Da sind die selbstgebastelten Riesenschmetterlinge, die den Frühling verkünden: „Das ICE schmilzt.“ Da sind Menschen in Ganzkörper-Pinguinkostümen und wandelnde Freiheitsstatuen. Da ist ein Mann mit angeklebter Elvis-Tolle, der die Ansicht vertritt: „Es gibt nur einen König.“ Ein Stück weiter hinten kommt ein ganzer Kirchenchor anmarschiert, in Dauerschleife singend: „We Shall Overcome!“ Zwei Damen mit Rollator finden: „Trump must go.“ Eine Gruppe junger Swifties hat bereits Ideen für eine Nachfolgelösung: „Taylor for President.“ Und an der Ecke vom
Central Park steht der Nikolaus.Denn, wie auf seinem Pappschild zu lesen ist: „Sogar der Nikolaus hasst Trump.“ In der Kategorie der regierungskritischen Haustiere gewinnt an diesem Tag wohl ein als Taco verkleideter Dackel. „Seine erste große Demo“, sagt die Frau, die ihn an der Leine führt.Es ist dritte Ausgabe der „No-Kings“-Massendemonstrationen. Bei mehr als 3000 Veranstaltungen in allen 50 Bundesstaaten der USA sind an diesem Samstag Millionen von Menschen gegen ihre Regierung auf die Straße gegangen, und zumindest in
Midtown Manhattan kommt man sich dabei vor wie auf einem Karneval der Demokratie. Eines muss man
Donald Trump lassen, dem all diese Schilder, Banner, Fahnen und Kostüme gewidmet sind: Er bietet mannigfaltige Ansätze, um sich mit ihm kritisch-kreativ auseinanderzusetzen.Ein Demonstrant in
New York begehrt als Dino auf. Eduardo Munoz/REUTERSMitunter muss man schon die höhere Schule der Trump-Deutung besucht haben, um wirklich alle Anspielungen und Gags zu verstehen. Denn vermutlich hat sich nicht alles so breit herumgesprochen wie das mit dem TACO („Trump Always Chickens Out“), dem Fachbegriff für angedrohte und nie umgesetzte Zölle und Ultimaten, den offenbar sogar die New Yorker Dackel kennen. Zu den selbst gebastelten, stets orangefarbenen Riesenschmetterlingen, die man auf dieser Demo sieht, muss man vielleicht wissen, dass sie dem in Amerika weit verbreiteten „Monarchfalter“ nachempfunden sind, „den einzigen, orangefarbenen Monarchen“, die das Volk hier akzeptieren will.Tausende schieben sich durch die Straßenschluchten von
New York. Eduardo Munoz/REUTERSUnd die zahlreich anwesenden Pinguine sind deshalb da, weil Trump im vergangenen Jahr selbst die Heard- und McDonald-Inseln nahe der Antarktis in seine Strafzoll-Liste mitaufgenommen hatte, obwohl dort gar keine Menschen leben. Es gibt dort lediglich Pinguine und vielleicht noch ein paar Offshore-Konten von Steuerflüchtlingen. Und für das geneigte spanischsprachige Publikum hat jemand die nicht ganz jugendfreie Parole ausgegeben: „Chinga tu Maga.“Ob dieser Protesttag den lange erwarteten Auftakt zu einer größeren Widerstandsbewegung markiert oder ob er doch viel kleiner ausfiel als erwartet, das hängt wie so oft davon ab, auf welcher Seite des ideologischen Grabens man sich danach erkundigt. Die Veranstalter hatten nicht zuletzt wegen des höchst unbeliebten Krieges, den Trump in Iran begonnen hat, auf den „größten gewaltfreien Protesttag in der Geschichte der USA“ gehofft.Größenteils laufen die Demonstrationen friedlich abBei den vorangegangen beiden No-Kings-Aktionstagen im vergangenen Jahr sollen insgesamt fünf beziehungsweise sieben Millionen Menschen unterwegs gewesen sein. Diesmal kursierten erste Schätzungen von bis zu acht Millionen. Aber das ließ sich zunächst nicht unabhängig überprüfen. Zumindest im Fall von
New York City gab aber eine offiziell bestätigte Zahl. Die New Yorker Polizei teilte am Abend mit, Zehntausende hätten friedlich ihr Versammlungsrecht wahrgenommen, es habe „null“ Verhaftungen im Zusammenhang mit den Demonstrationen im Stadtgebiet gegeben. In Los Angeles hingegen wurden gleich mehrere Menschen festgenommen.Große Veranstaltungen gibt es diesmal auch in Boston, Philadelphia, Chicago, Los Angeles und San Francisco. Vielerorts sind Menschen in historischen Kostümen aus der Gründerväterzeit und aufblasbare Trump-Riesenbabys zu sehen. Vor dem Kapitol von Minnesota in St. Paul singt Bruce Springsteen seinen Anti-ICE-Song „The Streets of Minneapolis“. Und die Schauspielerin Jane Fonda verliest ein Statement von Becca Good, der Witwe der erschossenen Renee Good. „Wir müssen an die Wurzeln dieses Übels heran und diese Gewalt dort stoppen, wo sie herkommt.“ Fonda steht dabei auf einer Bühne hinter einer schusssicheren Scheibe. Beim Protestmarsch in Manhattan läuft ein Mann vorneweg, der wie ein Doppelgänger von Robert De Niro aussieht, sich bei näherer Betrachtung aber als Robert De Niro herausstellt.Ein selbsternannter König, den sie nicht wollen: In Washington sind Protestierende kreativ geworden. Jose Luis Magana/APÜberhaupt fällt auf, dass die Menschen, die sich hier versammelt haben, weit über das übliche Antifa-Klientel hinausreichen. Da sind Familien mit Kinderwägen, Schüler und Studenten, Gewerkschaftsvertreter und Touristen und mittendrin auch ein verzweifelter Pizzabote, der mit seinem E-Bike auf der 59th Street weder vorwärts noch rückwärts kommt. Vor allem aber sind da auch auffällig viele ältere Demonstranten. Menschen im Rentenalter, die Parolen gedichtet und Protestplakate gemalt haben wie zum Beispiel „Regime Change beginnt zu Hause“, „Make Lying Wrong Again“ oder auch ein schlichtes „Trump is bad“. Viele tragen selbst gebastelte Kronen. Manchen benutzen auch einfach die von Burger King. Das alles hat auch etwas Generationen-Verbindendes, das man sonst in diesem Land selten erlebt.Wenig deutet darauf hin, dass der gegenwärtige US-Präsident es als Beleidigung empfindet, wenn man ihn als König bezeichnet. Auf seinen üblichen Kanälen hat er anlässlich von No Kings 2 etwa ein KI-generierten Video geteilt, in dem König Trump (mit Krone) die Demonstranten aus einem Düsenjäger heraus mit Exkrementen bombardiert. Aber das ist hier nicht der Punkt. Es geht ja nicht darum, Trump zu bekehren, sondern die kritischen Massen gegen ihn auf die Straßen zu bringen.Eine Frau in Los Angeles hat sich als Verfassung verkleidet - und den König aufgespießt. Ringo Chiu/REUTERSUnd da hat die Parole „No Kings“ durchaus ihren Reiz. Denn ihr Kern ist nicht die Beschimpfung der Regierung, sondern das Bekenntnis zur Demokratie. Etwas, das in Amerika einmal eine Selbstverständlichkeit war, aber keine mehr ist. Das öffnet diese Protestbewegung auch für Menschen, die im Zweitparteien-Stammeskrieg irgendwie so ein wenig dazwischenstehen, aber dennoch das Gefühl haben, dass gerade einiges schiefläuft.Eine Organisation namens „Freedom From Religion Foundation“ hat zum Protest-Wochenende ganzseitige Zeitungsanzeigen geschaltet, „die das patriotische Element des Widerstandes gegen diese Staatsgewalt betonen: „We don’t do Kings. Not in 1776. No now. No ever.“ Gegen Trump zu demonstrieren heißt demnach, die amerikanische Verfassung zu verteidigen. Und diesen Gedanken setzen sie in den Straßenschluchten von Manhattan an diesem Tag auch ganz konkret um. Die Demonstranten haben ein Riesen-Banner mitgebracht, dass der historischen Papyrusrolle mit dem Text der amerikanischen Verfassung nachempfunden ist: „We the People…“ Es ist so groß, dass es von mehreren Dutzend Menschen getragen werden muss.Nicht zuletzt weht auch eine erstaunliche Anzahl von Flaggen und Fahnen bei diesem Protestmarsch, darunter die von Kuba, Mexiko, der Ukraine, Palästina, Grönland und den Vereinigten Staaten von Amerika. Vielleicht könnte man sie die Koalition der Trump-Geschädigten nennen.