Raubmord in
Potsdam: Nach dem Überfall auf einen Juwelier nehmen die »Polizeiruf«-Ermittler die Familie des Ladenbesitzers ins Visier. So viele Verdächtige, so wenig Spannung. Kommissare Ross (
André Kaczmarczyk, l.) und Rogov (
Frank Leo Schröder): »Ich hätt’ immer noch gerne ’ne Kippe« Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Der Alte haut in der Freizeit gegen den Boxsack, weil er sich das Rauchen abgewöhnen will. Der Junge streift am Revierschreibtisch durch schwule Datingportale, da ihm seine Beziehung gerade zu anstrengend wird. Wie soll man bei dermaßen unterschiedlichen Leidenschaften als starkes Doppel zusammenkommen? Juwelierszene im »Polizeiruf«: War es wirklich die Clowns-Bande, die den Überfall beging? Im aktuellen Fall werden die Kommissare
Vincent Ross (
André Kaczmarczyk) und
Karl Rogov (
Frank Leo Schröder) zusammengebunden. Ross ist die queere Nachwuchshoffnung in schwarzen Netz- und Nylon-Oberteilkreationen, Rogov das angeschlagene Schlachtross in ausgebeultem Rentner-Beige und -Braun, das das Rauchen einstellen muss. Was ist die Rolle von Shy-boy?In der neuen Folge kommt es zu recht kurzweiligen Plänkeleien, weil der vom Nikotinentzug angespannte Rogov von Ross’ Selbstgedrehten genervt ist. Gleichzeitig ergänzen sich die beiden auch ganz gut, zum Beispiel, als der Ältere nach dem Anti-Rauch-Boxen auf dem Revier erscheint, aber immer noch nach einer Zigarette giert. Da fällt sein nervöser Blick auf den Computer vom Kollegen, der das Datingprofil eines Users mit dem Namen Shy-boy studiert. Rogov räuspert sich leise. Doch Shy-boy ist kein zukünftiger Crush vom schwulen Kommissar – sondern ein Verdächtiger im aktuellen Fall. Es geht um einen Goldraub. Leider haben die Verantwortlichen des Krimis (Drehbuch:
Peter Dommaschk und
Ralf Leuther, Regie:
Felix Karolus) nicht so viel Liebe und Energie in den Goldraub-Plot gesteckt wie in das Geplänkel der Ermittler. Ein Juweliergeschäft wurde überfallen, der Ladenbesitzer liegt erschossen am Boden. Es wurde historischer Schmuck aus dem
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Potsdam Museum gestohlen, der in dem Laden zu Ausstellungszwecken restauriert werden sollte. Hinter der Tat scheint eine schon vorher aktiv gewordene Bande mit Clownsmasken zu stecken, die Spur führt unter anderem über die Grenze nach
Polen.Aber auch in der Familie des Juweliers gibt es mehr und mehr Verdächtige. Und die Verkettung zwischen diesen vielen Verdächtigen ist so uninspiriert wie unübersichtlich inszeniert. Sohn, Schwiegertochter, Schwager, Schwippschwager – immer, wenn die Handlung lahmt, kommt eine neue Figur ins Spiel. So viele Verdächtige, so wenig Suspense. Am Ende geht weder der Raubmord-Thriller noch das Familiendrama auf. Stimmungstechnisch ist man dann irgendwann bei dem von der Tabakabstinenz genervten Rogov. Beinahe will man selbst wieder mit dem Rauchen anfangen, aus Langeweile. Dieser »Polizeiruf« ist ein Fall von Spannungsentzug. Oder, wie es Rogov enttäuscht nach einer Runde Boxen sagt: »Ich hätt’ immer noch gerne ’ne Kippe.«Bewertung: 3 von 10 Punkten»Polizeiruf 110: Goldraub«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste Boerne und Thiel in MünsterDer Prof und der Proll: Seit über 20 Jahren ermitteln und bekritteln einander Jan Josef Liefers als Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne und Axel Prahl als Frank Thiel zwischen Kartoffelkönigen und Mittelaltermärkten. Der eine Snob und eng verbandelt mit der Münsteraner Honoratiorenschaft, der andere St.-Pauli-Fan und Outsider. Eine Kombination, durch die in den besseren Momenten des Duos grotesker Humor in die Krimireihe geschmuggelt wird. Boerne und Thiel führen immer wieder mit großem Abstand die »Tatort«-Quoten-Jahrescharts an. Ein Ende? Nicht in Sicht. Eisner und Fellner in WienDer doppelte Espresso: Seit 1999 ermittelt Harald Krassnitzer als Major Moritz Eisner mürrisch, praktisch, gut. An die 5000 Tassen Mokka und andere starke koffeinhaltige Getränke hat er seitdem in sich hineingeschüttet. Seit 2011 wird er von Adele Neuhauser als Bibi Fellner unterstützt, einer (meistens) trockenen Alkoholikerin mit Hang zur Halbwelt am Prater. Wien, düster und kalt wie ein abgestandener schwarzer Kaffee. 2014 gab es den Grimme-Preis. 2026 verabschiedet sich das Duo aus dem »Tatort«. Falke und Schmitt von der BundespolizeiFür immer Punk: Wotan Wilke Möhring als Kommissar Falke hört Punk und trägt zum Schlafen wie zum Ermitteln oft ein Ramones-Shirt. Erst war er in Hamburg unterwegs, dann musste er Til Schweiger die Stadt überlassen und zog als Bundespolizist ins norddeutsche Umland ab. Kolleginnen kamen und gingen. Ab 2013 stand Petra Schmidt-Schaller als Katharina Lorenz an seiner Seite, danach ab 2016 Franziska Weisz als Julia Grosz, für eine Folge sogar Florence Kasumba als Anaïs Schmitz. Zukünftig löst er seine Fälle gemeinsam mit dem von Denis Moschitto verkörperten Cyber-Kriminalist Mario Schmitt. Karow und Bonard in BerlinSeit Frühjahr 2023 bilden sie ein Ermittlerpaar: In einer Doppelfolge über eine große politische Hauptstadtverschwörung arbeiten Kommissar Karow (Mark Waschke) und Polizeidozentin Bonard (Corinna Harfouch) zusammen. Zuvor war Karow sieben Jahre lang mit Kollegin Rubin (Meret Becker) in der Klubszene und Halbwelt von Berlin unterwegs gewesen. Doch auch mit dem aktuellen Duo ist bald Schluss: Harfouch gab bekannt, dass sie sich zum Jahr 2026 auch schon wieder aus dem Krimi verabschiedet. Winkler und Schnabel in DresdenLustig ging es los, unentschieden ging es weiter, düster ist es geworden. Der Dresden-»Tatort« hatte schon viele Gesichter. Momentan steht das aktuelle Team um Cornelia Göschel und Martin Brambach meist für harte Copthriller vor der Kamera. Ex-Kollegin Karin Hanczewski hatte nach einigen lebensgefährlichen Einsätzen in der Rolle der Karin Gorniak ihr Engagement zum Februar 2025 gekündigt. Trotzdem soll es in Dresden bald als Trio weitergehen: Lilja van der Zwaag übernimmt zukünftig den Part der Kommissaranwärterin Milla Brandis. Moormann und Selb in BremenDa waren es nur noch zwei: Kaum war 2021 ein neues junges Ermittlertrio an der Weser an den Start gegangen, da machte auch schon einer der drei den Abgang und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Der dänische Schauspieler Dar Salim hatte offensichtlich ansprechendere internationale Drehverpflichtungen – jetzt ermitteln Jasna Fritzi Bauer und Luise Wolfram als Liv Moormann und Linda Selb als Duo weiter. Die eine hat eine Vergangenheit in der Sozialbausiedlung, die andere hat autistische Züge und kommt aus dem Bildungsbürgertum. Ballauf und Schenk in KölnDas Ehepaar: Klaus J. Behrendt als Max Ballauf und Dietmar Bär als Freddy Schenk standen lange für den guten alten Soziokrimi – kein Thema, das von den beiden nicht warmherzig wegermittelt und wegerklärt wurde. Schenk hat zu Hause eine Frau, die man noch nie gesehen hat. Aber mal ehrlich: Was kann die schon gegen seine große Liebe Ballauf ausrichten? Seit 1997 sind die beiden dabei, drei bis vier Fälle im Jahr. Seit 2018 schenkt ein gemütliches Kerlchen namens Jütte (Roland Riebeling) als Sidekick im Büro den Kaffee aus. 2021 stieß mit Kriminaltechnikerin Natalie Förster (Tinka Fürst) wieder eine weibliche Fachkraft zum Männerrevier dazu. Lannert und Bootz in StuttgartRichy Müller als Thorsten Lannert und Felix Klare als Sebastian Bootz sind prima Kerle. Der eine mit tragischer Undercover-Ermittler-Vergangenheit, der andere als ehrenhaft gescheiterter Ehemann. Seit 2008 sind sie im Einsatz, am Anfang wurden die Fälle noch arg routiniert runtergespielt. Doch die jüngsten Stuttgart-Episoden behandelten auf ästhetisch höchstem Niveau Aufregerthemen wie RAF-Geschichte, Pflegenotstand und alternative Bauprojekte. Batic und Leitmayr in MünchenSeit weit mehr als einem Vierteljahrhundert sind die beiden älteren Jungs jetzt schon im Einsatz – und immer noch gut für einen Skandal. Unvergessen: eine der jüngeren Episoden, in der Kommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec, M.) und Kollege Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, l.) im Münchner Pornomilieu ermittelten. Aber auch der melancholische Surferkrimi mit Portugal-Impressionen und das brutal genaue Sittengemälde aus der Münchner Vorstadt waren Highlights. 2025 geht das Team in den Ruhestand, 2026 läuft die letzte Folge. Odenthal und Stern in LudwigshafenDie Dienstälteste: Seit 1989 ist Ulrike Folkerts (l.) als Kommissarin Lena Odenthal unterwegs, an die 80 Fälle liegen hinter ihr, an Rente denkt sie offenbar noch lange nicht. Seit 2014 steht ihr Lisa Bitter zur Seite, die ihre junge Kollegin Johanna Stern spielt. Aus dem Sidekick ist inzwischen eine vollwertige Partnerin geworden. Gute Entwicklung. An den Krimis muss aber wieder mehr geschraubt werden – die Mischung aus Action und Sozialpädagogik kommt doch oft sehr bemüht daher. Zuletzt versuchte man sich mit einer Wagner-Variation im Humorfach. Schürk und Hölzer in SaarbrückenDie neue Düsternis: Nachdem Devid Striesow als Kommissar Stellbrink eher glücklos versucht hatte, gute Laune im Saarland zu verbreiten, ist der Relaunch zum April 2020 im guten Sinne spaßbefreit geraten: Daniel Sträßer als Adam Schürk und Vladimir Burlakov als Leo Hölzer sind so geheimnisvolle wie grimmige Ermittler. Eines der wenigen TV-Reviere, in dem konsequent horizontal der Plot über verschiedene Folgen entwickelt wird. Da können oft nur »Tatort«-Ultras folgen. Voss und Rathgeber in FrankenDer Verletzliche: Knapp zehn Jahre ermittelte Kriminalhauptkommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) gemeinsam mit der Kollegin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) in Nürnberg und Umgebung, doch nach zehn Fällen war Schluss. Nach einer aufreibenden Solo-Folge um einen gewalttätigen Spanner wird Darsteller Hinrichs zufünftig von der bayerischen Schauspielerin Rosalie Thomass in einer festen Rolle unterstützt. Sie wird die Kommissarin Emilia Rathgeber darstellen. Die erste gemeinsame Folge wird 2026 laufen. 16 / 20 Tschiller in HamburgThe Last Action Hero: Der zu Extrakonditionen engagierte Megastar Til Schweiger brachte der Krimireihe keine Megaquoten als Kommissar Tschiller. Auch nicht durch Panzerfaust- und Helene-Fischer-Einsatz. Nach an der Publikumsfront gescheiterten Action-Blockbuster-Versuchen zeigte die sechste Folge den Haudrauf dann – nicht uninteressant – als gebrochene Figur. Ob es noch einen weiteren Fall geben wird, ist noch nicht final geklärt. Ein Wiedersehen mit Tschiller rückt allerdings mit jedem Jahr weiter in die Ferne. 17 / 20 Berg und Tobler im SchwarzwaldEva Löbau als Franziska Tobler und Hans-Jochen Wagner als Friedemann Berg benötigen keine Dialogfanfaren oder exotischen Rollenbiografien. Sie verwerten, was dieser witterungsintensive Krimi-Schwarzwald hergibt. Ein Heimatkrimi, in dem alles lokal produziert wird: Obst, Schnaps, der Tod. Nach experimentelleren Folgen jeweils aus der Perspektive eines Schizophrenen, eines Sexualstraftäters und einer Prostituierten ging es zuletzt allzu beschaulich im Südwestrevier zu. Ott und Grandjean in ZürichDie eine stammt aus der High Society Zürichs, die andere arbeitete lange beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag: Seit 2020 sind Carol Schuler (r.) als Kommissarin Tessa Ott und Anna Pieri Zuercher als Kommissarin Isabelle Grandjean gemeinsam in der Schweiz unterwegs. Auch im Rest des Reviers dominiert ein weiblicher Cast. Nach einem starken Auftakt mit Punk-Soundtrack wird inzwischen eher Thriller-Stangenware geliefert. 19 / 20 Lindholm in HannoverDie Einsame: Seit 2002 ist Maria Furtwängler in der Rolle der Charlotte Lindholm in Niedersachsen unterwegs und hat etliche Häutungen durchgemacht: WG-Bewohnerin, Single-Mom, abenteurfreudige Einzelgängerin. Ein vierjähriges Zwischenspiel in Göttingen mit der Kommissariatskollegin Anaïs Schmitz (Florence Kasumba) war nicht von Erfolg gekrönt. Die beiden Frauen wurden nie recht warm miteinander. Jetzt ist Furtwängler als Lindholm wieder mutterseelenallein in Norddeutschland auf Tour. Klasnič und Faber in DortmundJörg Hartmann schluckte in den 14 Jahren als Kommissar Peter Faber reichlich Pillen und schlug schon viele Toiletten kaputt. Derweil hat er nach und nach sein ganzes Team verloren, wieder neu zusammengestellt und wieder verloren. Zur Zeit steht Hartmann Alessija Lause in der Rolle der Chefin der Mordkommission, Ira Klasnič, als Spielpartnerin zur Seite. Mal sehen, wie lange sie durchhält.