Mehr als ein Dutzend Preise verleiht
Frankfurt an verdiente Personen: Jetzt wird erstmals der
Europäische Paulskirchenpreis für Demokratie verliehen. Doch mit der wichtigsten Auszeichnung ist man im Römer knauserig.Gold ist nicht genug im reichen
Frankfurt. Die Römerplakette in Bronze, Silber und Gold wird schon lange verliehen. Aber was ist schon Gold, wenn es auch Platin sein kann? Und so konnten sich bei einem Festakt in der
Paulskirche Anfang November vergangenen Jahres gut 200 Frankfurter darüber freuen, dass sie die Ersten waren, die die Römerplakette eben in Platin erhielten – für 25 Jahre ehrenamtliches Engagement in der Stadt. Die Plakette in Bronze wird nach zehn Jahren überreicht, die in Silber nach 15, jene in Gold nach 20 Jahren.Damit war bisher Schluss, doch viele Frankfurter sind natürlich noch länger im Dienst der Gesellschaft aktiv. Und so zählten zu den ersten mit der Plakette in Platin ausgezeichneten Bürgern
Norbert Klein, der sich beim Technischen Hilfswerk engagiert, die frühere Stadtbezirksvorsteherin
Helga Diehl, die jetzt als Sozialpflegerin tätig ist, und
Haci Hacioǧlu von der Kommunalen Ausländervertretung. „Ohne Sie wären viele unserer Vereine, Einrichtungen und Stadtteile ärmer“, sagte Frankfurts Oberbürgermeister
Mike Josef (
SPD) bei dem Festakt. „Ohne Sie gäbe es weniger Wärme, weniger Miteinander, weniger gelebte Demokratie.“Ehrenplakette und EhrensoldFrankfurt ist großzügig bei der Verleihung von Auszeichnungen. Wer 20 Jahre lang Stadtverordneter war, das Amt „einwandfrei“ ausgeübt und sich „um das Wohl der Stadt verdient“ gemacht hat, wie es in der städtischen Ehrungsordnung heißt, kann als Stadtältester geehrt werden, was nicht nur mit diesem Titel und einer Urkunde, sondern auch mit einem „Ehrensold“ in Höhe von 200 Euro im Monat verbunden ist.Für Frankfurter, die sich in der Kommunalpolitik, in der Kultur, der Wirtschaft oder Sozialpolitik verdient gemacht haben, ist wiederum die Ehrenplakette gedacht, die aber ebenso wie die Bürgermedaille nur höchstens fünfmal im Jahr vergeben werden darf. Diese wiederum ist für ehrenamtliches Engagement etwa in Vereinen vorgesehen, sofern es einen „herausgehobenen Beitrag für das Gemeinwohl“ bedeutet. Die Ehrenplakette ging zuletzt zum Beispiel an den früheren Banker
Lutz Raettig, der sich viele Jahre lang für den Finanzplatz engagiert hat, sowie an
Elisabeth Abendroth, die sich jahrzehntelang mit dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus befasste. Die Bürgermedaille erhielten unter anderem Clemens Greve, der Geschäftsführer der Frankfurter Bürgerstiftung, und Dagmar Wendler, Vorsitzende des Kulturvereins Harheim.Ehrenbürgerin Frankfurts: Die frühere Oberbürgermeisterin Petra Roth, hier beim Empfang zu ihrem 80. Geburtstag 2024 im Kaisersaal des RömersFabian WilkingFünf Ehrungen im Jahr sind nicht eben viel in einer Stadt mit 780.000 Einwohnern. Die höchste Ehre aber, die die Stadt vergibt, ist seit Beginn des neuen Jahrtausends gerade einmal an sechs Frankfurter vergeben worden und seit neun Jahren überhaupt nicht mehr. Es ist das Ehrenbürgerrecht, das nach der entsprechenden Satzung der Stadt verliehen werden kann an „Persönlichkeiten, die sich um die Stadt
Frankfurt am Main besonders verdient gemacht haben“.Im neuen Jahrtausend wurde dieser Titel 2002 dem Verleger Siegfried Unseld zuerkannt, im gleichen Jahr auch dem früheren Henninger-Bräu-Eigentümer Bruno H. Schubert, dann 2004 dem Bankier Friedrich von Metzler, fünf Jahre später dem einstigen Oberbürgermeister Walter Wallmann, 2016 der Holocaustüberlebenden Trude Simonsohn und 2017 der früheren Oberbürgermeisterin Petra Roth. Nachdem Metzler vor knapp eineinhalb Jahren gestorben ist, ist Roth die einzige lebende Ehrenbürgerin Frankfurts. Von einer Diskussion, ob ihr in absehbarer Zeit ein weiterer Ehrenbürger oder eine weitere Ehrenbürgerin an die Seite gestellt werden soll, wer dies womöglich sein könnte, ist nichts zu vernehmen. Im Römer hat man, allemal jetzt nach der Kommunalwahl, anderes zu tun.Die erste Ehrenbürgerin im Jahr 2016Die Geschichte der Frankfurter Ehrenbürger reicht weit zurück, sie begann 1795 mit Erbprinz Friedrich Ludwig von Hohenlohe-Ingelfingen, der
Frankfurt in jenem Jahr vor der Besetzung durch französische Truppen bewahrt hatte. Petra Roth ist die 28. Ehrenbürgerin, wobei diejenigen, die in der Zeit des Nationalsozialismus hinzukamen, später wieder getilgt wurden und nicht mitzählen. Manche Namen wie der des von 1891 bis 1912 als Oberbürgermeister wirkenden Franz Adickes leuchten sofort ein. Er spielte in diesen zwei Jahrzehnten eine entscheidende Rolle beim Wandel Frankfurts zu einer modernen Metropole. Bei anderen muss man erst einmal nachschlagen.François Mitterrand etwa, der zu
Frankfurt keine besondere Beziehung hatte, wurde 1986 während eines deutsch-französischen Kulturgipfels mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) in der Stadt Ehrenbürger, in der Urkunde hieß es, der französische Präsident habe sich um die Freundschaft mit den Deutschen verdient gemacht. Mitterrand dankte freundlich für die „rare Auszeichnung“.Goethepreisträger im Jahr 1949: Thomas Mann wird am Hauptbahnhof von Oberbürgermeister Walter Kolb verabschiedet. Neben dem Schriftsteller seine Ehefrau Katia Mann.SZ-FotoKohl selbst war im September 1999 Ehrenbürger geworden, nach einstimmigem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung, nicht wegen dauerhaft enger Beziehungen zu
Frankfurt, sondern weil man ihm zurechnete, sich erfolgreich für die Ansiedlung der Europäischen Zentralbank in der Stadt eingesetzt zu haben. Es war eine Auszeichnung gleichsam in letzter Minute; schon zwei Monate später erschütterte die CDU-Spendenaffäre die Republik, und Kohl mittendrin, danach wäre ihm diese Ehre kaum noch zuteilgeworden. Zur sehr speziellen Geschichte der Frankfurter Ehrenbürger gehört aber auch, dass bis 2016, als Trude Simonsohn in diesen Rang erhoben wurde, mehr als zwei Jahrhunderte keine einzige Frau für in diesem Sinne würdig befunden worden war.Goethepreisträger seit 1927Dass Johann Wolfgang von Goethe der Namensgeber von gleich zwei Ehrungen ist, muss einen in dessen Geburtsstadt nicht wundern. Der Goethepreis geht der Ehrungsordnung zufolge an Persönlichkeiten, „die durch ihr Schaffen bereits zur Geltung gelangt und deren schöpferisches Wirken einer dem Andenken Goethes gewidmeten Ehrung würdig ist“, was zuletzt auf die Theaterintendantin und Regisseurin Ariane Mnouchkine sowie die Schriftsteller Dževad Karahasan und Barbara Honigmann zutraf, die den Preis 2017, 2020 und 2023 erhielten – er wird nur alle drei Jahre verliehen, und zwar zum Geburtstag Goethes, und ist mit einer Geldzuwendung von 50.000 Euro verbunden. In der 1927 begonnenen Reihe der Goethepreisträger finden sich große Namen wie Sigmund Freud, Max Planck, Thomas Mann und Walter Gropius.Die Goetheplakette wiederum wird häufiger vergeben, bis zu zweimal im Jahr. Die Bedingung dafür ist in der Ehrungsordnung etwas breiter formuliert, hier wird allein verlangt, dass das Wirken der Geehrten dem Andenken Goethes würdig sein müsse. Auf der Liste finden sich vor allem Frankfurter, zu den Geehrten in jüngerer Zeit zählen der Publizist Michel Friedman, Margareta Dillinger, die künstlerische Direktorin des Tigerpalasts, und Opernintendant Bernd Loebe.Die Ehrungsordnung listet noch viele weitere Preise auf, sie sind etwa nach Theodor W. Adorno benannt (für kulturelle Verdienste, jüngster Preisträger: die Philosophin Seyla Benhabib), nach Max Beckmann (zur Förderung von Malerei und Bildhauerei, jüngster Preisträger: die Österreicherin Valie Export) und Otto Hahn (für verdiente Naturwissenschaftler, jüngster Preisträger: der Münchener Physiker Peter Hommelhoff).Den Entscheidungsweg zu einer Würdigung regelt die Ehrungsordnung detailliert. Über neue Ehrenbürger entscheidet die Stadtverordnetenversammlung, bei anderen Preisen tagen Kuratorien oder Jurys, denen meist der Oberbürgermeister vorsitzt. Beim hochrangigen Goethepreis sind unter anderem die Stadtverordnetenvorsteherin, die Kulturdezernentin, die Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts, der Präsident der Goethe-Universität und der hessische Minister für Wissenschaft und Kunst dabei – man kann nicht sagen,
Frankfurt mache es sich mit seinen Preisen leicht.Europäischer Paulskirchenpreis für Demokratie als neueste EhrungUnausgesprochen trägt es zur Bedeutung einer Ehrung bei, wenn der entsprechende Preis schon lange vergeben wird. Schon aus diesem Grund empfiehlt es sich, die Liste der verschiedenen Preise nicht ständig zu ändern. So ist es in
Frankfurt auch nicht. Ein Preis allerdings ist wohl endgültig passé, die 1991 erstmals verliehene Johanna-Kirchner-Medaille für Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Sie wurde zum letzten Mal 1995 vergeben.Andererseits kommen durchaus auch neue Preise hinzu. Seit 1992 zählt zum Kanon der Ehrungen der Tony-Sender-Preis, der an Frauen und Projekte verliehen wird, die sich um die Gleichberechtigung verdient gemacht haben. 2002 kam der Ignatz-Bubis-Preis für Verständigung hinzu. Die Arthur-von-Weinberg-Plakette für besonderes gemeinnütziges Wirken wurde erstmals 2010 in der Stadt vergeben.Die neueste Ehrung ist der
Europäische Paulskirchenpreis für Demokratie, von dem die Stadt hofft, dass er dereinst in seiner Bedeutung dem in Aachen verliehenen Karlspreis nicht nachsteht. Im Herbst ist er zum ersten Mal ausgeschrieben worden, die erste Verleihung ist für Dienstag geplant. Der neue Preis soll an Personen oder Organisationen verliehen werden, „die sich in herausragender Weise für Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat einsetzen und die Teilhabe aller an einer vielfältigen, diversen Demokratie fördern“, wie es in der Ausschreibung heißt.Mit der Auszeichnung soll an die Nationalversammlung von 1848 erinnert werden und an diejenigen, die sich für Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat einsetzten. Der Preis ist mit 50.000 Euro dotiert und soll künftig alle zwei Jahre verliehen werden. Erste Preisträgerin ist die iranische Journalistin, Autorin und Frauenrechtlerin Masih Alinejad. Sie hat ihre Heimat 2009 aus politischen Gründen verlassen müssen und lebt in den Vereinigten Staaten.Wer mit einem der unterschiedlichen Preise bedacht worden ist, bleibt lange in Erinnerung; sorgfältig ist auf der Internetseite der Stadt
Frankfurt aufgelistet, wem wann welche Ehrung zuteilwurde. Doch auch auf eine andere Weise währt ein guter Ruf lange Zeit: Nach der Friedhofsordnung kann die Stadt eine Begräbnisstätte zu einem Ehrengrab aufwerten, für dessen Pflege sie dann selbst zuständig ist. Das gilt gegenwärtig für 222 Gräber, darunter das von Karl vom Rath, der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren Kulturdezernent war, und das des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki. Ehre, wem Ehre gebührt: Auch über den Tod hinaus vergisst
Frankfurt seine wichtigsten Töchter und Söhne nicht.