Mit den Turniersiegen in
Indian Wells und
Miami gelingt ihm das „Sunshine Double“. Tennisprofi
Jannik Sinner zeigt dabei Mut zur Veränderung – und bringt so die Konkurrenz unter größeren Zugzwang.„Sunshine Double“, das klingt nach einem süffigen Cocktail, einem Doppelzimmer auf einer Südseeinsel oder einer Doppelgängerin mit sonnigem Gemüt. In der Tenniswelt weiß jeder mit dem Begriff etwas anzufangen: zwei Triumphe bei Turnieren nacheinander binnen vier Wochen, erst in
Indian Wells, dann in
Miami. Ein solches „Sunshine Double“ gelingt nur den Allergrößten,
Roger Federer ist 2017 der Letzte gewesen. Was bis zum Sonntag jedoch noch nie jemand geschafft hat: bei beiden Mastersturnieren ohne Satzverlust durchzumarschieren.
Jannik Sinner ist der Erste.Mit seiner makellosen März-Bilanz hat der Südtiroler wieder einmal gezeigt, dass er das Zeug hat, die Tennishistorie um einige Kapitel zu bereichern. Als achter Profi das „Sunshine Double“ zu gewinnen, bedeutet ihm sehr viel: „Das ist etwas, woran ich niemals gedacht habe, weil es so schwierig zu erreichen ist“, sagte Sinner nach seinem 6:4, 6:4-Finalsieg gegen den Tschechen
Jiri Lehecka.„Es ist momentan die ultimative Herausforderung“Dass in
Indian Wells und
Miami oft die Sonne scheint, hat zur Bezeichnung „Sunshine Double“ geführt. Doch die Bedingungen könnten unterschiedlicher kaum sein. In der südkalifornischen Wüste ist es heiß und trocken, die Hartplätze sind langsam und die Bälle springen hoch ab. In Florida unweit der subtropischen Feuchtgebiete ist es heiß und schwül, der Belag ist schneller und die Bälle springen flacher. Wer da und dort gewinnt, darf sich als kompletter Hartplatzspieler fühlen, der in der Lage ist, Umstände, Gegner und sich selbst zu beherrschen.Nun, da die erste Hardcourtserie des Jahres zu Ende gegangen ist und am Ostersonntag in
Monte Carlo die Sandplatzsaison beginnt, drängt sich aufs Neue die Frage auf: Wer schafft es,
Jannik Sinner und
Carlos Alcaraz zu bezwingen und damit bei Siegerehrungen für Abwechslung zu sorgen? „Gegen Sinner oder Alcaraz ist es momentan die ultimative Herausforderung“, sagte
Patrik Kühnen der F.A.Z.
Jiri Lehecka: „Er zeigt unsere Grenzen auf“Der frühere Tennisprofi und Davis-Cup-Kapitän findet es „immer wieder aufs Neue beeindruckend, mit welcher Konstanz sie ihre Leistung abrufen“. Der letzte Spieler, der ein Turnier gewinnen konnte, an dem Sinner und Alcaraz teilnahmen, war der Russe
Andrej Rublew – in
Madrid vor zwei Jahren. Seither gewannen „Sincaraz“ 19 Turniere in Serie.Die Konkurrenten der beiden Ausnahmekönner staunen, geben aber nicht klein bei. Der Zweikampf an der Spitze sei nicht nur toll für den Tennissport, sagte Lehecka: „Er ist auch gut für uns als dem Rest auf der Tour. Er zeigt unsere Grenzen auf und worin wir uns verbessern müssen, um sie nicht nur einmal, sondern öfter auch in den größten Stadien zu schlagen“.Der 24 Jahre alte Tscheche bekam in
Miami zu spüren, was ihm der gleichaltrige Sinner voraus hat: Selbstvertrauen und die Fähigkeit, in entscheidenden Momenten das Beste aus sich herauszuholen. Wie im ersten Satz, als Sinner 0:40 zurücklag, sich aber mit fünf starken Aufschlägen in Serie das Spiel sicherte.Gegen Lehecka servierte der Italiener präzise wie ein Industrieroboter, gewann 33 von 36 Punkten nach dem ersten Aufschlag. Er habe viel daran gearbeitet, sein Service zu verbessern. Nicht zuletzt, um Kraft zu sparen. „Wenn man ein wenig müde wird, dann helfen freie Punkte und der Aufschlag“, sagte Sinner, dem schon einige Hitzeschlachten zu schaffen machten. Auch der zwei Jahre jüngere Alcaraz hat im Winter an seiner Aufschlagbewegung getüftelt – mit Erfolg: Er gewann seine ersten 16 Matches der neuen Saison.Alexander Zverev in Weltrangliste auf Platz dreiDie Profikollegen versuchen, die Leistungslücke zu den beiden Führenden der Weltrangliste ein wenig zu schließen. Zum Beispiel Daniil Medwedew, der in
Indian Wells Alcaraz schlug und Sinner im Endspiel unterlag: „Medwedew hat oft sehr weit hinter der Grundlinie agiert, dann aber erkannt, dass er etwas anderes braucht, um weiterhin erfolgreich zu sein“, sagt
Patrik Kühnen, der als Turnierdirektor in München in Kürze die Weltelite begrüßt.Auch Alexander Zverev hat seine Komfortzone verlassen und seine Spielweise offensiver ausgerichtet. „Er hat noch mal einen Schritt zugelegt und ist für Sinner und für Alcaraz ein noch ernster zu nehmender Konkurrent geworden“, findet Kühnen. Doch so stark Zverev in
Miami spielte: Wie zwei Wochen zuvor in
Indian Wells, scheiterte er wieder in zwei Sätzen an Sinner. „Im zweiten Satz hatte ich angefangen, von der Grundlinie zu dominieren“, zog der Deutsche das Gute für sich aus der Niederlage. In der Weltrangliste hat er sich auf Platz drei zurückgearbeitet.An der Spitze wird die Luft für Alcaraz dünner. Bei den vergangenen beiden Turnieren hat der Spanier nahezu zwei Drittel seines Vorsprungs auf Sinner eingebüßt. Anders als Alcaraz kann der Italiener in den kommenden vier Wochen viele Punkte hinzugewinnen, weil er zur gleichen Zeit im vergangenen Jahr eine Dopingsperre absaß und nichts zu verteidigen hat. Ansporn haben also alle Beteiligten reichlich.Die Tenniswelt schaut fasziniert zu – und kann davon lernen, findet Kühnen: „Ich finde es stark, dass diese Top-Spieler vormachen, wovon auch ein Freizeit- oder Mannschaftsspieler profitieren kann: nämlich Mut zur Veränderung zu zeigen. Mut, den Blickwinkel zu verändern, einen Schritt weiter zu denken und etwas Neues in sein Spiel einzubauen.“