Im Jahr 1887 erregte sich die deutsche Öffentlichkeit über ein Gemälde von
Hermione von Preuschen. Die
Berliner Akademie wollte „Mors Imperator“ nicht ausstellen, die Malerin zeigte es trotzdem. Eine Ausstellung erzählt ihre Geschichte.Ihr Name klingt, als spräche jemand das Wort „Preußen“ mit vollem Mund aus. Aber
Hermione von Preuschen war weder Preußin noch preußisch gesinnt. Sie kam aus hessischem Beamtenadel, ihr Vater war Richter im
Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Hermine, die erst in reiferem Alter das „o“ in ihren Vornamen aufnahm, wollte freilich nicht wie andere höhere Töchter verheiratet werden, zur Kur fahren und Rosen züchten. Mit sechzehn studierte sie Malerei in
Karlsruhe, mit neunzehn schrieb sie Gedichte und begann einen Briefwechsel mit
Theodor Storm. Es folgte eine unglückliche, alsbald geschiedene Ehe mit einem Münchner Arzt, in dessen Villa sie sich ein Atelier einrichtete und Kontakte nach
Berlin knüpfte. Und dann, im Sommer 1887, der Durchbruch zum Ruhm, mit einem einzigen Bild: „Mors Imperator“.Das Berliner Publikum stürmte in ihre AusstellungVon Preuschen hatte das Gemälde für die Jahresausstellung der
Berliner Akademie eingereicht. Deren Jury lehnte es mit der Begründung ab, es könne den greisen Kaiser Wilhelm brüskieren. Die Malerin, keineswegs entmutigt, wandte sich an den neunzigjährigen Monarchen selbst, der ihr mitteilen ließ, er habe kein Problem mit dem Werk und überlasse das Urteil dem Publikum. Die Akademie, mit dem kaiserlichen Freibrief konfrontiert, gab nun bekannt, das Bild sei „Ausdruck eines schiefen Gedankens“.Daraufhin beschloss die erzürnte Künstlerin, ihr Werk selbst auszustellen. Sie mietete ein Ladenlokal in der
Leipziger Straße, wo Besucher das Bild für acht Reichsmark hinter einem Vorhang betrachten konnten, und schaltete Werbeanzeigen in Berliner Blättern. Das Bürgertum der Hauptstadt stürmte die Schau, und von Preuschen, die bis dahin nur in Adelskreisen bekannt war –
Viktoria, die britische Ehefrau des preußischen Thronfolgers, hatte ihr Porträt gemalt –, konnte sich vor neuen Aufträgen kaum retten.
Hermione von Preuschen in ihrem Münchner Atelier, Druckgrafik aus der Zeitschrift „Vom Fels zum Meer“, 1889SMB/
Alte Nationalgalerie/Mika WißkirchenDie Ausstellung, die die
Alte Nationalgalerie in
Berlin aus Anlass ihres 150. Geburtstags dem Kunstskandal von 1887 widmet, dokumentiert das Geschehen mit liebevoller Sachlichkeit. Im Zentrum steht das Gemälde selbst, ein Großformat, auf dem ein Skelett im Hermelinmantel einen vergoldeten Thron mit Drachenwappen, Krone und Zepter umstößt. Auf Preußen deutet nichts in dem Bild, das als Auftakt eines allegorischen Zyklus gedacht war, dafür um so mehr auf Stuck, Makart und die klassische Historienmalerei, die von Preuschen bei ihrem Lehrer Ferdinand Keller erlernt hatte.Ringsum sind eigene und fremde Zeichnungen sowie Abbildungen aus einer Broschüre gehängt, mit der die Malerin ihr Schaffen bewarb, von schwülen Frauenakten („Lebenshunger“) bis zu böcklinhaften Vanitasphantasien („Moloch Liebe“). Heute ist
Hermione von Preuschen vor allem mit Blumenbildern auf dem Kunstmarkt präsent, während ihre wilhelminischen Hauptwerke in Privatbesitz verschollen oder in den Stürmen der Geschichte untergegangen sind.Im deutschen Kaiserreich aber war sie eine Macht. Vor dem Ersten Weltkrieg bereiste sie die Welt, baute einen Kunsttempel neben ihrem Haus in Lichtenrade und schrieb Lyrik, deren „große Sonnensehnsucht“ ihr Zeitgenosse Rilke pries. Als sie 1918 starb, stand der Wilhelminismus am Abgrund. Erst jetzt wurde der Tod zum Imperator wie auf ihrem Bild von 1887. Davon konnte die Malerin nichts ahnen. Aber die Geschichte hat eben einen eigenen Sinn für Allegorien.„Skandal!
Hermione von Preuschen und der Mors Imperator“.
Alte Nationalgalerie Berlin, bis zum 15. November. Kein Katalog.