Im
Pazifik mehren sich die Anzeichen für das Klimaphänomen
El Niño. Forschende warnen, ein starkes Ereignis könnte Extremwetter verstärken und die globale Temperatur noch weiter anheizen. Die vielfach ausgezeichnete Klimaforscherin
Friederike Otto will nicht dramatisieren. Aber verharmlosen will sie die Entwicklung im
Pazifik auch nicht. Im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk spricht die Klimaforscherin vom
Imperial College London von einer "realen Gefahr". Sollte sich in den kommenden Monaten ein sehr starkes El-Niño-Ereignis entwickeln, könnte das die ohnehin schon aufgeheizte Erde zusätzlich belasten. Die Prognosedaten verschiedener Wettermodelle deuten darauf hin, dass sich das oberflächennahe Meerwasser des tropischen Pazifiks in der Nähe des Äquators in den nächsten Monaten erwärmen könnte - mit weitreichenden Folgen. Wie stark diese Erwärmung ausfallen wird, ist noch nicht klar. Entscheidend sei dabei der Blick auf die sogenannten Niño-3.4-Werte, sagt Otto. Dabei werden die Abweichungen der Meeresoberflächentemperaturen im
Pazifik mit dem langjährigen Mittel verglichen. Sind sie deutlich erhöht, spricht man von
El Niño, bei niedrigeren Werten von La Niña. Eigentlich ist
El Niño ein natürliches Klimaphänomen im
Pazifik, das alle zwei bis sieben Jahre auftaucht. Der Name stammt aus
Peru. Fischer beobachteten dort schon vor langer Zeit, dass sich das Meerwasser in manchen Jahren um die Weihnachtszeit ungewöhnlich erwärmte und der Fischfang zurückging. Deshalb nannten sie das Phänomen nach dem Christkind: "
El Niño", das aber keine schönen Geschenke brachte. Normalerweise treiben Passatwinde warmes Oberflächenwasser von
Südamerika nach Westen - in Richtung
Australien und
Indonesien. Bei
El Niño schwächen sich diese Winde ab, stoppen oder drehen sich um. Das warme Wasser staut sich vor
Südamerika. Die Folge: Starkregen, Wirbelstürme und Überschwemmungen nahe der Pazifikküste in
Südamerika und noch mehr Dürren und Waldbrände auf der anderen Seite des Pazifiks. "Super-El-Niño" klingt größer, als die Forschung sagen kann Der Ausdruck "Super-El-Niño", der nun wieder häufig auftaucht, ist allerdings kein offizieller Fachbegriff. Die US-Klimabehörde
NOAA und Climate.gov weisen darauf hin, dass es keine verbindliche Standarddefinition gibt. In der Praxis ist damit meist ein außergewöhnlich starkes Ereignis gemeint, bei dem die Temperaturabweichungen im Niño-3.4-Gebiet besonders hoch ausfallen. Der
Pazifik könnte sich um 1,5 bis 2 Grad aufheizen. Die letzten "Super-El-Niños" gab es 1997/98 und 2015/2016. Genau an diesem Punkt mahnt Wissenschaftlerin Daniela Matei zur Vorsicht. Sie forscht am Max-Planck-Institut zu Klimavariabilität und Ozean-Atmosphäre-Wechselwirkungen. Dem BR sagte sie, auch 2014 hätten frühe Prognosen zunächst nach einem sehr starken Ereignis ausgesehen; am Ende kühlte sich das Meerwasser aber wieder ab. Eine belastbare Einschätzung werde deshalb erst in einigen Monaten möglich sein.
NOAA formuliert ähnlich vorsichtig: Die Stärke eines möglichen
El Niño sei derzeit "sehr unsicher". Klimaforscherin Otto richtet den Blick deshalb weniger auf das Schlagwort "super" als auf die Folgen. Ein starker
El Niño, sagt sie, träfe heute auf eine Welt, die durch Treibhausgase bereits deutlich wärmer ist als noch bei früheren Ereignissen.
El Niño werde die Auswirkungen des Klimawandels weiter verschärfen - mit heißeren Hitzewellen, schwereren Dürren und extremeren Waldbränden.
El Niño wird damit ein natürlicher Verstärker auf einer bereits aufgeheizten Grundlinie. Genau darin liegt der zusätzliche Sprengstoff für die globale Temperatur.
El Niño heizt die Erde nicht "neu" auf, sondern setzt auf den langfristigen Erwärmungstrend noch einen natürlichen Wärmeschub. Solange weiter Kohle, Öl und Gas verbrannt würden, steige die globale Mitteltemperatur weiter - und mit ihr das Risiko, dass natürliche Klimaschwankungen wie
El Niño immer gefährlicher wirken. Und Europa? Das liegt zwar nicht im Zentrum des Geschehens, sagt Klimaforscherin Matei, könne die Folgen aber durchaus spüren. Sie verweist auf mögliche Kälteeinbrüche im Winter und stärkere Hitzebelastung im Sommer in Teilen Südeuropas. Auch wirtschaftlich hat ein starker
El Niño Auswirkungen. Etwa dann, wenn Dürren und Ernteausfälle in anderen Weltregionen Märkte, Lieferketten und Preise verändern. Gerade dieser indirekte Effekt dürfte in Europa oft früher sichtbar werden als ein klares Wettersignal. Fakt ist, gegen das Wetterphänomen
El Niño lässt sich nichts tun, gegen die Erderwärmung schon.