Die Partie war vorüber, und
Robert Lewandowski versank in Melancholie. Minutenlang. Er kniete auf dem Boden und blickte mit leeren Augen auf die mitgereisten polnischen Fans; und als er den Weg Richtung Kabine antrat und sie seinen Namen im Stakkato riefen, da hob er seine Hände und klatschte den Anhängern dankbar zu. Es waren Szenen, die jede Spekulation über die Zukunft von Lewandowski im Nationaldress rechtfertigten; nach dem 2:3 in Schweden und dem damit einhergehenden Aus für die WM 2026 setzten sie in den polnischen Medien umgehend ein: Bleibt er noch eine Weile? Oder reicht er im Alter von 37 Jahren doch seinen Rücktritt ein? Er werde erst mal zu seinem Klub nach
Barcelona zurückreisen, ein paar Fragen und Gedanken ordnen und sich dann äußern, sagte Lewandowski selbst. Denn: „Ich habe noch keine Antworten.“Das erklärte Lewandowski, als sich die polnische Nation der Interpretation eines Instagram-Posts gewidmet hatte, der wie ein Abschied anmutete. Lewandowski hatte ein Foto verbreitet, auf dem zu sehen ist, wie er müde winkend den Platz verlässt; untermalt hatte er den Beitrag mit einer Schnulze: „Time To Say Goodbye“. Ein Adieu Lewandowskis wäre alles andere als überraschend. Weniger, weil er nach 165 Länderspielen mit 89 Treffern seit 2008 gleich zwei polnische Rekorde aufgestellt und also seine Schuldigkeit getan hat. Sondern weil er beim nächstmöglichen, „großen“ Ziel – der fünften Europameisterschaftsteilnahme – stramm auf die 40 Jahre zusteuern würde. Einerseits. Andererseits könnte er auch die 100-Tore-Marke übertreffen „und erneut Geschichte schreiben“, wie der große Held des polnischen Fußballs der 1980er-Jahre,
Zbigniew Boniek, dem Online-Portal Prawda Futbolu sagte.WM-Qualifikation:Irak feiert nach langer Anreise, Erdogan spricht schon vom FinaleJetzt stehen auch die letzten Nationen für das Mega-WM-Turnier mit 48 Ländern in Nordamerika fest. Der Überblick von Türkei bis Tschechien.Die Polen wissen bereits, wie es sich anfühlt, auf Lewandowski zu verzichten. Unter dem Vorgänger des jetzigen Trainers
Jan Urban,
Michal Probierz, war Lewandowski schon einmal zurückgetreten; als er den Machtkampf gewonnen hatte – Probierz hatte Lewandowski als Kapitän absetzen wollen –, kehrte der frühere Mittelstürmer von
Borussia Dortmund und
Bayern München in den Kreis der Nationalelf zurück. Zur Tragik, die Lewandowski nun augenscheinlich in Schweden empfand, dürfte der Spielverlauf beigetragen haben: In einer spektakulären Partie waren die Polen besser gewesen. Es dürfte ihn vielleicht überdies geärgert haben, dass seine Polen an einer Skurrilität der Geschichte der Weltmeisterschaftsqualifikationen scheiterten.Denn dass die Schweden nach Nordamerika aufbrechen dürfen, ist an Absurdität kaum zu überbieten. In ihrer Qualifikationsgruppe hatten die Skandinavier hinter der Schweiz, Kosovo und Slowenien sieglos den letzten Tabellenplatz belegt. Dass sie trotzdem in den WM-Playoffs landeten (und dort gegen die Ukraine in Valencia und in Solna gegen Polen tatsächlich Triumphe landeten), war dem Umstand geschuldet, dass sie zuvor Sieger der „C“-Staffel der Nations League geworden waren.Viktor Gyökeres erzielt das entscheidende dritte Tor gegen Polen. Jonathan Nackstrand/AFPFür die Schweden war es ein Sieg, der unwahrscheinlich anmutete: Zweimal hatten die Polen Antworten auf schwedische Führungstreffer gefunden; Nicola Zalewski (33.) und Karol Swiderski (55.) egalisierten die Tore von Anthony Elanga (20.) und Gustaf Lagerbielke (44.). In der Schlussphase führte dann aber ein einziger Angriff der Schweden zu vier Abschlüssen im Strafraum der Polen; dreimal scheiterten die Skandinavier an Beinen und Gebälk, am Ende schaffte es Viktor Gyökeres, einen Abpraller aus kurzer Distanz zum Siegtor zu versenken (88.). Der Stürmer des FC Arsenal sicherte Schweden damit einen Platz in der WM-Gruppe F, neben den Niederlanden, Japan und Tunesien.„Fußball ist brutal“, sagte Lewandowski, der nicht nur über seine Zukunft in der Nationalelf nachdenken muss – sondern auch beim FC
Barcelona. Denn dort hat man ihm nur einen Einjahresvertrag zu deutlich geringeren Bezügen angeboten; es locken angeblich Vereine aus Italien, den USA, Saudi-Arabien und der Türkei. Eine Entscheidung will Lewandowski schon in den kommenden Wochen treffen – vor dem Saisonfinale, in dem Barça noch Optionen auf den Meistertitel und den Titel in der Champions League hat.