Eigentlich sträubt sich
Carlo Ancelotti, einen nicht austrainierten
Neymar für die WM zu nominieren. Doch der bietet etwas, das der
Seleção fehlt. So wird Ancelotti die Frage wohl länger begleiten.Lässig steht
Carlo Ancelotti in einer Ecke des Sambódromo in
Rio de Janeiro. Es ist Karneval und der italienische Trainer der Fußball-Nationalmannschaft ist am höchsten Feiertag der brasilianischen Lebensart mittendrin im Geschehen. Als
Ronaldo mit einem Bierglas winkend auf einem der Karnevalswagen vorbeizieht, grüßt ihn der Italiener freundlich zurück. Wer verstehen will, wie
Brasilien – und damit die
Seleção – tickt, muss einmal in der Arena Marquês de Sapucaí gewesen sein.Ancelotti beließ es nicht nur beim Besuch des weltberühmten Karnevals von
Rio de Janeiro. Er reiste wenige Wochen vor der letzten WM-Generalprobe auch noch ins Sambódromo do Anhembi nach
São Paulo. Und ein paar Tage zuvor machte Ancelotti Station in Salvador, wo er die Parade der „Trios Elétricos“ auf der Strecke Barra–Ondina verfolgte. Dort forderte ihn Starsänger Léo Santana auf: „Nimm
Neymar in die brasilianische Nationalmannschaft, um Gottes Willen.“ Der Trainer reagierte mit einem Lächeln und sagte: „Danke für den Rat.“
Neymar ist beim
FC Santos ein ProblemkindDamit hatte Santana das Problem angesprochen, das Ancelotti derzeit besonders umtreibt. Bei der 1:2-Niederlage gegen
Frankreich am Donnerstag offenbarte sich das Problem der
Seleção. Während
Frankreich wie eine perfekt eingestellte Maschine wirkte, gab es auf brasilianischer Seite zwar hervorragende Einzelspieler wie Vinicius Jr., doch dieser Mannschaft, die nach der Roten Karte gegen Bayern-Spieler
Dayot Upamecano fast eine Halbzeit lang vergeblich gegen dezimierte Franzosen anlief, fehlte es an einem Taktgeber.Anders als die WM-Favoriten Spanien,
Frankreich oder Argentinien, die allesamt über seit Jahren einstudierte Strukturen und Konzepte verfügen, ist Ancelotti noch dabei, sich in den brasilianischen Fußball einzugewöhnen und einzuarbeiten, ihn zu verstehen. Eigentlich sträubt sich Ancelotti, einen nicht austrainierten
Neymar Jr. mit zur Weltmeisterschaft zu nehmen. Das Problemkind hat beim
FC Santos einmal mehr mit Verletzungen und mangelnder Form zu kämpfen.Aber
Neymar bringt trotz seiner inzwischen 34 Jahre etwas mit, das der
Seleção zuletzt fehlte: Überraschungsmomente und Geniestreiche, zu denen nur ausgesuchte Künstler in der Lage sind. Vielleicht wird er nicht mehr alle Sprintduelle gewinnen, aber den einen oder anderen unerwarteten Pass in die Spitze hätte die
Seleção gegen
Frankreich gut gebrauchen können.Bei einer Weltmeisterschaft, das zeigte beim vergangenen Turnier auch Brasiliens Erzrivale Argentinien, geht es nicht nur um Taktik, Spielphilosophie und Dreierkette, sondern ein Stück weit auch um die Lebensart eines Landes. Und die verkörpert
Neymar mit all seinen Schwächen und Stärken wie kaum ein anderer. Wie die Weltmeister Romário oder Ronaldinho, die mit ihrem Lebensstil einst so manchen Trainer zur Verzweiflung brachten, steht auch
Neymar stets für den schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn.„Olé, olé, olá,
Neymar,
Neymar“Bis ins Stadion in Foxborough in der Metropolregion Boston verfolgte Ancelotti diese Debatte. Die brasilianischen Fans forderten
Neymar lautstark in Sprechchören: „Olé, olé, olá,
Neymar,
Neymar.“ Der so gepriesene genoss es, dass die Zuschauer ihn einforderten. „Ich freue mich über die Zuneigung“, sagte
Neymar dem Sportportal „De Olho No Peixe“. Dessen ehemaliger Mitspieler in Paris, Kylian Mbappé, ließ wissen: Eine WM ohne
Neymar könne er sich nicht vorstellen.Für
Neymar, der nicht zu den Länderspielen eingeladen war, hätte es in Boston nicht besser laufen können. Ancelotti aber ließ sich nicht aus der Reserve locken. „Wir müssen jetzt über die Spieler sprechen, die hier waren. Über die, die gespielt und alles gegeben haben. Sie haben sich der Herausforderung gestellt und hart gearbeitet. Ich bin zufrieden und jetzt werden wir uns auf das Spiel gegen Kroatien vorbereiten.“
Carlo Ancelotti muss Brasiliens Nationalmannschaft zur WM in Form bringen.AFPTatsächlich fehlen bislang jedoch die wirklich überzeugenden Statements in der noch kurzen Ära Ancelottis. Von neun Spielen seit Beginn seiner Amtszeit im Mai vergangenen Jahres konnte der Italiener nur vier gewinnen, drei gingen verloren und zwei endeten mit einem Remis. Für den Rekordweltmeister eine ernüchternde Bilanz, zumal auch die Qualität der Spiele nicht überzeugend war.
Brasilien wirkt nicht komplett.Vinicius Jr., der gegen
Frankreich das in
Brasilien besonders bedeutungsschwere Trikot mit der Nummer zehn trug, bittet um Geduld: „Angesichts unserer bisherigen Ergebnisse sind wir nicht die Favoriten bei der WM.“ Aber die Bedeutung der Spiele werde noch einmal Kräfte freisetzen, wenn es wirklich darum gehe, ist der in Diensten von Real Madrid stehende Weltstar überzeugt. „Wir müssen uns nur erst einmal finden. Wir werden alles tun, damit
Brasilien wieder an die Spitze zurückkehrt.“ Dabei wird auch er ein Wörtchen mitreden, ob
Neymar wieder dazu stoßen soll oder nicht.Seit Oktober 2023 hat
Neymar nicht mehr das brasilianische Trikot getragen. Sollte sich die Ancelotti-Elf auch im Test gegen Kroatien an diesem Dienstag (Mittwoch, 2.00 Uhr MESZ bei DAZN) schwertun, wird den Trainer diese Frage bis zur endgültigen Kadernominierung am 18. Mai verfolgen.
Neymar ließ jüngst wissen, dass er sich eigentlich für unverzichtbar hält: „Ich weiß, welche Qualitäten ich habe und welche Stärke ich auf dem Spielfeld besitze. Und ich weiß, was ich noch einbringen kann. Es ist klar, dass ich zur Weltmeisterschaft will, und es ist klar, dass mich das motiviert.“