Ein Spiel für ein Land: Die Fußball-Nationalmannschaft sorgt im Irak für seltene Einigkeit. Die mögliche WM-Teilnahme in diesem Sommer wird für die krisengeschundenen Menschen zum Symbol der Zuversicht.Seit Wochen fiebert Ali diesem Spiel entgegen. „Es ist gigantisch und womöglich unsere einzige Chance“, sagt er mit Blick auf die entscheidende Partie gegen Bolivien an diesem Mittwoch (5.00 Uhr MESZ bei DAZN), die die Qualifikation für die Fußball-WM bringen kann. „Ich bin jetzt 22 Jahre alt. Ich habe den Irak nie bei einer Weltmeisterschaft gesehen.“ Ali ist Mitglied der „Safana Ultras“ – einer Gruppe leidenschaftlicher Fans des Erstligaklubs Minaa SC aus Basra.Für ihn und viele junge Landsleute ist die bislang einzige WM-Teilnahme von 1986 eine Episode aus dem Geschichtsbuch. Das Land hat eine der jüngsten Bevölkerungen weltweit; rund 60 Prozent sind unter 25 Jahren. Für sie ist sogar Iraks Gewinn der Asienmeisterschaft 2007 eine ferne Kindheitserinnerung. Diese Generation möchte nun „ihr“ WM-Debüt erleben.Während im Nahen Osten der Krieg tobt und der Irak mitten im Krisengebiet liegt, machte sich die Nationalmannschaft auf den Weg. Der Himmel war gesperrt, so ging es trotz damit verbundener Gefahren auf dem Landweg im Bus los. Zehn Stunden dauerte die beschwerliche Fahrt von Bagdad bis nach
Amman, ehe es von Jordanien weiter nach
Portugal und von dort aus nach Mexiko ging, wo die schicksalhafte Partie stattfinden wird.Nach 25 Stunden Odyssee erreichten die Spieler schließlich ihr Ziel: den Ort, an dem der kollektive Traum vom Start bei der Weltmeisterschaft Wirklichkeit werden könnte.Mit einem Sieg über Bolivien wäre der Irak beim Turnier im Sommer, das in den USA, Mexiko und Kanada ausgetragen wird, dabei; dann stünden Spiele gegen Frankreich,
Senegal und Norwegen an. Dass die Mannschaft um den australischen Trainer Graham Arnold es in die interkontinentalen Play-offs schaffte, war lange ungewiss. In der Gruppenphase hatte das Team die sicher geglaubte direkte WM-Qualifikation kurz vor Schluss verspielt: Ein Heimspiel gegen den Gruppenletzten, Kuwait, endete 2:2; gegen Palästina unterlag das Team 1:2.Diktatur, Bürgerkrieg und IS-Herrschaft haben Narben hinterlassenIraks Fußballverband schasste Trainer Jesús Casas und heuerte vor zehn Monaten Arnold an. Er brachte Selbstvertrauen und Stabilität zurück. Im November 2025 bestritt die Mannschaft in der notwendig gewordenen Zusatzrunde die Begegnung mit den Vereinigten Arabischen Emiraten. Über 62.000 Zuschauer im ausverkauften Sports City Stadium sahen eine denkwürdige Partie. Nach 17 Minuten Nachspielzeit schoss Iraks Mittelfeldspieler Amir Ammari das 2:1-Siegtor, das der Mannschaft nun die Reise nach Mittelamerika ermöglichte.Ali musste, wie er berichtet, nach dem Erfolgserlebnis erst einmal „tief durchatmen“. In der Welt außerhalb des Fußballs studiert er Ingenieurwissenschaften an der Universität Basra. Er lebt in einem Wohn- und Geschäftsviertel unweit des Minaa-Stadions. Das Viertel charakterisieren heruntergekommene, geduckte Häuser. Keines hat mehr als zwei Stockwerke. Im Erdgeschoss sind Gemüseläden, Apotheken und Falafelstuben. An Straßenlaternen hängen Plakate von Qassem Soleimani und Abu Mahdi al-Muhandis.Die Milizenkommandeure befehligten schiitische Kämpfer im Krieg gegen die sunnitische Terrormiliz IS. Beide starben bei einem US-Luftschlag im Januar 2020. Die Plakate illustrieren die gesellschaftliche Zerrissenheit des Landes. Diktatur, Bürgerkrieg und IS-Herrschaft haben Narben hinterlassen. Lange standen sich die verschiedenen Bevölkerungsgruppen feindlich gegenüber. Weiterhin herrscht Misstrauen zwischen Kurden, Schiiten und Sunniten.In der Nationalmannschaft spielen Kurden, Christen, Turkmenen, Schiiten und Sunniten gemeinsam.APDer Fußball bewegt sich nicht in diesem Spannungsfeld, wie unlängst auch beim Heimspiel des Minaa SC gegen Al-Karma deutlich wurde. Der Verein kommt aus Ramadi, die Hauptstadt der mehrheitlich sunnitischen Provinz Anbar im Westen Iraks. Einst ein Kerngebiet des IS. Vor dem Stadion verkaufen Straßenhändler Fanartikel und Trikotreplikate europäischer Spitzenklubs. Außerdem bieten sie Tee, Sonnenblumenkerne und arabische Süßspeisen an.Das Minaa-Stadion wurde 2022 eröffnet. Die Sitzschalen sind neu; sie variieren in den Farben Blau und Weiß. Ihre Aufreihung erinnert an die Gischt brechender Wellenberge. Als die Heimmannschaft den Platz betritt, wird sie mit stehenden Ovationen begrüßt. Vor Spielbeginn gibt es eine Gedenkminute für Irans politischen Führer Ali Khamenei. Er war tags zuvor bei einem israelischen Angriff auf Teheran getötet worden. Der Südirak ist eine schiitische Hochburg. Für viele Schiiten Iraks war Irans Ajatollah ein religiöses Oberhaupt.„Sie ist bunt, wenn einer vereinen kann, dann sie“Die Ultragruppen haben sich in der West- und in der gegenüberliegenden Ostkurve platziert. Sie feuern ihr Team abwechselnd an. Es klingt wie ein Kanon. Trommeln, Rasseln und Trompeten im Ultra-Ensemble untermalen die Partie klangvoll. Kaum ist der Gegner im Ballbesitz, schallen Buhrufe durch das Stadion.Die lautstarke Rivalität sei rein sportlich, sagt Ali. „Politik und Religion“, meint der Student, „spielen im Stadion keine Rolle.“ Das Nationalteam sei der beste Beweis, dass die Iraker miteinander auskommen können, fügt er an und verweist auf gesellschaftliche Bruchlinien: „Kevin Yakoub ist Christ, Mohanad Ali Schiit, Rewan Amin Kurde und Aymen Hussein Sunnit. Sie alle spielen zusammen.“ Beim Minaa SC ist es genauso.Auch der irakische Sportjournalist Haider Husseini, der für Alahad TV arbeitet, betont die einende Kraft des Fußballs und der Nationalelf. Hinter ihr versammelten sich alle Iraker unabhängig von ihrer konfessionellen Zugehörigkeit. Die Diktatur und der Bürgerkrieg haben tiefe gesellschaftliche Gräben hinterlassen, erzählt er.Häufig verliefen sie entlang ethno-konfessioneller Zugehörigkeiten. Die Nationalmannschaft überbrücke sie jedoch. In ihr spielen Kurden, Christen, Turkmenen, Schiiten und Sunniten gemeinsam. „Sie ist bunt, wenn einer vereinen kann, dann sie“, sagte er unweit der Basra Sports City, wo die irakische Nationalmannschaft ihre Spiele austrägt. Außerdem stelle der Trainer nach Leistung auf. Anders als in der Politik gäbe es im Nationalteam weder Vetternwirtschaft noch Proporz.Der in London geborene britisch-irakische Fußball-Podcaster Hassanane Balal nannte im F.A.Z.-Gespräch einen weiteren Aspekt: Er verbinde Diaspora und Heimat. In den vergangenen Jahren seien viele irakische Talente, deren Familien vor der Diktatur geflohen und im Ausland aufgewachsen sind, zurückgekommen.Junge Spieler wie Peter Gwargis, der von Malmö FF kam, und Ali Hayder, der zuvor bei Stoke City spielte, unterzeichneten Verträge bei den irakischen Erstligaklubs Dohuk und Nadschaf SC. Außerdem entschieden sich Youngster wie Youssef Amyn, Kevin Yakoub und Aimar Sher, die für Deutschlands und Schwedens U-19-Junioren kickten, für einen Wechsel zur irakischen Nationalmannschaft.Diese Rückkehrer machten nicht nur spielerisch Hoffnung, sondern zeigten auch, dass die Zuversicht in den Irak wächst. Der Fußball lasse das krisengeschundene Land auf vielen Ebenen zusammenrücken, sagte Balal. Nicht zuletzt könnte die WM-Teilnahme zu einer Imagepolitur beitragen: „Wenn die Leute vom Irak hören, denken sie zuerst an Saddam Hussein, Al Kaida und ISIS. Wenn wir bei der Weltmeisterschaft mitspielen, ist das endlich mal positive PR.“