Während in
Bonn die Porträts Peter Hujars zu sehen sind, wird der Fotograf in
Berlin zusammen mit der Künstlerin
Liz Deschenes gezeigt. Was auf den ersten Blick willkürlich erscheint, erweist sich als Glücksgriff.Wenn man die Bilder Peter Hujars anschaut, kann man allzu leicht in eine Falle tappen: Man kann sich nämlich dazu hinreißen lassen, die Schwarz-Weiß-Fotografien aus den 1970er- und 1980er-Jahren als nostalgisch verklärte Zeitdokumente zu begreifen. Es ist auch zu verlockend, wenn man dort die junge amerikanische Schriftstellerin
Fran Lebowitz liegen sieht, die Dragqueen
Candy Darling auf dem Sterbebett,
William S. Burroughs oder
Susan Sontag. Alles Figuren, hinter deren Namen sich damals noch keine großen Karrieren versammelten, die lediglich Hujars Zeitgenossen und Freunde waren. Ein wahrer Meister der DunkelkammerDabei enthüllen eigentlich schon die Bilder, die Hujar auf seinen nächtlichen Streifzügen durch
New York gemacht hat, wie virtuos er als Künstler war. Da er keinen Führerschein hatte, ging er nachts oft zu Fuß nach Hause und fotografierte dabei.
Peter Hujar: „Dragqueen
Candy Darling auf dem Sterbebett“ von 1973The
Peter Hujar Archive/VG Bild-Kunst,
Bonn 2026Auf den Bildern sieht man die dunklen Schatten über den Wolkenkratzern, eingeschlagene Autoscheiben, deren Scherben wie Diamanten auf dem schwarzen Asphalt funkeln, das Leuchten der Apartments und Büros, in denen vereinzelt noch Menschen wach sind, die aussehen wie mit sehr feinem Pinsel gemalt. Den Unterschied zum Heute erkennt man auf diesen Bildern eigentlich nur an der eckig-zackigen Form der Autos, die heute eher wie glatt gelutschte Bonbons aussehen.Hujar war – das darf man sich bei all der Freude, die man empfindet, wenn man die alten Bekannten auf seinen Porträts sieht – kein Chronist, der einfach durch seine Zeit stolperte und dabei die Kamera draufhielt. Er war ein Künstler, der der Fotografie regelrecht eine neue Dimension hinzufügte und in der Komposition so genau vorging wie ein Maler. Als einen „Meister der Dunkelkammer“ bezeichnet ihn auch die Kuratorin der Ausstellung,
Eva Respini.
Liz Deschenes and Emanuela Campoli, Paris/MilanDas Meisterhafte zeigt sich besonders bei den Fotografien des
East River und des Hudson; der beiden Flüsse, die Manhattan seine Form geben. Auf den Bildern sieht man lediglich Wasser, dessen Anblick keine Rückschlüsse zulässt, zu welchem Fluss es gehört, nur das Label klärt auf. Hujar hat es so perfekt belichtet, dass das eigentlich brackige Wasser weich und dickflüssig aussieht. Die Tropfen, die auf der Oberfläche tanzen, lassen es wie einen hochflorigen Teppich erscheinen, auf dem sich die Steine einer Diamantenkette, die der Gastgeberin vom Hals geplatzt ist, jetzt glitzernd ausbreiten. Auch an dieser Konzentration weg vom Motiv hin zur Textur beweist sich, dass Hujar nicht einfach seine Gegenwart festhalten und dokumentieren wollte. The
Peter Hujar Archive/VG Bild-Kunst,
Bonn 2026Mit der gleichen Finesse hat Hujar Körper untersucht und angesehen. Die gebeugten und gedrehten Rücken der Tänzer von William Forsythe, der Bauch, von dem man nicht weiß, zu wem er gehört, aber auch das Gesicht des Künstlers David Wojnarowicz, der sich eine Hand vors Gesicht hält und somit das, worum es eigentlich geht, schon wieder verdeckt und die Aufmerksamkeit auf die Komposition lenkt. Es sind die Bilder, auf denen gar keine Menschen zu sehen sind, die am meisten Körperlichkeit ausstrahlen: ein zusammengeknüllter Mantel auf einem Stuhl, der ohne den formgebenden Menschen in sich zusammenfällt, die Ruinen in Key West, die ohne Menschen, die sie bewohnen, langsam von der Natur überwuchert werden. Bilder von dem, was übrig bleibt, wenn Menschen gegangen sind.
Liz Deschenes and Emanuela Campoli, Paris/MilanAnfang der 1980er-Jahre begann die Aids-Epidemie, und man kann die Geschichte dieser Zeit nicht ohne sie erzählen. Auch Hujar starb bereits 1987 mit 53 Jahren an den Folgen seiner Aids-Erkrankung, und so schwingt die Zerbrechlichkeit des Lebens in all seinen Bildern mit. Denn nicht nur Hujar, ein Großteil dieser begabten jungen Menschen, die man auch auf seinen Bildern sieht, leben heute nicht mehr. Man hat eine ganze Generation von Künstlern an das Virus verloren und wird sich wohl für immer fragen müssen, wie die Kunstgeschichte und eine Kunstwelt heute aussehen würden, wenn sie noch länger gelebt und gearbeitet hätten und vielleicht sogar heute noch Kunst machen würden.Verbindung von Hujar und Deschenes erweist sich als GlücksfallDeswegen ist es umso wichtiger, das Werk Hujars in die Gegenwart zu holen. Während man sich in der Bundeskunsthalle in
Bonn momentan den Porträts Hujars widmet, wird er in
Berlin gemeinsam mit der 1966 geborenen Künstlerin
Liz Deschenes gezeigt. Was auf den ersten Blick willkürlich erscheint, erweist sich als Glücksgriff. Denn die teilweise spiegelglatten Oberflächen der experimentellen Fotografie und eleganten Skulpturen von Deschenes bewahren den Betrachter vor der Nostalgie-Falle. Sie sind so radikal gegenwärtig, dass man automatisch wieder im Hier und Jetzt landet. Deschenes verwendet Schwarz-Weiß-Fotopapier, das sie nachts dem Mond als Beleuchtungsquelle aussetzt, danach bearbeitet sie das Bild chemisch so, dass es weiterhin auf äußere Einflüsse reagiert und irgendwann einfach schwarz sein wird. Es entwickelt sich und verfällt im Lauf der Ausstellung geradezu vor den Augen der Betrachter. Dem Stillstand, den man bei einem so abgeschlossenen Werk wie dem Hujars befürchtet, wird hier entgegengewirkt. Es sind ganz unterschiedliche bildgebende Verfahren, die beide anwenden. Deschenes fragt sich: Was ist ein Bild? Und wie viel muss man sehen, damit etwas ein Bild sein kann? Im Grunde ist es eine Weiterentwicklung der Fotografie, bei der es heute, wo täglich Millionen von Bildern aufgenommen werden, auch um die Frage geht, was man ihr noch hinzufügen kann, ob ihre Geschichte mit dem Smartphone nicht an ihr Ende gekommen ist. Doch ist es vermutlich wie mit der Malerei, die mit dem Aufkommen der Fotografie auch nicht ihr befürchtetes Ende erfuhr, sondern bekanntermaßen immer noch sehr lebendig ist.Am liebsten mochte Hujar es, wenn seine Bilder nicht thematisch angeordnet gezeigt wurden, sondern wild durcheinander. Die Hängung seiner letzten Ausstellung, in der er sich mit diesem Wunsch endlich durchsetzen konnte, hat man in einem Teil der Berliner Ausstellung nachempfunden. „Recent Photographs“ zeigte 1986 in der Gracie Mansion Gallery im East Village ein geradezu klassisches Porträt neben dem Bild einer Kuh, die dramatisch die Augen aufreißt, daneben einen Hund, einen der Männer aus der berühmten Reihe „Orgasmic Men“ von 1969, bei denen er Männer kurz vor oder während des Orgasmus fotografierte. All diese Dinge, Menschen und Tiere existieren in Hujars Bildwelt gleichberechtigt nebeneinander. Aus der Ausstellung wurde damals kein einziges Bild verkauft. Dass er einmal ein bedeutender Fotograf werden und bleiben sollte, erlebte Hujar nicht mehr, der Zeit seines Lebens keinen Zugang zur etablierten Kunstwelt fand. Umso wichtiger ist es, sein Werk in der Gegenwart wahrzunehmen und nicht mit dem erstarrenden Pathos zu überziehen, zu dem es verleitet. Gerade angesichts der sogenannten Bilderflut ist seine Art zu sehen eine Einladung, ganz genau hinzuschauen und sich dafür vor allem eines zu nehmen: Zeit.
Peter Hujar/
Liz Deschenes: „Persistence of Vision“. Gropius Bau,
Berlin, bis 28. Juni 2026.
Peter Hujar: „Eyes Open in the Dark“, Bundeskunsthalle
Bonn, bis 23. August 2026