Anfang Dezember 2025 berichteten britische Medien wie die Times,
Großbritannien erwäge, abgelehnte Asylbewerber in "Rückführungszentren" nach
Nordmazedonien zu bringen. In
Nordmazedonien lösten die Berichte über diese sogenannten "Return Hubs" heftige politische Reaktionen und eine spürbare öffentliche Gegenantwort aus. Schlagartig rückte das Thema Migration ins Zentrum der innenpolitischen Debatte. Bereits im Mai 2025, als das strategische Partnerschaftsabkommen zwischen dem Vereinigten Königreich und
Nordmazedonien auf Regierungsebene unterzeichnet worden war, hatten Gerüchte kursiert, Absprachen zu Migration könnten Teil dieser Vereinbarung sein. Im Dezember sah sich der nordmazedonische Ministerpräsident
Hristijan Mickoski dann gezwungen, die Angaben zum Thema Migration in den britischen Medien öffentlich zurückzuweisen und sie als Spekulationen und Falschmeldungen der Opposition zu bezeichnen. "Solange ich Ministerpräsident bin, wird kein einziges Lager für illegale Migranten errichtet und wir werden keinen einzigen Migranten aufnehmen", erklärte Mickoski. Laut britischen Medien war im Partnerschaftsabkommen vereinbart worden, Migranten, deren Asylanträge im Vereinigten Königreich abgelehnt wurden, in Drittstaaten des Westbalkans abzuschieben.
Nordmazedonien wurde dabei neben
Kosovo und
Bosnien und Herzegowina als eines der potenziell beteiligten Länder genannt, denen
Großbritannien, laut den Berichten, für jeden aufgenommenen Migranten finanzielle Kompensation in Aussicht gestellt haben soll. Solche Entwicklungen bezeichnen Kritiker als "Externalisierung" der Migrationspolitik: Migrationskontrolle und -unterbringung sollen zunehmend in Staaten verlagert werden, die außerhalb des EU‑Rechtssystems stehen. So vereinbarte
Großbritannien 2022 die Überstellung von Asylsuchenden nach
Ruanda - ein Projekt, das nach einem Urteil des Obersten britischen Gerichts (Supreme Court) und dem Regierungswechsel zu
Keir Starmer endgültig eingestellt wurde. Die
Westbalkan-Region erscheint nun als das Experimentierfeld, in dem neue Steuerungsmodelle erprobt werden können. Zentral dabei ist die asymmetrische Ausgangslage zwischen EU‑Staaten und Ländern des Westbalkans. Während europäische Staaten ihre Migrationspolitik zunehmend auf Kontrolle und Abschottung ausrichten, stehen die
Westbalkan-Länder unter Druck, sich als verlässliche Partner Westeuropas zu profilieren - oft in der Hoffnung auf politische Annäherung, sicherheitspolitische Kooperation oder wirtschaftliche Vorteile. Der Politikwissenschaftler Florian Bieber vom Zentrum für Südosteuropastudien der Universität Graz betont, dass die Einbindung der
Westbalkan-Staaten kein Zufall sei: Ihre Position außerhalb des EU‑Rechtsrahmens mache es politisch einfacher, Migranten dorthin zu verbringen. Der Südosteuropa-Experte Florian BieberBild: Uni Graz Auch wenn die Länder als EU-Beitrittskandidaten ihr Rechtssystem an die EU angleichen, befinden sie sich formal außerhalb des EU-Asylsystems. In den Gesellschaften des Westbalkans ist Migration seit Jahren ein hochsensibles Thema. Die Angst, zum "Auffanglager Europas" zu werden, ist in der Region weit verbreitet - nicht zuletzt seit den Grenzschließungen entlang der "Balkanroute", auf der Flüchtlinge - vor allem aus Syrien - im Jahr 2015 in den Westen Europas kamen. Bieber weist darauf hin, dass sich diese Sorge nicht nur aus Fremdenfeindlichkeit speise, sondern auch aus einem Gefühl der politischer Instrumentalisierung und des Kontrollverlusts.Gräber unbekannter Flüchtlinge entlang der Balkanroute in Zvornik, Bosnien und HerzegowinaBild: Tina Xu /DW Verschärft wird die Diskussion durch Defizite in der politischen Kommunikation. Statt frühzeitig und transparent zu informieren, liefern Regierungen wie beispielsweise in
Nordmazedonien häufig nur fragmentarische Details zu möglichen Abkommen. Bieber sieht darin eine bewusste Strategie: Eine offene Kommunikation könne politisch schaden, insbesondere wenn diese Regierungen auf eine konservative oder nationalistische Wählerklientel angewiesen seien. Das Zurückhalten von Informationen schaffe jedoch ein Vakuum, das schnell von Spekulationen, Gerüchten und Desinformation gefüllt werde. Davor warnt die Medienforscherin Olga Koshevaliska von der Goce-Delcev-Universität in Stip. In den mazedonischen Medien werde Migration häufig sensationsorientiert und ohne ausreichenden Kontext dargestellt, wodurch der Eindruck entstehe, es handele sich um eine unmittelbare, unkontrollierbare Bedrohung. Diese Dynamik werde in sozialen Netzwerken besonders sichtbar, wo sich emotionalisierte und zugespitzt formulierte Inhalte rasch verbreiten und die Debatte radikalisieren würden. Die Folge sei eine zunehmende Verhärtung des öffentlichen Diskurses, in dem Migration kaum noch als komplexes soziales Phänomen, sondern überwiegend als Sicherheitsrisiko wahrgenommen werde, sagt Koshevaliska.Die mazedonische Medienforscherin Olga KoshevaliskaBild: Privat Gleichzeitig dient die Migrationsfrage als willkommenes Werkzeug im innenpolitischen Machtkampf in den
Westbalkan-Staaten. In
Nordmazedonien nutzt die Opposition das Thema, um der Regierung Verrat an nationalen Interessen vorzuwerfen und Proteste zu mobilisieren. Koshevaliska erinnert an das Jahr 2017, als in dem Land Berichte über angebliche geplante Unterkünfte für Migranten zu lokalen Referenden und massiven Spannungen führten - ein Beispiel dafür, wie leicht sich migrationspolitische Themen in der Region zur Mobilisierung und Polarisierung einsetzen lassen. Während
Bosnien und Herzegowina den britischen Vorschlag zur Aufnahme abgelehnter Asylbewerber Berichten zufolge klar zurückgewiesen hat, zeigt sich Albin Kurti, Premierminister Kosovos, offen für eine Zusammenarbeit - im Gegenzug für sicherheitspolitische Unterstützung.
Kosovo hat schon früher Bereitschaft für ähnliche Vereinbarungen signalisiert und hat bereits Erfahrungen mit ähnlichen Arrangements: 2021 nahm das Land rund 1900 Afghanen auf, die auf ihre Weiterreise in die USA warteten, und schloss später ein Abkommen mit Dänemark, das dem Staat erlaubte, bis zu 300 Gefängnisplätze in
Kosovo für verurteilte Ausländer zu nutzen, die nach der Haft abgeschoben werden sollen.Kosovos Premier Albin Kurti spricht sich für eine Zusammenarbeit mit
Großbritannien ausBild: Press office of the
Kosovo presidency/DW Expertinnen und Experten warnen derweil vor einer Überforderung. Der Politikwissenschaftler Nexhmedin Spahiu aus Prishtina kritisiert, Entscheidungen würden zu häufig aus opportunistischen Gründen getroffen - etwa um strategische Partner wie
Großbritannien zufriedenzustellen oder Beziehungen zu internationalen Partnern zu stärken. Die langfristigen gesellschaftlichen und institutionellen Folgen würden dabei nicht ausreichend bedacht. Die Erklärung von Premier Kurti sei lediglich "ein serviler Akt gegenüber einem strategischen Verbündeten, um die Beziehungen zu pflegen", sagt Spahiu. Loyalität gegenüber Verbündeten sei wichtig, so der Politologe - aber sie müsse dort enden, wo die eigenen Möglichkeiten überschritten würden. Sonst drohe der
Westbalkan noch stärker zu jenem "Randraum" europäischer Migrationspolitik zu werden, als den ihn viele schon heute wahrnehmen.Bild: MBEIM.nrw Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Projekts "Resilienz gegen Desinformation in
Nordmazedonien", das von der Regierung von Nordrhein-Westfalen unterstützt wird.