttete – die symbolische Herstellung der ersehnten norditalienischen Einheit.Das kurze Bündnis mit BerlusconiUmberto Bossi ging es aber nicht nur um die Pflege der Eigenart Norditaliens, das – zwischen den Alpen und der Öffnung zum Süden hin gelegen – halb alpin, halb aber schon südländisch ist. Bossi wollte Macht. So verbündete er sich, inzwischen auch in den Parlamenten zu einem Faktor von Gewicht geworden, mit Silvio Berlusconi. Dessen Wahlbündnis gewann die Parlamentswahl von 1994, die
Lega Nord wurde Teil der ersten Regierung Berlusconis. Für Bossi war das ein Notbündnis. Er misstraute Berlusconi zutiefst, hielt ihn für einen halbseidenen Großstädter und Geschäftemacher. Ohne ihn wäre seine Partei aber nie in Regierungsnähe gekommen. Das Bündnis hielt nicht lange. Nach wenigen Monaten war es am Ende, Bossi ließ die Regierung platzen.Nun begann sein Abstieg. Zwar ging seine Partei 2001 wieder ein Bündnis mit Berlusconis Partei Forza Italia ein. Bossi wurde dieses Mal Minister für institutionelle Reformen. Von Abspaltung war keine Rede mehr, Devolution hieß nun die Parole, also Regionalisierung, mehr Autonomie für die Regionen. Doch auch daraus wurde (fast) nichts, wie so viele Reformversuche Italiens verlor sich auch dieser im Nebel des Ungefähren. Padanien war in weite Ferne gerückt. Jetzt blieb nur noch die Folklore.2004 erlitt
Umberto Bossi, 63 Jahre alt, einen schweren Gehirnschlag. Die Rekonvaleszenz dauerte Jahre. Danach war er nicht mehr der Alte. Obwohl weiterhin kämpferisch, konnte er nur mühsam sprechen. Die Partei, deren Vorsitzender er bis 2012 war, entglitt ihm. Und er wurde kaltgestellt. Wie seine Sekretärin anlässlich seines Todes berichtete, blieb sein Büro in der Parteizentrale ungeheizt, Telefonanschlüsse gab es nicht mehr, und die gesamte Etage wurde nicht mehr gereinigt.Lesen Sie auchDer endgültige Bruch kam, als Bossis rabiater Nachfolger Matteo Salvini das „Nord“ aus dem Parteinamen tilgen ließ und die Partei zu einer nationalen, gesamtitalienischen Kraft zu machen versuchte. Zwar gehörte Bossi auch noch der umbenannten Lega an. Er ließ aber, in seinem Haus bei
Varese grollend, keine Gelegenheit aus, seinen Zorn über die Nord-Vergessenheit der neuen Parteiführung zu verbreiten. Als er jetzt zu Grabe getragen wurde, verbat sich die Familie auf Bossis ausdrücklichen Wunsch alle Kondolenzbesuche der Parteiprominenz.Überall in der Welt reden Populisten heute viel von Heimat und dem Bewahren des Herkömmlichen. Doch seltsamerweise spielt der konkrete geografische und kulturelle Raum, in dem sie agieren, in ihrer Programmatik und Rhetorik so gut wie keine Rolle. Stattdessen reden sie von Steuern, Migration, Eliten, Bürokratie, Filz, Korruption und Wokeness: alles soziologische Begriffe, die übergeordnete Phänomene aller modernen Gesellschaften bezeichnen. Begriffe, die auch alle anderen im Munde führen. Begriffe, die weit oberhalb des Lokalen, des Regionalen, der konkreten Orte angesiedelt sind.Davon unterschied sich der Populismus Umberto Bossis fundamental. Er war von einer starken Vorstellung des unverwechselbaren Nordens Italiens durchdrungen. Und er wurzelte in einer anderen Zeit. Einer Zeit, in der die Idee einer Föderation aus Norditalien, Österreich, auch Ungarn und Slowenien oder sogar Bayern mehr als nur ein Hirngespinst war. Die heute vorherrschenden Populisten nähren sich dagegen von den Problemen und Unzulänglichkeiten, mit denen sich alle modernen Gesellschaften herumzuschlagen haben. Darin ähneln sie jenen Vögeln, deren Leben darin besteht, auf den Tod ihrer Opfer zu warten.