Viele Deutsche träumen von einem Einfamilienhaus. Doch Pendeln, Energieverbrauch und Isolation belasten die beliebte Wohnform. Eine Ausstellung in
Frankfurt zeigt, wie das Eigenheim neu gedacht werden kann. Die Sonne scheint auf die Terrasse, auf die ein farbenfroh gepunkteter Schirm einen Schatten wirft. Im frisch gemähten Gras sitzt die adrett frisierte Mutter mit ihrem sehr blonden Kind. Und im Hintergrund schaut der Vater, der gerade von der Arbeit gekommen ist, vom Wohnzimmer aus auf sein perfektes Familienglück. Es sind solche Bilder, mit denen Zeitschriften wie "Schöner Wohnen" in der
Bundesrepublik der Nachkriegszeit den Traum vom Einfamilienhaus prägten. "Eigentlich ist das eine Anleitung zum richtigen Wohnen", sagt
Jorun Jensen, Kuratorin der Ausstellung "Suburbia" am Deutschen Architekturmuseum in
Frankfurt. "Wie richten wir uns ein? Wer übernimmt die Hausarbeit? Der Hausherr fährt zur Arbeit, aus den Vororten in die Stadt." "Schöner Wohnen" hat Jensen ins Zentrum ihrer Ausstellung gerückt - mit einem Wohnzimmer im Stil der 1960er-Jahre, in dem man in alten Heften der Zeitschrift blättern kann. Klassische Familienbilder werden hier propagiert, aber auch damals moderne Architektur- und Einrichtungstrends. Da werden bei vielen Besuchern Erinnerungen wach: "Das Einfamilienhaus ist ein sehr emotionales Thema", sagt Jensen. In
Deutschland sind dem Zensus 2022 zufolge fast 79 Prozent aller Wohngebäude Ein- und Zweifamilienhäuser. Doch die Wohnform hat eine schlechte Bilanz: Die kleinen Eigenheime mit großen Gärten tragen zur Zersiedlung der Landschaft bei und verursachen Pendlerströme. Auch die Energieeffizienz ist in vielen Fällen miserabel. Doch vor allem: Nach dem Auszug der Kinder wohnen oft nur noch ein oder zwei ältere Menschen auf einer verhältnismäßig großen Fläche. Im Schnitt leben in einem Einfamilienhaus in
Deutschland nur 1,8 Personen. Lösungen für die Krise des Eigenheims präsentieren in der Frankfurter Ausstellung Studierende der
TU München. Sie haben sich in einem Seminar real existierende Häuschen aus Münchner und Stuttgarter Vororten angeschaut und Modelle für deren Weiterbau entwickelt. Das Ziel: Mehr Wohnfläche in den existierenden Vorstadtsiedlungen, weniger Einsamkeit der oft alten Bewohnerinnen und Bewohner. "Viele Hauseigentümer sind emotional an diesen Ort gebunden und wollen nicht weg", sagt
Valerie Kronauer, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der
TU München. Aber 22 Prozent von ihnen seien auch bereit, "ihr Haus mit anderen zu teilen, weil sie von der Größe überfordert sind und die Kosten nicht mehr tragen können". Dafür werden architektonische Lösungen gesucht, die die richtige Mischung aus Privatheit und Zusammenleben möglich machen - und zugleich den Traum vom Wohnen im Grünen erhalten. Auch die Energiebilanz der Einfamilienhäuser soll verbessert werden. "Wie schaffen wir es, jeder Wohneinheit einen Außensitz zu ermöglichen, ohne dass die Privatsphäre, die im Einfamilienhaus so wichtig ist, verloren geht?", beschreibt Kronauer eine typische Gestaltungsaufgabe beim Umbau von Einfamilienhäusern. Im Forschungsprojekt an der
TU München entstanden verschachtelte Anbauten - etwa mit einer großen Terrasse Richtung Westen und einem Balkon im Obergeschoss, der sich von Süden nach Osten um das Haus herumzieht. Ein Modell aus dem Entwurfsstudio des Forschungsprojekts der
TU München. Auch die geltenden Abstandsregeln sind ein Problem. In Eigenheimsiedlungen darf in der Regel nicht bis an die Grundstückskante heran gebaut werden. Einzige Ausnahme sind Garagen. Daher bietet es sich an, bestehende Garagen aufzustocken und hier neuen Wohnraum zu schaffen. Durch die Transformationen bestehender Einfamilienhäuser, so haben die Forschenden der
TU München berechnet, könnten bundesweit über sechs Millionen neue Wohneinheiten entstehen - ein vielversprechender Weg aus der Wohnungskrise. Für
Valerie Kronauer ist klar: Sie und ihre Münchner Studierenden wollen das Einfamilienhaus nicht verteufeln. "Mit unseren Ansätzen wollen wir den Traum vom Eigenheim möglich machen und Perspektiven aufzeigen, wie Leute, die ein Haus besitzen, dort bleiben können." Dafür müsse man aber bereit sein, das "klassische Bild vom Einfamilienhaus weiterzudenken".