Auf dem
Heiligenstock in
Frankfurt ist Radiogeschichte geschrieben worden. Jetzt wird die Ruine der Senderanlage genutzt, um Aussicht, Natur und Landschaft neu zu erleben.Der
Frankfurter Grüngürtel ist um eine Attraktion reicher: Auf dem
Heiligenstock hat die Stadt
Frankfurt mit Unterstützung des Regionalparks Rhein-Main eine Aussichtsplattform auf den Resten einer ehemaligen Senderanlage errichtet, mit Blick über die alten Streuobstwiesen auf die Frankfurter Skyline und den
Taunus.Für Umweltdezernentin
Tina Zapf-Rodriguez (
Die Grünen) steht dieser Ort für das perfekte Zusammenspiel von einer „modernen Ruine“ und alten „knorrigen“ Obstbäumen, die, wie die Streuobstwiesen selbst, für eine große Artenvielfalt stehen, in einer „traumhaft schönen, wilden und rauen Kulturlandschaft“.Mit Informationstafeln und AudioangebotDie Aussichtsplattform soll nach Angaben der Dezernentin dazu einladen, den Grüngürtel neu zu entdecken und mithilfe von Informationstafeln und eines per QR-Code abrufbaren Audioangebots auch die besondere Geschichte des Heiligenstocks kennenzulernen. Bisher hätten viele Frankfurter nur die mit Graffiti bunt besprühten Gebäudereste, die überwucherten Mauern und die in großen Teilen verwilderten Streuobstwiesen wahrgenommen.Dabei ist der
Heiligenstock, eine Anhöhe im Nordwesten der Stadt, die zwischen
Seckbach und Preungesheim wie auch zwischen
Frankfurt und
Bad Vilbel liegt, vor rund 100 Jahren als geeigneter Standort für eine Senderanlage entdeckt worden. Im Jahr 1926 wurde dort der „Großsender
Heiligenstock“ in Betrieb genommen. Das war der Auftakt für rund 40 Jahre Radiogeschichte, die vom
Heiligenstock aus geschrieben wurde.Relikt der Anfänge des Rundfunks„Der Rundfunk hatte eine schwierige Geburtsgeschichte in Deutschland“, sagte
Hans Sarkowicz, Vorsitzender der Historischen Kommission der
ARD, zur Eröffnung der Aussichtsplattform auf den Resten der einstigen Sendeanlage. Es habe die Angst vorgeherrscht, dass diese Art der Informationsquelle ein revolutionäres Potential enthalte. Zum 1. April 1924 habe die erste Rundfunkstation in
Frankfurt ihren Betrieb aufgenommen, damals an der Stiftstraße im früheren Postscheckamt, mit 174 zahlenden Zuhörern. Die Sendeanlage auf dem Dach des Gebäudes hatte eine Leistung von 700 Watt – „jeder Föhn hat heute eine Leistung von 2000 Watt“, erläutert Sarkowicz.Mit Ausblick und Informationen: die neue Plattform auf der Ruine der RadiosenderanlageAnjou VartmannAm 1. Juni 1926 sei dann auf dem
Heiligenstock der „Großsender“ mit 1,7 Kilowatt errichtet worden. Das hat nach Angaben von Sarkowicz ausgereicht, um per Mittelwelle das Rhein-Main-Gebiet zu versorgen. „Die Menschen waren zufrieden“, sagte er. Zumal der Frankfurter Sender seinerzeit einer der innovativsten in Deutschland gewesen sei: „Von dort gab es die erste Reportage, das erste Hörspiel, die erste Mitmachsendung zu hören.“Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs sprengten die Nationalsozialisten die Sendestation. Sie sollte nicht in die Hände der Alliierten fallen. Wenige Tage später, noch vor Kriegsende, nahmen die Amerikaner mit behelfsmäßigen Geräten den Rundfunkbetrieb auf. Von 1947 an gab es wieder einen regulären Sendebetrieb, der 1949 dem neu gegründeten Hessischen Rundfunk übergeben wurde. Gesendet wurde von mehreren 122 Meter hohen Sendemasten, deren Fundamente bis heute auf dem Gelände am
Heiligenstock zu finden sind. Bis 1967 war die Anlage auf dem
Heiligenstock in Betrieb. Anschließend verfiel sie mit ihren Gebäuden und Betonfundamenten. Sie wurde zu einem „Lost Place“, umgeben von den alten Obstbäumen der Streuobstwiesen.Entwicklungskonzept für den HeiligenstockSeit die Stadt
Frankfurt 1991 den Grüngürtel ausgewiesen hat, ist der
Heiligenstock mit dem großen Areal der Senderanlage vor Bebauung geschützt. Als Erholungsort erschlossen ist es seit Anbeginn über den Grüngürtel-Rundwanderweg und den gleichnamigen Radrundweg, beide folgen dem Verlauf des historischen Eselswegs.Doch das Areal verwilderte, samt den Relikten der Senderanlage. 2021 beschloss die ämterübergreifende Grüngürtel-Projektgruppe der Stadt, ein Konzept für die Entwicklung des Heiligenstocks zu erarbeiten. „Wir wollten die historischen Spuren sichern und gleichzeitig die Landschaft erlebbar machen“, sagte Zapf-Rodriguez. „Wir fanden, dass dieser verwunschene Ort es wert ist, erhalten zu bleiben.“Die Projektgruppe ließ eine Machbarkeitsstudie erstellen, die Statik des zentralen Gebäudes der Senderanlage prüfen und so weit ertüchtigen, dass von Oktober an die neue Aussichtsplattform errichtet werden konnte. Zwei kleinere Technikhäuser im Gelände sind ebenfalls überprüft worden. Das „Rote Häuschen“ bleibt als Ruine erhalten, das sogenannte Blaue Häuschen musste abgerissen werden. Blaue Stahlprofile bilden nun dessen Konturen nach.Der
Heiligenstock wird schon seit 2003 als eine von fünf Lernstationen im Bildungsprogramm „Entdecken, Forschen, Lernen im Grüngürtel“ genutzt. Schulklassen und Kitagruppen ernten dort Obst, keltern Säfte. Im Herbst kommen seit Jahren Frankfurter Familien zum traditionellen Windfest auf die Wiesen rund um die alte Senderanlage zusammen, um dort Drachen steigen zu lassen, Windmaschinen selbst zu bauen und gleichzeitig die für die Region typische Streuobstwiesen-Landschaft und den weiten Blick vom
Heiligenstock aus zu genießen.