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SUN · 2026-03-29 · 08:23 GMTBRIEF NSR-2026-0329-41894
News/Stars mit knappen Outfits: Ist das noch Emanzipation?
NSR-2026-0329-41894Analysis·DE·Social Justice

Stars mit knappen Outfits: Ist das noch Emanzipation?

Der Artikel thematisiert den aktuellen Trend freizügiger Mode auf roten Teppichen, in sozialen Medien und auf Laufstegen. Es wird beobachtet, dass viel nackte Haut gezeigt wird, wobei Unterwäsche wie BHs bewusst in Szene gesetzt wird.

FAZFiled 2026-03-29 · 08:23 GMTLean · Center-RightRead · 7 min
Stars mit knappen Outfits: Ist das noch Emanzipation?
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Der Artikel thematisiert den aktuellen Trend freizügiger Mode auf roten Teppichen, in sozialen Medien und auf Laufstegen. Es wird beobachtet, dass viel nackte Haut gezeigt wird, wobei Unterwäsche wie BHs bewusst in Szene gesetzt wird. Der Artikel wirft die Frage auf, ob diese Entwicklung ein Ausdruck von Body Positivity und Emanzipation ist oder ob es sich lediglich um eine gezielte Provokation und Blickökonomie handelt, bei der Sexyness als Marketinginstrument eingesetzt wird. Es wird hervorgehoben, dass nicht nur Produkte, sondern auch die wenig bekleideten Frauen selbst als Marke beworben werden. Der Artikel verweist auf frühere Modeerscheinungen wie die sichtbare Tangaschnur in den Nullerjahren als wiederkehrende Provokation.

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Social Justice
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Im Zuge des Nullerjahre-Revivals erlebt auch der Tanga ein Comeback, sichtbar getragen wird er von Models wie Bella Hadid und Emily Ratajkowski.

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Die alte Marketingregel „Sex sells“, nach der Frauen, die in der Werbung knapp bekleidet als Verführerinnen inszeniert werden, Verkäufe ankurbeln, drängt sich auf.

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Auf roten Teppichen, in sozialen Medien, auf Bühnen und Laufstegen ist gerade sehr viel nackte Haut zu sehen. Auffällig ist, dass dafür nur bestimmte Frauen gefeiert werden.Kleidung hat die Funktion, den Körper zu bedecken und ihn damit vor Kälte, Sonne, Regen und Wind zu schützen. Mode hingegen ist ein Ausdrucksmittel. Es dient der Selbstdarstellung, kann Kunst sein, ein Spiel oder ein Kommunikationsweg. Dabei geht es nicht um den praktischen Aspekt von Kleidern. So ist es nicht nur interessant, was ein Stoff wie bedeckt, sondern auch, was er freilässt. Auch im Winter liegt derzeit freizügige Mode im Trend, die mehr ent- als verhüllt; der Hang zur Entblößung ist von Laufstegen über soziale Medien bis hin zu roten Teppichen zu beobachten: Die Sängerin Chappell Roan trug bei den Grammys ein Kleid, das ihre Brüste entblößte. Louis Vuitton und Ferragamo zeigen Kleider, die an Negligés erinnern, und Musikerinnen treten in BHs auf.Überall sehen wir nackte Haut. Doch woran liegt das? Ist das freizügige Auf­treten womöglich ein Resultat der Body-Positivity-Bewegung? Markiert es Selbstbestimmung und weibliche Emanzipation? Oder geht es letztendlich nur um eine Provokation, die weniger mit Rollenbildern als mit einer gezielten Blickökonomie spielt? Schließlich wird bei dem Trend nicht nur Haut gezeigt, sondern auch mit Sexyness gespielt. Die alte Marketingregel „Sex sells“, nach der Frauen, die in der Werbung knapp bekleidet als Verfüh­rerinnen inszeniert und dabei auf Sexualobjekte reduziert werden, Verkäufe ankurbeln, drängt sich auf. Doch die aktuelle Freizügigkeit ist komplexer als das: Nicht nur allein Produkte werden beworben, sondern auch die wenig bekleideten Frauen selbst, die allen voran durch Social Media immer mehr zur Marken werden.Vor allem weibliche Brustwarzen mar­kieren ein TabuBesonders gern wird derzeit Unterwäsche, die doch als eines der privatesten Kleidungsstücke gilt, von Designern in Szene gesetzt. Bei der Präsentation der aktuellen Herbst-Winter-Kollektion von Miu Miu in Paris blitzten die Träger und Ansätze von Retro-Satin-BHs unter absichtlich über die Schultern rutschenden Tops und Strickjacken hervor. In der Kollektion von The Attico für dieses Frühjahr in Mailand dienten BHs in hellblauer, pinker oder schwarzer Spitze als Oberteile unter offenen Blazern. Der Look liegt aber auch abseits der Lauf­stege im Trend – und ist zugleich eine wiederkehrende Provokation.In den Nullerjahren etwa war es nicht der BH-Träger, sondern die Tangaschnur über dem tief sitzenden Hosenbund, für die Paris Hilton berühmt war. Der Reiz des Styles lag im Andeuten – huch! – dessen, was konventionell verborgen bleiben sollte. Im Zuge des Nullerjahre-Revivals erlebt auch der Tanga ein Comeback, sichtbar getragen wird er von Models wie Bella Hadid und Emily Ratajkowski. Schon 2023 tauchte er bei Gucci mit seitlich platziertem Glitzer-G wieder auf. Wie stark nostalgische Trends die aktuelle Freizügigkeit prägen, lässt sich besonders gut an Popmusikerinnen ablesen. Sabrina Carpenter, deren Musik und Auftreten sich explizit um Sexualität und Lust drehen, trat im Glitzer-BH auf; Addison Rae, die ihre Karriere als Sängerin auf ihre Tiktok-Berühmtheit aufbaute, performte gleich eine ganze Show nur in Unter­wäsche.Freizügigkeit bedeutet Aufmerksamkeit: Sabrina Carpenter bei einem Auftritt im Jahr 2024.Picture AllianceIhrer Karriere hat das zumindest dahingehend sicherlich zugetragen, als dass diese Wahl des Outfits das Gespräch über sie ankurbelte. Auch wenn Sabrina Carpenter und Addison Rae für ihre ­an­züglichen Auftritte kritisiert werden, feiern ihre größtenteils weiblichen Fans sie doch genau deswegen. Viele von ihnen erscheinen bei den Konzerten der Musikerinnen in abgestimmten, knappen Looks. Doch auch im Alltag ist die freizügige Mode angekommen. Corsagen-Tops, knappe Kleider im Dessous-Stil, ultrakurze Mikroröcke oder Shorts liegen im Trend.Freizügigkeit bedeutet Aufmerksamkeit, und die sozialen Medien spielen dabei eine entscheidende Rolle. Sie versprechen zwar potentiell Sichtbarkeit für jede, doch der Algorithmus hat seine Lieblinge. Dünne, weibliche Körper mit viel unbedeckter Haut bekommen besonders viele Views. Freizügigkeit wird mit digi­taler Sichtbarkeit belohnt, zumindest solange sie bestimmten Regeln folgt. Die Plattformen prägen, was für uns als akzeptabel und was als zu viel Nacktheit gilt. Vor allem weibliche Brustwarzen mar­kieren ein Tabu. Eine weibliche nackte Brust, die nachträglich notdürftig mit Emojis bedeckt wird, ist dann aber doch wieder zulässig; männ­liche Oberkörper sind hingegen in jedem Zustand erlaubt. Instagram und Co. spiegeln und verfestigen die gesellschaft­lichen Maßstäbe, nach denen weibliche Nacktheit strenger bewertet, stärker skandalisiert und nahezu immer sexua­lisiert wird, weswegen sie auch einen größeren Aufmerksamkeits­effekt erzielt.Ein Kleid, das zugleich bedeckt und entblößtAuch aus diesem Grund gibt es kaum vergleichbare freizügige Trends in der Männermode. Als Jacob Rott, Mitglied der über Tiktok berühmt gewordenen „Elevator Boys“, bei einer „Vogue“-Party in Los Angeles zu einem Sakko nur einen Slip, aber keine Hose trug, führte das weder zu einem Skandal noch zu einem Trend. Bei Frauen hingegen drängt sich zugleich die Frage auf, inwiefern der aktuelle Boom von Crop-Tops im Stil der Nullerjahre, Minikleidern und Mikroshorts, die eher an Boxershorts als an Hosen erinnern, vor allem dazu dient, Frauen im Sinne des „male gaze“ zu sexuali­sieren. Der Begriff stammt aus der Filmtheorie und beschreibt den hetero­sexuell-männlichen Blick, der Frauen­körper auf ihre Körperlichkeit reduziert. Kleidung, die Haut zeigt, Kurven betont und Körper inszeniert, kann diesem Blick entgegenkommen.Da ist diese Szene aus dem Film „Can a Song Save Your Life?“ mit Keira Knightley aus dem Jahr 2013, die noch immer erschreckend viel über den Blick auf Frauenkörper verrät. In ihrer Rolle als Gretta rät Knightley der Teenagerin Violet, die Shorts und Tops trägt, dazu, weniger Haut zu zeigen, um für Männer in­te­ressanter zu wirken, indem sie, wortwörtlich, noch etwas für die „Imagination“ übrig lasse. Nicht nur ist es irrelevant, in was sich Violet am wohlsten fühlt, sondern der weibliche Körper wird erst recht zum Objekt gemacht. Kontrolliert wird er, weil er begehrenswert erscheint, wenn er eben nicht für alle sichtbar ist – sondern nur für den Mann, der ihn erobert.Zeigt Brust: Sydney SweeneyMario AnzuoniDie Ambivalenz zwischen Objektivierung und Provokation oder reiner Lust an wenig Bekleidung zeigt sich besonders im „Naked Dress“. Schon der Begriff ist ei­gentlich ein Widerspruch: Ein Kleid, das zugleich bedeckt und entblößt. Damit ist es so berüchtigt, dass daraus eine eigene Kategorie entstanden ist. Meist handelt es sich dabei um bodenlange Kleider aus durchscheinendem Material wie Spitze oder feinem Netzstoff, die den Körper darunter nahezu nackt erscheinen lassen. Die Trägerinnen liefern sich bewusst den Blicken aus, zugunsten maximaler Sichtbarkeit und garantierter Aufmerksamkeit.Sehr viel davon zog zuletzt etwa Sydney Sweeney auf sich, in ihrem silbernen „Twisted Crystal Mesh Tee“-Kleid von Christian Cowan und Elias Matso, das sie bei einer Veranstaltung des Magazins „Variety“ trug. Durch den an der Hüfte verdrehten Stoff wurden ihre Brüste, die darunter nicht von einem BH verdeckt waren, besonders hervorgehoben. Auch auf deutschen roten Teppichen ist der Look präsent; getragen wurde er etwa von Harriet Herbig-Matten bei der Premiere der Serie „Maxton Hall“, ihr blaues Kleid verdeckte allerdings die Intimzone.Der neue Schlankheitswahn hat Body Positivity radikal beendetDoch das „Naked Dress“ ist nicht überall beliebt. Bei den Filmfestspielen von Cannes wurde es auf dem roten Teppich aus Gründen des Anstands verboten. Ein Kleid, das mehr zeigt als versteckt, ist deswegen eine Provokation, weil der nackte weibliche Körper eine ist.Eben diese Provokation nutzte zuletzt die Sängerin Chappell Roan, die sich in ihren Looks häufig vom Drag inspirieren lässt, bei den Grammys. In einem dunkelroten Mugler-Kleid wurden ihre Brüste nicht von Stoff, sondern von zwei (vermutlich unechten) Brustwarzenpiercings gehalten. Mit diesem Look unterlief sie die Norm dessen, was an Nacktheit als erlaubt gilt, und zitierte mit den Piercings ein Symbol queerer Subkultur. Auch die Sängerin Lorde, die im vergangenen Jahr in einem Interview über ihre fluide Geschlechtsidentität sprach, zeigt sich auf untypische Weise nackt: Bei ihrer aktuellen Tour tritt sie mit entblößtem Oberkörper auf, die Brust mit silbernem Gaffatape abgeklebt, das an einen Zensurbalken erinnert.Freizügig: Sängerin Chappell Roan bei den GrammysMario AnzuoniNacktheit kann so durchaus als poli­tischer Kommentar verstanden werden. Momentan scheint sie aber vor allem als Zeichen der individuellen Selbstermächtigung genutzt zu werden, wie es etwa die deutsche Rapperin Zsá Zsá vormacht, die gern knapp bekleidet auftritt und über ih­re Lust singt.In einer Zeit, in der tradierte Weiblichkeitsideale wieder an Einfluss gewinnen, in der „Tradwives“ Aufmerksamkeit erhalten und Kontrolle über weibliche Körper erneut verschärft wird, kann das Zeigen von Haut durchaus als Gegenbe­wegung oder gar als Protest verstanden werden. Es markiert, dass man selbst über den eigenen Körper und dessen Sicht­barkeit entscheiden und mit den Kon­ventionen dessen brechen will, was in der Öffentlichkeit erlaubt ist. Dennoch bleibt der Grat schmal zwischen Empowerment und kalkulierter Blickökonomie.Auffällig ist zudem, dass fast ausschließlich Frauen, deren Körper dem aktuellen Schönheitsideal entsprechen, dafür gefeiert werden, wenn sie sich frei­zügig zeigen. In diesem Trend spiegelt sich der neue Schlankheitswahn, der die Jahre der Body Positivity radikal beendet und diverse Körperformen weitgehend aus der Öffentlichkeit verdrängt hat. Der Körper fungiert wieder und vielleicht mehr denn je als komplexes Statussymbol, zusammengesetzt nicht nur aus genetischen Veranlagungen und Disziplin, sondern auch aus genug Zeit und Geld für eine gesunde Ernährung, Personal Training und möglicherweise Operationen oder Abnehmspritzen wie Ozempic.Ihr Körper ist für viele Frauen in der Öffentlichkeit, ob als Model, Influencerin, Schauspielerin oder Sängerin, Teil ihres Kapitals. Die Zeit, die sie investieren, ist Teil des Berufs. Freizügigkeit, selbst wenn sie bewusst eingesetzt wird, um mit gesellschaftlichen Normen zu brechen, bleibt damit an enge Vorstellungen davon gebunden, wie ein Frauenkörper auszu­sehen hat und wie viel Sichtbarkeit erlaubt ist. Und die Bilder davon sind doch noch immer schrecklich begrenzt.
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