Reportage Stand: 25.03.2026 • 05:05 Uhr Eine abgelegene Landstraße ist inzwischen die wichtigste verbliebene Nachschubroute für die ukrainische Front im
Donbass. Für Zivilisten und Militär ist sie eine Art Lebensader, doch jede Fahrt ist gefährlich. Der Weg in den
Donbass führt 170 Kilometer über unzählige Schlaglöcher, durch enge Waldstücke und offene Steppe. Ab und zu durchquert die Route ein kleines Dorf. Die unscheinbare Landstraße ist eine der letzten verbliebenen Nachschubrouten aus der Zentralukraine zum östlichen Frontabschnitt bei
Kramatorsk. Wer hier unterwegs ist, kommt nur sehr langsam voran. "Die Straße befindet sich in einem völlig schrecklichen Zustand", findet
Valerij. Der 25-Jährige arbeitet an einer der wenigen Tankstellen. "Im Sommer war es möglich, in einer Stunde 60 Kilometer zu fahren, und jetzt dauert es drei Stunden. Es ist alles sehr traurig mit dieser Straße." Auch wegen Valerijs Tankstelle läuft der Verkehr entlang der Landstraße weiter. Aber die Straße ist in einem denkbar schlechten Zustand. Für
Valerij und seine Kollegen läuft das Geschäft an der Tankstelle an diesem Morgen gut. Zeitweise stauen sich die Fahrzeuge an den Zapfsäulen. Es halten Militär-Laster, Soldaten in Pick-Up-Trucks und Zivilisten in verbeulten Autos. Manche Kunden kommen von weit her, so wie
Olexandr. Er und seine Frau sind eine Stunde von ihrem Haus bis hierhin gefahren. Sie wollen nicht nur das Auto volltanken, aus dem Kofferraum holt
Olexandr noch einen Benzinkanister und eine Gasflasche. Die sei für den Herd in der Küche, sagt er. "Nirgendwo sonst kann ich tanken. Wir wohnen 30 Kilometer entfernt." Mindestens alle zwei Wochen füllen sie ihr Auto und ihre Reserven auf. Zuhause sei es gefährlich. Drohnen flögen dort Tag und Nacht, erzählt
Olexandr. Weggehen wollen sie aber nicht. "Solange uns die Drohnen nicht auf den Kopf fallen, bleiben wir." Wenn die Front näher rücken sollte, werde man sehen. Schlaglöcher und Schlamm können die Menschen in der Region dennoch nicht daran hindern, sich mit Benzin einzudecken - es gibt auch keine Alternative. Die vielen schweren ukrainischen Militärtransporte haben tiefe Furchen in den Asphalt der Landstraße gegraben: Auch Panzer, Haubitzen und Truppen werden über die Straße transportiert. Russland greift diese und andere für das ukrainische Militär wichtigen Versorgungsrouten immer wieder systematisch mit Drohnen an. Andere Nachschubrouten weiter südlich, wie die E50-Autobahn zwischen
Pavlohrad und
Pokrovsk, sind für die
Ukraine nicht mehr nutzbar. Das US-amerikanische Institute for the Study of War zählt allein im Januar 2026 mehr als 20 Drohnenangriffe im westlichen Teil dieser Straße - Dutzende Kilometer von der Kampfzone entfernt. Dabei wurde offenbar unter anderem ein Bus mit Minenarbeitern getroffen und zwölf von ihnen getötet. Mehr und mehr verlagert sich der Verkehr nun auf die nördlichen Umgehungsstraßen. Dort liegt nun auch die Tankstelle, an der
Valerij arbeitet, mitten in einer Gefahrenzone, erzählt er. "Neben uns sind Drohnen eingeschlagen und explodiert." Wie durch ein Wunder wurde die Tankstelle bisher nicht direkt getroffen. "Wir leben wie auf einem Pulverfass." Der Krieg ist allgegenwärtig - auch durch zurückgelassenes Kriegsgerät. Der Tankwart ist bereits 2022 aus Charkiw geflüchtet, als russische Truppen nahe an die Metropole heranrückten. Jetzt bereitet sich der junge Vater darauf vor, ein weiteres Mal vor dem Krieg zu flüchten. "Ich habe ein kleines Kind, also habe ich hier nichts verloren." Das Wichtigste für ihn sei es, zu überleben, sagt er. Sonst halte ihn nichts mehr hier. Nur wegen einer Wohnung hier zu bleiben, mache keinen Sinn. Entlang der Straße ist überall zu sehen, wie das ukrainische Militär den Festungsgürtel im und rund um den
Donbass ausbaut. Bagger schaufeln Gräben für neue Verteidigungsanlagen. Über manche Straßenabschnitte sind kilometerlange Netze gespannt, die vor Drohnen schützen sollen. Diese Anti-Drohnen-Netze sollen nun möglichst schnell ausgebaut werden. 20 Kilometer pro Tag hat das Verteidigungsministerium als Devise ausgegeben. Die
Ukraine passt sich der Bedrohung an - Netze sollen nun vor den ständigen Drohnenangriffen schützen. Einige Kilometer von der Tankstelle entfernt steht ein Dorf, am Straßenrand hat eine kleine Werkstatt geöffnet. "Reifenmontage" steht auf einem Schild draußen. Drinnen steht ein großer kräftiger Mann mit grauem Bart und Brille. Er heißt Serhij, wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht und zieht einen Reifen auf eine Felge. Auch er beklagt den Zustand der Straße. "Manchmal platzen die Reifen auch wegen Schrauben und Nägeln. Und dann liegen Trümmer herum." Die geplatzten Reifen bringen Serhij mehr Kundschaft. Zurzeit halten viele bei ihm. Freuen kann sich der 56-Jährige darüber nicht. Denn die meisten sind nur aus einem Grund hier: dem Krieg. "90 Prozent sind Soldaten", sagt er. Gerade warten auch zwei Militärs mit ihrem Transporter vor der Werkstatt. Serhij rollt die fertigen Räder nach draußen und montiert sie. Vor allem das Das Militär sorgt in Serhijs Werkstatt für den Umsatz - doch er fragt sich, wie lange er noch in der Gegend bleiben kann. Als die russische Großinvasion begann, seien viele aus dem Dorf geflüchtet, einige seien später wieder zurückgekommen, erzählt er. Serhij und seine Frau sind hiergeblieben. Jetzt sei die Situation aber anders als 2022 zu Beginn des russischen Überfalls, es sei viel gefährlicher. Auch Serhij überlegt, bald wegzugehen. Der Gedanke daran schmerzt ihn. "Lässt sich das in Worte fassen? Man hat sein ganzes Leben lang gearbeitet, und dann soll man all das zurücklassen." Er sei schließlich nicht mehr Mitte 20 und könne einfach so ganz von vorn anfangen. "Man hatte alles und im nächsten Moment hat man es nicht mehr", sagt er traurig. Wenn Russland sein Zuhause dem Erdboden gleich macht, sieht aber auch er keinen Sinn mehr, noch an der Nachschubroute im Osten der
Ukraine wohnen zu bleiben. Von Pawlohrad führt eine der letzten Nachschubrouten zur umkämpften Stadt
Kramatorsk.