Angebliche Sicherheitsbedenken
Moskau lernt mühsam, ohne mobiles Internet zu leben Stand: 25.03.2026 • 08:49 Uhr Bislang war Moskaus Alltag voll digitalisiert. Doch nun schalten die Behörden immer wieder das mobile Internet ab - vorgeblich aus Sicherheitsgründen. Die Bürger müssen sich nun auf alte Gewohnheiten besinnen. Auf dem Rücken trägt er eine Satellitenschüssel, Router sind um seine Beine geschnürt und in der Hand hält er eine Antenne: So zeigt sich der russische Comedian
Kuruchbro auf der Suche nach dem Internet. Auf einem Video, das er bei
Instagram veröffentlicht hat, macht er sich über die aktuelle Situation in
Russland lustig. Aber witzig ist die für viele Menschen gerade ganz und gar nicht. Den Clip können ohnehin nur die sehen, die Netz haben und zudem die Sperre für soziale Medien umgehen können.
Signal,
WhatsApp,
Instagram,
LinkedIn,
X,
YouTube und
Facebook funktionieren seit langem in
Russland nur noch, wenn man die Sperre mit einem VPN umgeht. Aber auch die Tunnel ins freie Internet unterdrücken die Behörden zunehmend erfolgreich; Werbung für VPN-Programme ist verboten. Tausende Websites sind geblockt, vor allem von unabhängigen Medien und Menschenrechtsorganisationen. Jetzt geht der Staat einen Schritt weiter: Er schaltet immer wieder das mobile Internet ab. In den Regionen wird damit längst experimentiert, nun trifft es auch
Moskau. Kein Internet mit dem Handy - was das in einer voll digitalisierten Stadt bedeutet, wird erst klar, wenn es passiert: Taxifahrer können nicht mehr per App bestellt werden oder verfahren sich, weil sie nicht mehr digital durch
Moskau navigieren können. Die Nachfrage nach Funkgeräten und gedruckten Stadtplänen ist stark gestiegen. Auch das Zahlen mit Karte oder Handy funktioniert oft nicht. Ein Pärchen in der Moskauer Innenstadt erzählt, es habe das zwanzig Minuten lang probiert und sei dann ohne Einkauf wieder aus dem Laden gegangen. Viele Menschen in
Moskau steigen wieder auf Bargeld um. Russische Zeitungen schreiben, in nur fünf Tagen der Blockade hätten Moskauer Unternehmen umgerechnet mehr als 50 Millionen Euro verloren. Fast die gesamte Kommunikation über das Handy bricht immer wieder zusammen, weil viele Russinnen und Russen zum Telefonieren Apps benutzen, die nur über das mobile Internet funktionieren. Die gesamte Situation in
Russland sei sehr schwer zu meistern und sehr traurig, erzählt der Student
Anton: "Das ist einschüchternd. Aber was können wir tun?" Er könne sich schon vorstellen, warum das mobile Internet abgeschaltet werde, aber darüber zu reden, sei nicht ungefährlich. In einer Moskauer Fußgängerzone erzählt Anastassia, dass sie eigentlich aus Belgorod komme, einer Stadt nahe der Grenze zur Ukraine, die stark unter Beschuss stehe: "Ich will lieber ohne Internet leben. Lieber bleibe ich ohne Verbindung, und kann dafür aber in Ruhe leben - ohne Luftalarm und ohne Schreien." Sie sagt genau das, was der Kreml auch von sich gibt: Die Abschaltung des mobilen Internets diene der nationalen Sicherheit. Sicherheit vor Drohnen, vermuten manche. Aber die fliegen weiterhin. Am Sankt Petersburger Flughafen ging am Montag zeitweise nichts mehr wegen eines Drohnenangriffs. Im russischen Staatsfernsehen trat nun das Kinderensemble aus Wolgograd auf, in rot-weißen Kostümen, die Mädchen mit Schleifchen im Haar. Sie sangen ein Anti-Internet-Lied: "Wir wollen das nicht, uns findet ihr nicht online. Wir sind nicht in eurem Internet", so der Refrain. "Wie praktisch, dass wir schon ein eigenes Internet und Apps entwickelt haben", könnte der Kreml dem Lied noch hinzufügen. Denn das Ziel der russischen Regierung ist es, dass die Menschen in
Russland nur noch solche Anwendungen nutzen, die der Staat auch kontrollieren kann. Dazu gehört auch der Messenger MAX, der im Staatsauftrag entwickelt wurde. Kritiker fürchten, dass der Inlandsgeheimdienst dort flächendeckend mitliest. Schon jetzt zahlen Millionen von Russinnen und Russen ihre Rechnungen damit oder können nur über MAX Termine bei Behörden buchen. Menschen in Hausgemeinschaften oder Eltern, deren Kinder zur Schule gehen, müssen ihn installieren, um an Informationen zu kommen. Während das Internet abgeschaltet ist, können die Menschen in
Russland trotzdem auf Webseiten gelangen: Auf der sogenannten Whitelist stehen Regierungsseiten und Rettungsdienste, aber auch die Post oder die Bahn. Und auch Medien - allerdings nur die, die staatlich reguliert sind. So sind in Zukunft dann vielleicht nur noch geprüfte russische Inhalte im mobilen Internet abrufbar. In einigen Orten wurden Demos gegen die Netzsperrungen angemeldet - ob sie tatsächlich stattfinden dürfen, wird sich zeigen.