Neue Fälle der Geflügelpest häufen sich. Schnell geraten Vögel, die im Frühjahr nach Deutschland zurückkehren, in Verdacht, das Virus einzuschleppen. Ornithologen warnen vor einfachen Erklärungen.Das mit der Vogelgrippe, das sei doch ganz einfach, heißt es immer wieder: „Die Zugvögel fliegen im Herbst in Richtung Süden und haben dabei jedes Mal das Virus im Gepäck.“ Und als hätte es noch eines Beweises bedurft, wird auf die Zahl von 50.000 toten Kranichen im vergangenen Winter verwiesen, die entlang der sogenannten Westroute aus dem Nordosten über
Nordfrankreich nach
Spanien an dem Virus verendet sind – 20.000 von ihnen starben allein in Deutschland. Da
Hessen auf dieser zentralen Route liegt, wurden auch hier allein im November mehr als 130 infizierte Wildvögel gemeldet, rund die Hälfte von ihnen waren
Kraniche.Und nun im Frühjahr? „Na, da kommen sie zurück.“ Und was bringen sie mit? Am Stammtisch, ob real oder digital, raunt man sich zu, dass es nichts Gutes sei, schließlich habe es in den vergangenen Wochen auch in
Hessen wieder Fälle von Vogelgrippe gegeben. 19.000 Masthähnchen getötetAllein im mittelhessischen
Hungen mussten Mitte Januar in einem Geflügelbetrieb rund 19.000 Masthähnchen getötet werden, nachdem der Erreger dort nachgewiesen worden war. Dabei hatte der Landkreis
Gießen erst im Dezember die vom Veterinäramt vorgegebenen Allgemeinverfügungen zur Eingrenzung der Geflügelpest, wie die Vogelgrippe auch genannt wird, aufgehoben. Anfang Februar verendeten an einem Badesee in
Großkrotzenburg bei
Hanau vier Wildvögel: drei Kanadagänse und eine Stockente. Der
Main-Kinzig-Kreis musste für einige Betriebe in der Region eine Stallpflicht verhängen, während sie andernorts, wie etwa in
Frankfurt, aber auch in Stadt und Kreis Kassel, erst Mitte Januar wieder aufgehoben worden war.
Kraniche im Anflug.Picture AllianceDer hessische Ornithologe
Bernd Petri gibt jedoch mit Blick auf die zurückgekehrten und noch zurückkehrenden
Kraniche Entwarnung. Von den Vögeln, die schon von Ende Januar an über
Hessen zu ihren Brutgebieten in Richtung Ostsee und weiter nach Nordeuropa geflogen seien, sei jeder einzelne gesund. „Von denen hat keiner die Vogelgrippe“, sagt der Experte.Kranken
Kraniche fliegen nicht mehr weitEin kranker Kranich wäre gar nicht in der Lage, aus den Winterquartieren in
Spanien und Frankreich bis nach
Hessen zu fliegen, so Petri. Anders als im Herbst und Winter seien es nun auf jeden Fall nicht die Schwärme dieser laut trompetenden Vögel, die die Rückkehr des hoch ansteckenden Vogelgrippe-Virus ankündigten. Wie überhaupt der Kranich in diesem Winter erstmals in einem bisher nicht bekannten Ausmaß Opfer dieses Virus geworden sei, sagt Petri.Es habe in der Vergangenheit nicht einen einzigen infizierten Kranich auf seinem Zug zu den wärmeren Winterquartieren gegeben. Das in diesem Winter sichtbar gewordene Ausmaß und die Geschwindigkeit der Verbreitung des Virus bei dieser Vogelart haben dem Vernehmen nach alle überrascht. Was sich in diesem Herbst ereignet habe, sei der größte Ausbruch der Seuche bei Wildvögeln in Deutschland gewesen – mit den Kranichen im Zentrum.Doch dafür, warum diese mitunter als „Glücksvogel“ bezeichnete Art in diesem Winter so stark vom Virus betroffen war, haben auch die Experten keine einfache Erklärung. Aus Sicht der Fachleute der Naturschutzorganisation NABU waren sie wahrscheinlich nicht die Verursacher der Pandemie, die schon im Oktober eingesetzt hatte. Mehrere Faktoren hätten den starken Ausbruch begünstigt. Möglicherweise seien die
Kraniche besonders anfällig für die derzeitige Ausprägung des Virus. Denn das habe sich im Laufe der Jahre verändert und längst unterschiedlichste Varianten gebildet. Hinzu kommt nach Ansicht der Fachleute das Verhalten der
Kraniche während ihres Zuges, das eine Infektion untereinander fördere. Nachts stehen die Vögel dicht gedrängtDenn die Tiere kommen auf ihren Flugrouten, bei denen sie sich an Flüssen und Bergen orientieren – im hessischen Fall an den Mittelgebirgen, aber auch an Main und Rhein –, auf immer denselben Rast- und Schlafplätzen in großen Ansammlungen zusammen. Nachts stehen sie gemeinsam dicht gedrängt in flachen Gewässern, etwa in der Auenlandschaft des Bingenheimer Rieds in der Wetterau.Inzwischen weiß man, dass die Viren auch im Wasser eine Zeit lang überleben und damit auch auf diesem Weg übertragen werden können und natürlich über den Kot der Tiere. In anderen Jahren soll das Virus vor allem an der Küste bei Seeschwalben und Möwen gewütet haben.Blick auf einen Tümpel im Naturschutzgebiet Bingenheimer Ried bei Bingenheim in der Wetterau. Aufgenommen am 03.03.2016.Esra KleinEntdeckt wurde die Vogelgrippe vom hochansteckenden Typ H5N1 im Jahr 1996 in China. Seit 1997 ist bekannt, dass das Virus auf Wirbeltiere und letztendlich auch auf den Menschen übertragen werden kann. Das seit der Corona-Pandemie bundesweit bekannte Friedrich-Löffler-Institut, das als Institut für Epidemiologie die Risikofaktoren von übertragbaren Krankheiten analysiert, hat in seinem Bericht in diesem Februar auch auf die Folgen für Wirbeltiere hingewiesen. Virus auch bei Katzen festgestelltDenn danach ist das H5N1-Virus in Deutschland nicht nur bei Geflügel, privat gehaltenen Vögeln wie etwa in vier Zoos und bei verschiedenen Wildvogelarten registriert worden, sondern auch bei drei Hauskatzen in Baden-Württemberg und einem Fuchs in Hamburg.Bekannt sind auch Fälle von einem Massensterben von Robben in Neuengland in den Vereinigten Staaten, aber auch in Pelztierfarmen in Finnland. Anfang vergangenen Jahres wurde bekannt, dass in den USA ein Mensch nach einer Infektion gestorben war, der allerdings Vorerkrankungen hatte und sich mit dem Vogelgrippen-Subtyp H5N5 angesteckt hatte. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt vor der Verbreitung des Virus, schätzt aber das Risiko durch die Vogelgrippe für Menschen als gering ein. An Vogelgrippe erkrankten meist nur Vögel, heißt es, das Virus habe sich auf deren Organismus spezialisiert. 2006 erster Fall in DeutschlandDoch zurück zur Entwicklung: 2002 wird der erste infizierte Wildvogel in China entdeckt, 2006 tritt dann der erste Fall von Vogelgrippe in Deutschland auf. Inzwischen ist die Krankheit weltweit verbreitet. Einige Experten vermuten, dass das Virus über Jahre von den Wildvögeln auf die Hausvögel und zurück auf die Wildvögel übergesprungen ist, sodass sich das Virus von 2005 an mit den Zugvögeln in Bewegung setzen konnte. Andere Fachleute halten neben dem weltweiten Vogelzug auch den internationalen Handel mit Geflügel, möglicherweise aber auch mit Futter für eine Ursache dafür, dass sich die Vogelgrippe immer weiter ausbreitet. Ornithologe Petri hält auch das Ausbringen von Gülle auf die Felder nicht per se für unbedenklich. Für Ornithologen sei das Massensterben von Wildvögeln insgesamt „eine traurige Angelegenheit“, sagt Petri. Aus Sicht des NABU deutet vieles darauf hin, dass nicht in der Natur, sondern in den großen Geflügelbetrieben die Ursache für die immer wiederkehrende Verbreitung des Virus zu finden ist. Die Naturschutzorganisation fordert deshalb langfristig strengere Sicherheitsstandards in den Betrieben wie auch beim internationalen Transport von Geflügelerzeugnissen und von lebenden Tieren. Nach dem Fund eines infizierten Wildvogels für eine befristete Zeit eine Stallpflicht in dem betroffenen Gebiet zu verhängen, reicht nach Ansicht dieser Fachleute nicht.
Bernd Petri hält es für entscheidend, dass zunächst Spaziergänger und Jogger jeden toten Wildvogel beim zuständigen Veterinäramt oder der Kommune meldeten. „Vor allen Dingen: Die Tiere bitte nicht anfassen“, sagt Petri. Hunde müssten angeleint sein, damit sie nicht in Kontakt mit einem verseuchten Vogel kämen. Das Anleinen sollte zu dieser Jahreszeit ohnehin eine Selbstverständlichkeit sein, fügt der Ornithologe hinzu, denn die Vögel hätten inzwischen mit dem Nestbau begonnen.Nach Angaben des Friedrich-Löffler-Instituts wurden im Februar dieses Jahres insgesamt 659 infizierte Wildtiere registriert, allein in
Hessen seien es 56 gewesen; vom Greifvogel über Wasservögel wie Schwäne und Wildenten bis hin zu 25 Wildgänsen. Es gibt sie also, die Zugvögel wie etwa die Wildgänse, die auch im Frühjahr das Virus in sich tragen. Ob sie sich möglicherweise während eines Zwischenstopps infiziert haben oder infolge des Klimawandels gar nicht mehr von ihrem angestammten Platz weggeflogen sind, kann niemand beantworten. Im zuständigen Landwirtschaftsministerium in Wiesbaden heißt es, dass vor allem eines bei der Vogelgrippe zu beobachten sei: dass man sie insgesamt nicht mehr loswerde. Selbst im Sommer würden mit dem Virus infizierte Tiere gefunden.