Java ist außerordentlich dicht besiedelt und strotzt dennoch vor Schönheit. Auf dem überbordenden Borobodur, dem größten buddhistischen Heiligtum der Welt, ist es genauso.Zu der Anhöhe von
Enam Langit bricht man besser vor Sonnenaufgang auf. Das fällt nicht leicht, zumal in einem Hotel wie dem Plataran Heritage Borobodur, einer im niederländisch-javanischen Kolonialstil gehaltenen Luxusherberge inmitten üppiger Reisfelder und mit ausladendem Frühstücksangebot. Doch wollen wir den Sonnenaufgang über dem Tal des Flusses Progo nun miterleben oder nicht? Unterkoffeiniert steigen wir also um halb fünf in der Früh in den Wagen, der uns eine halbe Stunde durch die Nacht fährt und uns schließlich auf eine große Aussichtsplattform entlässt. Ihr hölzerner Boden glänzt vom nächtlichen Tropenregen.
Enam Langit bedeutet „sechs Himmel“ auf
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Indonesia, der malaiischen Staatssprache Indonesiens. Gemeint sind damit die Ausblicke auf die sechs Vulkankegel, die man von hier sieht:
Andong,
Telemoyo,
Sindoro,
Sumbing,
Merbabu und schließlich, ganz im Osten, den Merapi – einen der gefährlichsten Vulkane der Erde. Sein dennoch formschöner Kegel ist der erste, der sich in der Morgendämmerung abzeichnet, samt einer bedenklich großen Fahne aus Dampf oder Asche, die aus seinem Gipfel quillt. Zugleich erfüllen die Lichter erwachender Dörfer und Städte die Ebene zu Füßen des Vulkans. Im „Whoosh“ durch die ReisfelderDas hier ist keine einsame Gegend. Ganz
Java ist es nicht. Drei Tage zuvor waren wir in Jakarta aufgebrochen – eine Megalopole mit mehr als 34 Millionen Einwohnern und die größte Stadt Südostasiens. Von dort hatte uns der hypermoderne Hochgeschwindigkeitszug „Whoosh“ nach Bandung gebracht. Das ist die nach Einwohnerzahl drittgrößte Stadt Indonesiens, die zweitgrößte, Surabaya, liegt auch auf
Java und soll künftig ebenfalls mit dem bis zu 350 Stundenkilometer schnellen Whoosh verbunden sein.Für die rund 400 Kilometer lange Strecke von Bandung nach Yogyakarta, der vergleichsweise beschaulichen Provinzhauptstadt in bedrohlicher Nähe zum Merapi, sollte man ebenfalls den Zug nehmen, am besten einen der komfortablen Panoramawagen der ersten Klasse. Dann fliegen über Stunden nichts als Kulturlandschaften an einem vorbei: Reisfelder, Teakholz-Haine, Plantagen für alles Mögliche, Dörfer und wieder Reisfelder, deren Terrassen absolut pittoresk sind.
Java ist weniger als halb so groß wie Deutschland, hat aber fast doppelt so viele Einwohner. Es ist die am dichtesten besiedelte Landmasse auf der Erde. Unberührte Natur gibt es außerhalb der Kernzonen einiger, vergleichsweise kleiner Nationalparks keine mehr. Und das ist schon sehr lange so: Vor mehr als tausend Jahren, unter den buddhistischen Herrschern der Sailendra-Dynastie, die hier in der Ebene des Progo ihre Machtbasis hatte, war
Java bereits wesentlich dichter bevölkert als alle anderen Regionen Südostasiens.Die Gründe sind in der Morgendämmerung auf dem
Enam Langit zu spüren. Die emporsteigende Sonne verbreitet ihre Wärme über der regennassen Vegetation, zwischen den Lichtern der Siedlungen schält sich der Progo hervor.
Java ist von einem für die Landwirtschaft einzigartig günstigen Klima gesegnet und von verkehrsfördernden Flüssen durchzogen. Wichtiger sind aber die mächtigen Vulkankegel am Horizont. Ihre Asche, so bedrohlich sie ist, düngt die warmen, feuchten Böden stets aufs Neue. Und fast nirgends auf der Erde stehen die Feuerberge so dicht wie hier. An der Gesamtfläche Indonesiens hat
Java einen Anteil von knapp sieben Prozent. Doch von den 130 Vulkanen, die seit Beginn der Jungsteinzeit auf dem indonesischen Archipel ausgebrochen sind, liegt rund ein Drittel hier.Der Merapi ist einer der gefährlichsten Vulkane der Erde – und doch verdankt auch ihm diese Landschaft viel.dpaInzwischen ist es ganz Tag geworden, und Frühstück gibt es auch. Das Plataran Heritage Hotel unterhält auf dem
Enam Langit eine Außenstelle mit voll ausgestatteter Büfettlandschaft. Da bekommt das Wort Sattsehen eine ganz neue Bedeutung, und Kaffee gibt es auch. Über der Progo-Ebene hängen noch immer einige Schleier des Morgennebels. Einer verbirgt eine rätselhafte Hinterlassenschaft der Sailendra-Dynastie, die etwa von 760 bis 860 auf
Java tonangebend war. Es ist die größte buddhistische Tempelanlage der Welt und das vielleicht spektakulärste architektonische Wunder Südostasiens: der Candi Borobodur.Zum Borobodur gelangt man nur in Etappen. Nach seiner Fertigstellung im frühen 9. Jahrhundert, so vermuten die Archäologen, dürften die Gläubigen zunächst zwei kleinere Heiligtümer besucht haben, die heute als Candi Mendut und Candi Pawon bezeichnet werden. Das indonesische Wort Candi (ausgesprochen „Tschandi“) bezeichnet jede Art von Gebäude oder Ruine aus der Zeit vor der Ankunft des Islams. Mendut und Pawon liegen auf einer geraden Linie, die vom Borobodur nach Osten weist, möglicherweise nicht zufällig in Richtung des Merapi und seines rauchenden Kegels.Auf dem Tempelberg herrscht LatschenpflichtUnser Fremdenführer, ein überaus kundiger, freundlicher und geduldiger Mann namens Bintoro, stammt aus einem Dorf westlich von Yogyakarta und kennt die Gegend hier wie seine Westentasche. Zum Borobodur gelangen wir entlang der alten Pilgerroute zwischen den Tempeln, die heute allerdings längst vom Straßengewirr in der schwer zersiedelten Talebene überlagert ist.Mendut und Pawon sind beides würdige Monumente, die den Besucher auf kleiner Skala in die Bilderwelt des Mahayana-Buddhismus einführen. Die kann einen westlichen Betrachter ohne Vorbereitung oder einen guten Fremdenführer schnell überfordern. Zum Glück liebt der Mahayana-Buddhismus die anschauliche Vermittlung seiner Lehren anhand von Geschichten und Fabeln, welche die Steinmetze der Sailendra-Herrscher in kunstvollen Reliefs aus dem aschgrauen Vulkangestein Andesit zu illustrieren wussten. Das nimmt auch alle mit, die ihre liebe Mühe damit haben, die verschiedenen Buddhas und Bodhisattvas auseinanderzuhalten.Die Bäume haben sich gelichtet: Prozessionsstraße zum Borobodur.Ulf von RauchhauptWeiter geht es zum Borobodur, von dem niemand weiß, ob er ein Tempel war – und wenn nicht, was er sonst gewesen sein könnte. Es dauert eine Weile, bis wir des überbauten Hügels ansichtig werden, zu viele weitere Hügel drängen sich ins Bild. Zunächst gilt es, ein modernes Besucherzentrum enormer Dimension zu durchmessen. Dann ist ein kleiner Fußmarsch durch eine Grünanlage zu absolvieren, oder man nutzt einen elektrifizierten Shuttleservice, bis man an einem weiteren Schalter nach seiner Schuhgröße gefragt wird.Buddhistische GotikEtwas verblüfft sind wir kurz darauf Besitzer eines Paars nagelneuer „Upanat“. Das sind gummibesohlte Bastsandalen mit einem Knopf aus Kokosschale, der zwischen großem und nächstliegendem Zeh für die Fixierung des Fußes sorgen soll. Die Upanat sind im Eintrittspreis inbegriffen und seit 2023 verpflichtend von jedem Besucher zu tragen.Und es gibt noch weitere Regeln. Vor der Pandemie besuchten jährlich bis zu drei Millionen Menschen den Borobodur – das Doppelte dessen, was etwa Schloss Neuschwanstein verkraften muss. Mit der Wiedereröffnung im September 2021 wurde der Zugang stark reglementiert. Seither dürfen nur 150 Personen gleichzeitig auf den Borobodur und dann auch jeweils nur für maximal eine Stunde. Ohne Buchung mindestens eine oder zwei Wochen im Voraus – während des buddhistischen Vesak-Festes im Frühjahr noch deutlich früher – gibt es so gut wie keine Chance, ein Ticket zu bekommen. Aber ist die Besichtigung wirklich in einer Stunde zu schaffen? Wir sind nun auf die von Osten auf das Heiligtum zuführende Prozessionsstraße eingeschwenkt, die Bäume haben sich gelichtet, und wir sehen das Bauwerk direkt vor uns. Es wirkt gewaltig. Zwar ist seine quadratische Grundfläche mit 123 Meter Seitenlänge nur wenig größer als die der kleinsten der drei großen Pyramiden in Giza – und der zentrale Stupa des Borobodur ragt mit 35 Metern auch nur etwas mehr als halb so hoch auf. Doch schon aus der Ferne deutet sich ein Fassadengefüge mit der bildhauerischen Komplexität einer gotischen Kathedrale an.Nicht wie raus aus den Welten der Begierden und der FormenWir soll man das in so kurzer Zeit in sich aufnehmen? Außerdem springt uns ständig der Kokosknopf unserer Upanat-Latschen aus den Zehen. Zum Glück hat uns Bintoro einige Daten vorenthalten, die uns zu diesem Zeitpunkt noch mehr unter Stress gesetzt hätten: Die vier zugänglichen unteren Ebenen des Borobodur, auf denen man das Monument umrunden kann, sind mit 2672 Reliefplatten geschmückt, davon 1460 mit narrativen Szenen. Diese vier Ebenen symbolisieren in der Kosmologie des Buddhismus den Daseinsbereich des Rūpadhātu, der Welt der Formen, in der die Begierden überwunden sind.Das sind sehr viele Reliefplatten für eine Stunde. Zudem verfügt die gesamte Anlage über insgesamt 504 Statuen des Buddha. Davon sitzen 72 im Inneren der glockenförmigen Stupas aus durchbrochenem Mauerwerk auf den oberen drei Ebenen. Diese stehen für das Arūpadhātu, die Welt jenseits materieller Formen. Die durchbrochenen Stupas dort umgeben den riesigen, völlig geschlossenen Stupa auf dem Gipfel des Monuments: das Symbol für das Nirwana. Wir sind noch im Eingangsbereich und damit auf der alleruntersten Ebene, der des Kāmadhātu, der Welt der Begierden und Sinnesfreuden, und stecken uns nach jedem zweiten Schritt zunehmend genervt den Kokosknopf wieder zurück zwischen die Zehen – da gibt uns Bintoro den entscheidenden Tipp: Nicht mit den formenweltlichen Reliefs aufhalten, wie fast alle anderen Besucher nach der Ticketkontrolle. Sofort ganz nach oben, ins Arūpadhātu. Tatsächlich sind wir dort fast allein, laufen endlich barfuß und erleben einen geradezu mystischen Moment. Hoch über dem Formenwelt-Gewimmel ist es, als läge uns die ganze Welt zu Füßen. Zugleich erscheint die uns unmittelbar umgebende Raumzeit auf einmal völlig verfremdet. Zwischen den durchbrochenen Stupas, die wie gewaltige umgedrehte Glocken auf dem Andesit-Pflaster der formenfreien Sphäre ruhen, schweift der Blick nach Osten die Prozessionsstraße entlang in dunstige Weiten und nach den anderen Himmelsrichtungen. Dichte Vegetation. Felsige Grate. Sonst sehen wir nichts mehr, vor allem keine Menschen.Erst der Anblick der Buddha-Statue im Inneren eines Stupa, dem die oberen Lagen abhandengekommen sind, holt uns ins Reich der Formen zurück. Dem Nirwana sind wir nie wieder so nahe gekommen wie im Arūpadhātu des Borobodur. Bei sehr klarem Wetter und mit einem guten Fernglas soll man die Stupas auch von
Enam Langit aus sehen können. Dann wären es eigentlich nicht sechs Himmel, sondern sieben.Anreise nach Jakarta zum Beispiel mit Singapore Airlines ab München über Singapur. Der Besuch des Borobodur ist Teil der achttägigen Privatreise „Die Wiege Indonesiens“ von Meiers Weltreisen, ab 1914 Euro pro Person im DZ, nächster Reisetermin 5. bis 12. September. Weitere Infos zu Indonesien unter
Indonesia.travel/de/de