China will auch im wissenschaftlichen Publikationsmarkt ein Wörtchen mitreden. Die Platzhirsche unter den Verlagen dürfen sich warm anziehen.In ihrer jährlichen „Journal Warning List“ hat vor Kurzem die größte Forschungsorganisation der Welt, die
Chinesische Akademie der Wissenschaften, ihre Forscher darüber informiert, dass sie schon bald keine Kosten mehr für die Publikation in den hoch angesehenen und zugleich teuren wissenschaftlichen Zeitschriften finanzieren wird. Publikationen in Zeitschriften wie „
Cell Reports“, „
Nature Communications“ oder „
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Science Advances“ soll es nicht mehr gestattet sein, „nationale Mittel zur Begleichung von Veröffentlichungsgebühren zu verwenden“, schreibt die Akademie. Die neue Politik wird von März 2026 an greifen. Damit können die mehr als fünfzigtausend Forscher in den rund hundert Forschungsinstituten der Akademie die Kosten von zwei- bis zwölftausend Dollars für die Publikation eines einzelnen Aufsatzes nicht mehr bezahlen.Schon zuvor ist die Akademie gegen die Publikation in sogenannten „Predatory Journals“ vorgegangen, also Zeitschriften, die kostenpflichtige Veröffentlichung wissenschaftlicher Arbeit anbieten, ohne eine Qualitätssicherungsprozess und eine redaktionelle Bearbeitung zu gewährleisten. Die neue Vorgabe verschärft die Konflikte um die Finanzierung von Forschungspublikationen noch einmal, weil auch andere staatliche Einrichtungen wie das
Forschungsministerium oder die
Nationale Stiftung für Naturwissenschaften der neuen Regelung folgen.
China ist mit seiner Politik nicht allein. Auch die
Deutsche Forschungsgemeinschaft kappt inzwischen Publikationsgebühren. Beiträge in Zeitschriften wie „
Nature Communications“ oder „
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Science Advances“ kommen heute schon zu rund zehn Prozent von Autoren, die mit der Chinesischen Akademie affiliiert sind, vierzig Prozent der Artikel haben Autoren aus
China verfasst. Das Land macht mit seiner schieren Größe auch hier einen Unterschied. Entsprechend alarmiert sind die großen Wissenschaftsverlage wie
RELX/Elsevier,
Springer Nature oder
Science. Ihre etablierten Geschäftsmodelle des wissenschaftlichen Publizierens stehen unter Feuer, und das nicht nur finanziell.Dominanz und KontrolleDie Änderung in der Finanzierung wissenschaftlicher Publikationen ist weit mehr als ein Streit um Gelder. Er hat eine politische Dimension. Seit 2019 verfolgt die chinesische Regierung den Plan, vierhundert wissenschaftliche Zeitschriften zu etablieren, und das in offener Konkurrenz zu den etablierten, im Westen angesiedelten Wissenschaftsverlagen. Die neuen Zeitschriften sollen nicht einfach neben den derzeit anerkannten platziert werden, sondern viele von ihnen ersetzen. Tatsächlich verzeichnen chinesische wissenschaftliche Zeitschriften ein deutliches Wachstum.Laut einem Marktbericht von Osmanthus Consulting und Clarke & Esposito gab es in
China im Jahr 2023 schon 178 englischsprachige Open-Access-Zeitschriften, von denen fast die Hälfte keine Publikationsgebühren erhebt. Noch hat keine dieser Zeitschriften eine vergleichbare Reputation aufgebaut wie die Topjournale. Aber die Richtung ist klar. Es geht darum, wer die Wissenschaften global kontrollieren wird. Die Gebührenpolitik sind die Seltenen Erden der Wissenschaft.Die Entwicklung schreitet schnell voran. 2024 wurde die zweite Phase des „Excellence Action Plan for
China’s Scientific, Technical and Medical Journals“ durch die Chinese Association for
Science and Technology eingeleitet, die unter anderem vorsieht, jedes Jahr fünfzig neue Zeitschriften in strategisch wichtigen Forschungsfeldern zu etablieren. Auch die Ausbildung zur Edition neuer Fachzeitschriften wird seitdem gezielt gefördert. Bis 2035, so der Plan, soll
China zu einer bestimmenden Macht auf dem Markt der wissenschaftlichen Publikationen aufsteigen und wesentlich mitbestimmen, was wissenschaftlich publiziert werden kann. Was in der Robotik und Automobilindustrie schon geschafft ist, soll auch in der Wissenschaft gelingen: Dominanz und Kontrolle im globalen Maßstab zu erreichen. Wir haben allen Grund, die chinesischen Anstrengungen zu unterschätzen. Wissenschaftsfreiheit ist nicht überall in Grundgesetzen verankert. Der Autor lehrt Buchwissenschaft an der Universität Mainz.