Der Förster
Alfons Leitenbacher ist bekannt dafür, dass er die Dinge direkt anspricht. So auch, wenn um es um die Pläne von Jagdminister
Hubert Aiwanger (FW) zur Fütterung des Rotwilds in den
Bergwäldern Bayerns geht. „Wenn sie so Wirklichkeit werden, wie es sich Herr Aiwanger vorstellt, dann ist das die Verhausschweinung der Hirsche“, sagt Leitenbacher, einer der besten Kenner nicht nur des Rotwilds, sondern außerdem der Bergwälder in
Bayern. „Hirsche sind keine frei lebenden Wildtiere mehr, wenn man sie das ganze Jahr füttert.“Wie Leitenbacher, 66, denken viele in der Waldszene in
Bayern, auch wenn sie es nicht so offen aussprechen wie der Förster. Dazu muss man wissen, dass die Fütterung des Rotwilds seit jeher heftig umstritten ist. Bisher ging es freilich ausschließlich um die sogenannte Winterfütterung zwischen November und April. Sie ist weitverbreitet. Ihre Befürworter, unter ihnen vor allem die Jäger, halten sie unbedingt notwendig, damit die Tiere gut durch die kalte Jahreszeit kommen und nicht zu viele Fraßschäden in den
Bergwäldern anrichten.SZ
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Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Die Kritiker entgegnen, dass das Rotwild wie alle anderen Wildtiere von seiner Biologie her keinerlei Fütterung braucht. Denn es frisst sich in der warmen Jahreszeit Fettreserven an, von denen es im Winter zehrt. Außerdem stellen die Tiere in den kalten Monaten ihren Stoffwechsel um und sind weniger aktiv. Leitenbacher sieht eine Rotwild-Fütterung allenfalls in extrem schneereichen und sehr kalten Wintern als gerechtfertigt an. Solche Winter sind wegen des Klimawandels aber immer seltener.Nicht zuletzt wegen der milden Winter ist die Zahl der Hirsche, Hirschkühe und Jungtiere in den
Bergwäldern auf Rekordniveau. Das zeigen einschlägige Forschungen, das Ansteigen der Abschusszahlen und vor allem die Fraßschäden, die trotz aller bisheriger Fütterung nicht weniger werden, sondern bestenfalls auf hohem Niveau stagnieren und vielerorts sogar zunehmen. „Was die Wälder brauchen, ist weniger Rotwild“, lautet deshalb das Credo des Experten Leitenbacher. „Die Jäger müssen die Bestände in ihren Revieren absenken, damit Population und Lebensraum endlich wieder zueinanderpassen.“Aiwanger will derweil nicht nur die Winterfütterung des Rotwilds fortsetzen, wie er das im Februar auf einer Jagdmesse in Salzburg angekündigt hat. Sondern zusätzlich die Fütterung der Tiere in der warmen Jahreszeit ermöglichen. So kann man es im Entwurf der neuen Ausführungsverordnung zum bayerischen Jagdgesetz aus seinem Ministerium nachlesen, der derzeit in der Waldszene kursiert. Aiwangers Begründung: Damit könne man „in gewissen Ausnahmefällen“ Schäden in den Wäldern oder an landwirtschaftlichen Kulturen vermeiden. Zumindest in den „Ausnahmefällen“ dürften die Jäger dann das Rotwild das ganze Jahr hindurch füttern.Das Agrarministerium, das immerhin für eine gute Zukunft der Wälder in
Bayern zuständig ist, will sich nicht zu Aiwangers Plänen äußern. Als Grund nannte ein Sprecher von Ministerin Michaela Kaniber (CSU), dass die neue Verordnung dazu ja bisher nicht beschlossen und bekannt gemacht worden sei.