Fretterode ist ein 170-Seelen-Dorf im thüringischen
Eichsfeld. In die bundesweiten Schlagzeilen hat es der Ort aber schon mehrmals geschafft. Um die Jahrtausendwende, als sich der niedersächsische Neonazi
Thorsten Heise in
Fretterode im alten Gutshaus niederließ und einen Versandhandel aufzog. Und 2018 wieder, als zwei Journalisten auf einer Recherche zur rechtsextremen Szene in dieser Gegend überfallen und mit Baseballschlägern, Schraubenschlüsseln und Reizgas attackiert wurden. Am Mittwochabend rückte nun ein Großaufgebot der Polizei in
Fretterode an, um Heises Wohnhaus zu durchsuchen. Vorausgegangen war ein Angriff auf ein dreiköpfiges Team von
Spiegel-TV. Die Journalisten mussten nach Schlägen und dem Kontakt mit Reizgas im Krankenhaus behandelt werden.Die Staatsanwaltschaft
Mühlhausen ermittelt nun wegen gefährlicher Körperverletzung und Verstoßes gegen das Waffengesetz. Am Abend waren der 56-jährige Vater und sein 22 Jahre alter Sohn vorübergehend festgenommen worden, kamen dann aber wieder frei. „Haftgründe lagen nach hinreichender Prüfung gegen die Männer nicht vor“, teilte die Polizei mit. Bei der Wohnungsdurchsuchung beschlagnahmte die Polizei mehrere Gegenstände.Die Justiz zeigte 2018 wenig Eifer beim Verfolgen der TäterHeise war Landesvorsitzender der NPD in
Thüringen, kandidierte zur Bundestagswahl und trat bei Kommunalwahlen an. Die NPD benannte sich 2023 in Heimat um, Heise sitzt derzeit im Bundesvorstand. Er ist mehrfach vorbestraft. Das Team von
Spiegel-TV war in der Gegend um
Fretterode, um einen Film über den Angriff von 2018 zu drehen. Dabei hatte einer der beiden 2018 attackierten Journalisten dem TV-Team am damaligen Tatort noch einmal Einzelheiten des Überfalls vor der Kamera geschildert. Dessen Anwalt
Sven Adam sagte der Süddeutschen Zeitung am Donnerstag, für seinen Mandanten sei allein das bereits eine maximal aufwühlende Situation gewesen. Er habe aber einzelne Szenen von damals nachgestellt, „weil er es für richtig hält, immer wieder zu thematisieren, was ihm und seinem Kollegen damals passiert ist“.Journalisten sind für die Rechtsextremisten Feinde: Der in
Fretterode ansässige Neonazi
Thorsten Heise, hier bei einer Demo in Essen. Christoph Reichwein (CREI)/ImagoDie Justiz zeigte damals wenig Eifer, die Täter zu verfolgen. Mehr als drei Jahre vergingen bis zum ersten Prozess vor dem
Landgericht Mühlhausen. Er endete 2022 mit sehr geringen Strafen: Bewährung und 200 Arbeitsstunden, auch weil die Kammer in dem Überfall auf die beiden Journalisten keinen gezielten Angriff auf die freie Presse erkennen mochte. Die Angreifer hätten ihre Opfer für Angehörige der linken Szene gehalten, hieß es zur Begründung. Der Bundesgerichtshof hob dieses Urteil 2024 wegen erheblicher Rechtsfehler auf, seit Ende Dezember wird der Fall nun vor einer anderen Kammer des Landgerichts
Mühlhausen verhandelt.„Die Botschaft der Neonazis ist eindeutig.“Anwalt Adam fordert eine rasche und konsequente Aufarbeitung: „Das laxe Urteil aus dem ersten
Fretterode-Prozess hat einen Raum geschaffen für das, was jetzt hier passiert ist. Und wenn die Justiz dieses Mal nicht massiv dagegenhält, dann wird es auch weiter solche Übergriffe geben“.Ähnlich äußerte sich der Deutsche Journalistenverband. DJV-Vize Mariana Friedrich erklärte, der aktuelle Angriff beweise, „dass das Ersturteil nicht geeignet war, die Pressefreiheit und damit unsere Demokratie zu verteidigen“. Übergriffe auf Medienvertreter würden von einigen inzwischen als normal empfunden. „Dabei können sich Täter häufig absurderweise genau in dem Rechtsstaat sicher fühlen, den sie delegitimieren und bekämpfen.“Die Linken-Abgeordnete Katharina König-Preuss sagte,
Fretterode drohe zu einer „national befreiten Zone“ zu werden, Innenminister Georg Maier (SPD) müsse nun einen Plan vorlegen, wie die Netzwerke in der Region zerschlagen werden könnten. Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) verurteilte den Angriff als Attacke auf die Pressefreiheit und die grundlegenden Werte der Demokratie.Anwalt Adam drückt es im Gespräch mit der SZ so aus: „Die Botschaft der Neonazis ist eindeutig: Der Feind ist der Journalismus. Und der Feind wird angegriffen, wenn er in
Fretterode recherchiert.“