26. März 2026Der Bundeskanzler stellt einen Zusammenhang her zwischen Gewalt gegen Frauen und Migration. Stärkt er Vorurteile? Fachleute warnen vor fragwürdigen Verallgemeinerungen.https://p.dw.com/p/5BBXTGibt es einen Zusammenhang zwischen zunehmender Gewaltkriminalität und Zuwanderung? Diesen Eindruck erweckte Bundeskanzler
Friedrich Merz im
Bundestag in der Antwort auf eine Frage nach Gewalt gegen FrauenBild: Lucas Friedenhain/xcitepress/dpa/picture alliance"Wir haben eine explodierende Gewalt in unserer Gesellschaft, und zwar im analogen wie im digitalen Raum", beklagte Bundeskanzler
Friedrich Merz am Mittwoch im Deutschen
Bundestag. Er fügte hinzu: "Dann müssen wir auch ansprechen, dass ein beachtlicher Teil dieser Gewalt aus den Gruppen der Zuwanderer in die
Deutschland" class="entity-link entity-location" data-entity-id="59735" data-entity-type="location">Bundesrepublik
Deutschland kommt." Der vom deutschen Regierungschef unterstellte Zusammenhang zwischen Gewaltkriminalität und Zuwanderung löste bei der Opposition im
Bundestag Empörung aus. Vor allem deshalb, weil seine umstrittene Äußerung die Antwort auf eine Frage zu sexualisierter Gewalt gegen Frauen gewesen war. "Diese Gewalt ist nicht zugewandert, sie war schon immer da - alle Frauen in diesem Land wissen das", sagte die Linken-Abgeordnete
Clara Bünger am Donnerstag in einer Debatte über die Strafbarkeit bildbasierter sexualisierter Gewalt. Reporter - Gewalt gegen Frauen in DeutschlandTo view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video Auch die Türkische Gemeinde in
Deutschland (TGD) kritisierte Merz scharf. "Mit seinen Äußerungen hat Herr Merz bewiesen, dass es ihm nicht um den Schutz von Frauen geht, sondern um politische Instrumentalisierung", sagte TGD-Vorsitzende
Mehtap Caglar der Deutschen Presse-Agentur (dpa). "Wer Gewalt nur dann thematisiert, wenn er sie Migranten zuschreiben kann, lässt jede einzelne Frau in
Deutschland im Stich, die Schutz vor patriarchaler Gewalt braucht - egal woher der Täter kommt." Rein statistisch betrachtet hat Merz einen Punkt, wie ein Blick in die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik (PKS) für 2024 zeigt. Demnach war die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen bei Gewaltdelikten um 7,5 Prozent gestiegen, während sie bei deutschen Tatverdächtigen fast stagnierte. Diese Statistik ist inzwischen ein Jahr alt. Aktuelle Zahlen wird das Bundeskriminalamt (BKA) Mitte April veröffentlichen, wie die DW auf Anfrage erfahren hat. Unabhängig von der Entwicklung in den zurückliegenden zwölf Monaten lohnt es sich, daran zu erinnern, wie BKA-Präsident Holger Münch die Zahlen zu Gewaltdelikten interpretierte: "Es liegt nicht an der Herkunft, sondern der Ballung der Risiko-Faktoren." Wie sich BKA-Chef Münch Gewaltkriminalität erklärt Er verwies auf die oft miserablen Lebensbedingungen für Geflüchtete, die oft in Massenunterunterkünften hausen müssen und nicht arbeiten dürfen. Münch benannte die aus seiner Sicht entscheidenden Ursachen für höhere Kriminalität unter Ausländern: "Es sind psychische Belastungen. Es sind Gewalterfahrungen, die bei Zugewanderten häufiger aufgetreten sind, insbesondere in der Kindheit. Und es sind häufiger positive Einstellungen zu Gewalt.""Es liegt nicht an der Herkunft, sondern der Ballung der Risiko-Faktoren", sagt BKA-Chef Holger Münch zu steigenden Zahlen bei GewaltkriminalitätBild: Hans Pfeifer/DW Insgesamt waren 217.000 Fälle von Gewaltkriminalität erfasst worden. Damit sind sehr unterschiedliche Delikte gemeint: Mord und Vergewaltigung, aber auch schwere Fälle von Raub und Körperverletzungen. Vor allem Angriffe mit Messern führen in
Deutschland jedes Mal zu politischen Debatten, wenn die Tatverdächtigen keinen deutschen Pass haben. Spätestens dann geht es auch um die Frage, ob mehr Migration und Zuwanderung zu mehr Kriminalität führt? Ein irreführender Begriff: "Ausländerkriminalität" Aus wissenschaftlicher Sicht steht schon lange fest, dass der Begriff "Ausländerkriminalität" irreführend ist und Vorurteile verstärken kann. Susann Prätor von der Polizeiakademie Niedersachsen forscht seit Jahren zu diesem Thema. Über ihre Erkenntnisse berichtete sie 2025 bei einem Pressegespräch des Mediendienstes Integration. Ihr Befund zu den Ursachen für steigende Gewaltkriminalität entsprach der Einschätzung, die BKA-Chef Münch gegeben hat: "Es ist am Ende nicht die Staatsangehörigkeit, die Herkunft, sondern es sind die Bedingungen, unter denen Menschen in
Deutschland leben."