Wie geht es dem Buckelwal, der sich seit Tagen durch die
Ostsee bewegt?
Peter T. Madsen ist Biologe und hat viel zu Buckelwalen geforscht. Er glaubt, dass das Tier nicht zu retten ist.Der Buckelwal in der
Ostsee bewegt sich von Sandbank zu Sandbank, allen Versuchen zum Trotz, ihn in tieferes Wasser zu bewegen. Wie können wir ihn zurück in den
Atlantik bringen? Das können wir schon versuchen. Aber wollen wir wirklich eine alte Person aus dem Krankenbett runter auf die Straße zerren? Man müsste dem Tier Schmerzen zufügen, den gesamten weiten Weg. Wenn der Wal es in tiefes Wasser schafft, können wir hoffen, dass er irgendwie durchschwimmt. Aber ich glaube, dieses Tier wird sterben. Warum? Wir haben sehr viel zu Buckelwalen in den vergangenen Jahren geforscht, haben die Tiere an ihren Nahrungs- und Fortpflanzungsplätzen markiert und untersucht, was ein normales Verhalten ist. Daher kenne ich die Spezies sehr gut. Ich habe das Tier in der
Ostsee nicht gesehen. Aber den Fotos nach ist es kein gesundes Tier, das man retten sollte. Der Wal wirkt krank. Der Rücken sieht sehr schlecht aus. Das kann daran liegen, dass das Tier schon an anderen Orten im seichten Wasser lag und Sonne sowie Wind ausgesetzt war. Ich glaube nicht, dass der Wal gestrandet ist. Er sucht seichtes Wasser auf, um nicht zu ertrinken, weil er krank und am Sterben ist.Buckelwale gelten als hervorragende Navigatoren. Kann es sein, dass das Tier den Weg raus gar nicht finden will? Ja. Ich habe im
Exmouth Golf in
Australien mit Buckelwalen gearbeitet – dort ist das Wasser sehr flach, nur zwei bis acht Meter, genau wie in den inneren
Dänischen oder deutschen Gewässern. Buckelwale kommen normalerweise gut in flachem Wasser zurecht. Dieses Tier strandet, weil es krank, erschöpft und am Sterben ist.In der
Lübecker Bucht wurden mehrere Bagger, Taucher und Schiffe eingesetzt, ein Tierschutzaktivist berührte das Tier und versuchte, es hinaus zu bugsieren. Sogar mit der Baggerschaufel wurde es angestoßen. War das angemessen? Ich glaube nicht. Ich habe großes Verständnis dafür, dass die Menschen versuchen, etwas zu tun. Aber meiner Meinung nach ist das nur Kosmetik an einem sterbenden Tier. Ich denke, das Beste wäre, es in Ruhe sterben zu lassen. Es herumzustoßen und zu bewegen, erzeugt jede Menge Lärm, und diese Tiere haben ein ausgezeichnetes Gehör. Ich denke, das stresst das Tier enorm. Bei einem jungen, gesunden Tier kann man argumentieren, dass ein Rettungsversuch sinnvoll ist – aber in diesem Fall nicht. Ich glaube nicht, dass man den Wal retten kann.Peter T. MadsenOffenbar können die Menschen es nicht ertragen, das Tier sterben zu sehen. Ja, aber wen schützt man damit? Tut man damit etwas Gutes für das Tier oder für die eigene Psyche? Alle Tiere sterben. Wale sterben, Rehe sterben, ein Fuchs stirbt, ein Wolf stirbt. Aber es werden deswegen keine Rettungsaktionen gestartet. Wenn ein Wildschwein sterbend im Wald liegt, holt man keinen Bagger, um es wieder auf die Beine zu bringen.Zuletzt kamen vermehrt Buckelwale in die
Ostsee. Warum? Sie kehren zurück. Sie gehören hierher. Grauwale, Buckelwale, Glattwale – sie alle sollten in der
Ostsee sein. Die waren früher hier. Aber diese Tiere wurden durch Menschen bis zur Ausrottung bejagt. In den Sechzigerjahren waren Buckelwale fast ausgestorben. Die Tatsache, dass wir sie jetzt öfter sehen, spiegelt wider, dass sich der Buckelwal enorm erholt hat. In einigen Teilen der Welt hat die Walart wieder ihre natürliche Anzahl erreicht. Obwohl es natürlich traurig ist, ein gestrandetes Tier zu sehen, ist es also ein Zeichen von etwas Positivem: Die Zahl der Buckelwale steigt, und sie kehren in die
Ostsee zurück.Aber die
Ostsee ist in keinem guten Zustand Die
Ostsee ist in einem schrecklichen Zustand. Es wäre schön, wenn das Meer den Walen genügend Nahrung bieten könnte – aber wegen des hohen Nährstoffeintrags und der Überfischung ist das nicht der Fall. Wenn wir Buckelwale in der
Ostsee sehen und wollen, dass es ihnen dort gut geht, müssen wir also etwas für die
Ostsee tun.