Das Image einer Stadt entscheidet auch darüber, wie viel Geld dorthin fließt. In unsicheren Zeiten könnte das für
Frankfurt ein Vorteil sein.Eines wird an diesem kalten Januarabend während des Weltwirtschaftsgipfels in den schweizerischen Bergen klar: Die Zeiten sind unsicher geworden, sicherheitspolitisch, gesellschaftspolitisch, wirtschaftspolitisch. Wenige Stunden zuvor hat US-Präsident
Donald Trump ein paar Hundert Meter entfernt vom Tagungshotel Steigenberger Belvédère in
Davos mal wieder Zweifel an den transatlantischen Beziehungen geschürt, als beim Empfang Frankfurts und der
Rhein-Main-Region Oberbürgermeister
Mike Josef (
SPD) die Gelegenheit nutzt, vor 200 hochrangigen Gästen aus Wirtschaft und Politik nicht die Herausforderungen zu beklagen, sondern die Stärken Frankfurts zu unterstreichen. „
Frankfurt steht für Zuverlässigkeit und Stabilität“, sagt Josef unter anderem vor den Augen von Vizekanzler
Lars Klingbeil (
SPD) und EZB-Präsidentin
Christine Lagarde, und beide hören aufmerksam zu.In einer Zeit, in der Verlässlichkeit geopolitisch zur knappen Ressource geworden ist, will
Frankfurt sich in
Davos keinesfalls anbiedern oder den Eindruck aufkommen lassen, sich als Profiteur schwieriger Krisenzeiten positionieren zu wollen. Und doch nutzt Josef die Chance, sich und seine Stadt anzubieten, nämlich als guten Standort für Unternehmen und Konzerne. Mit dem Terminal 3 am Frankfurter Flughafen etwa, sagt der Oberbürgermeister, werde in wenigen Wochen ein Milliardenprojekt termingerecht und im Rahmen des geplanten Budgets eröffnen.Der Hinweis soll als Nachweis von Planungssicherheit in Deutschland dienen, die zuletzt in der internationalen Wahrnehmung ein wenig gelitten haben dürfte.
SPD-Chef Klingbeil greift diesen Gedanken wenige Stunden, nachdem
Donald Trump in
Davos mal wieder laut über eine Übernahme Grönlands durch die USA nachgedacht hat, dankbar auf.
Frankfurt, sagt der Bundesfinanzminister, könne Anker sein für Investoren, die in unsicheren Zeiten nach Stabilität suchten.Investoren schauen bei Stabilität und Zuverlässigkeit genau hinKönnen Standorte wie
Frankfurt Kapital und Unternehmen anziehen, weil sie international als Häfen der Stabilität gelten? Einiges deutet darauf hin. Laut Institut der deutschen Wirtschaft hat sich die Summe ausländischer Direktinvestitionen in Deutschland 2025 gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt, von 43 auf 96 Milliarden Euro. „In einer immer unsichereren Welt zählt Berechenbarkeit mehr als früher“, sagt der Handelsexperte des Instituts, Jürgen Matthes. Rechtssicherheit und Kalkulierbarkeit würden im globalen Wettbewerb zum Standortvorteil für Deutschland. Hinzu kommt, dass Deutschland auch als Forschungsstandort hochattraktiv bleibe.Investoren, sagt Eric Menges, schauten bei der Bewertung von Standorten, in die sie investieren oder in denen sich Unternehmen ansiedeln wollten, sehr genau hin. Menges muss es wissen. Als Geschäftsführer des Unternehmens
Frankfurt/Rhein-Main, das sich um die internationale Vermarktung von Stadt und Region kümmert, ist er deren erster Werber im Ausland. Unternehmen, sagt Menges also, gewichteten Themen wie die politische Stabilität stark, „denen können wir hier perfekte Voraussetzungen bieten“.Doch dafür müssen derlei Vorzüge international auch bekannt sein. In
Frankfurt gilt es seit Langem als Problem, dass die Stadt als wenig attraktiv gilt. In einer Diskussionsveranstaltung auf dem Deutschen Marketing-Tag im Februar, bei der es um das Image Frankfurts ging, berichtete einer der Teilnehmer von einem für ihn einschneidenden Erlebnis. Neulich, hieß es dort, habe ein Vertreter einer großen deutschen Unternehmensberatung gesagt, dass deren Nachwuchskräfte bei Stellenausschreibungen immer nach Hamburg, Berlin oder München wollten, aber fast nie nach
Frankfurt.Internationale Konzerne entscheiden sich für FrankfurtAus der Zeit, als sich die Briten für den Ausstieg aus der Europäischen Union entschieden haben, gibt es ähnliche Berichte, die schlecht sind für den Wirtschaftsstandort
Frankfurt. Demnach seien in einer internationalen Bank, die seinerzeit die Verlagerung von Teilen ihres Geschäfts von London nach
Frankfurt prüfte, die Türen von Mitarbeitern reihenweise zugeschlagen worden, als es darum ging, wer womöglich nach
Frankfurt umziehen könne.Nun ist der Vergleich Frankfurts mit internationalen Welt- und Hauptstädten wie Berlin, Paris oder London weit hergeholt, und dennoch: Für die Zukunft der Metropole, für die Entwicklung ihrer Wirtschaftskraft ist es wichtig, dass sich internationale Unternehmen hier ansiedeln, dass die Stadt attraktiv ist für Fachkräfte. Immerhin schloss Oberbürgermeister
Mike Josef in der Diskussionsrunde beim Marketing-Tag eine eigene Erinnerung an, nämlich jene von
Christine Lagarde. Die Chefin der EZB soll bei ihrem Amtsantritt 2019 wenig begeistert gewesen sein, ihren Wohnsitz Paris verlassen und nach Hessen umziehen zu müssen, erinnerte sich Josef. Heute ist sie in
Frankfurt präsent „und fühlt sich pudelwohl“, so Josef.Für Eric Menges ist das Image seiner Heimat entscheidend auf der Suche nach Unternehmen und Investoren. Zwar sagt der wichtigste Werber von Stadt und Region, deren Bild sei im Ausland besser als im Inland. „Trotzdem können wir deutlich mehr tun, um dieses Bild noch zu stärken.“Bei Stabilität und Zuverlässigkeit zumindest steht
Frankfurt gut da. Einer Studie von
Germany Trade and Invest unter Vertretern von 1800 Unternehmen zufolge ist die Größe und Stabilität des deutschen Marktes eines der wichtigsten Argumente bei der Standortwahl, und laut Menges tut sich innerhalb des Landes
Frankfurt aufgrund seiner Vielfalt und Diversität, aber auch seiner Willkommenskultur wegen besonders hervor. „Deutschland und speziell
Frankfurt stehen hier in der Gunst der Menschen und Unternehmen ganz oben“, etwa bei Unternehmern und Konzernchefs aus Asien.In einem internen Ranking des Standortmarketings rangiert bei den Investitionen in der Region derzeit Japan vor China und Indien. Beispielsweise entschied sich jüngst die Sumitomo Mitsui DS Asset Management, eine der führenden japanischen Vermögensverwaltungsgesellschaften, dafür, eine europäische Tochtergesellschaft in
Frankfurt zu eröffnen. Das Unternehmen verwaltet weltweit ein Vermögen von mehr als 170 Milliarden US-Dollar. Und aus Indien siedelten sich in den vergangenen Wochen gleich zwei prominente IT-Dienstleister in
Frankfurt an.Doch auch wenn Innovationskraft, die Verfügbarkeit qualifizierten Personals oder eben politische Stabilität Pluspunkte für
Frankfurt bieten, so will Standortvermarkter Menges eines bei alldem nicht vergessen: „Ganz gut leben kann man nämlich in der Region auch.“