Italien ist viermaliger Weltmeister und verpasst nun zum dritten Mal in Serie die WM-Teilnahme. Wie kann das nur passieren? Die Gründe sind vielschichtig – und manche Probleme seit Jahren bekannt.In der kurzfristigen Betrachtung kamen verlässliche Stammspieler wie Torhüter und Kapitän
Gianluigi Donnarumma (
Manchester City) sowie
Sandro Tonali (
Newcastle United) im offensiven Mittelfeld noch gut weg. Auch bei Trainer
Gennaro Gattuso, der nach der Niederlage gegen
Bosnien-Hercegovina in der Nacht zum Mittwoch unter Tränen bei den Tifosi und der gesamten Nation um Verzeihung bat, ließen die Kritiker Gnade walten.Dimarco freute sich sichtlich über Bosnien als GegnerDagegen brachen sie über Innenverteidiger
Alessandro Bastoni und
Federico Dimarco im linken Mittelfeld (beide
Inter Mailand) zu Recht den Stab. Der Erste brachte die Squadra Azzurra mit seinem Platzverweis nach einer ungestümen Notbremse noch in der ersten Hälfte auf die Verliererstraße.Stattdessen musste sich der viermalige Weltmeister im Elfmeterschießen den Fußballern eines Landes geschlagen geben, das erst seit 1992 überhaupt als unabhängiger Staat existiert und sich bisher nur einmal für eine WM-Endrunde qualifizieren konnte. Das war 2014 in
Brasilien, als
Italien letztmals dabei war.Tatsächlich sind es etablierte Kräfte wie Bastoni und Dimarco sowie
Manuel Locatelli (Juventus Turin) und Nicolo Barella (
Inter Mailand), die sich nach dem kraft- und glanzlosen Auftritt die Verantwortung für den schmachvollen Abend in der zentralbosnischen Stahlstadt Zenica zuschreiben lassen müssen.Verbandspräsident Gravina steht vor dem AusUnd nicht junge Spieler wie Sturmhoffnung Pio Esposito (
Inter Mailand) – ungeachtet des ersten verschossenen Elfmeters –, das (zu) spät eingewechselte Mittelfeldtalent Marco Palestra (Cagliari Calcio) oder Linksverteidiger Riccardo Calafiori (FC Arsenal), die sich mit ganzem Herzen und ganzer Kraft gegen die drohende Niederlage stemmten. Deshalb muss die Ursachenforschung tiefer gehen. Und sie geht auch tiefer.Erwartet wird die baldige Ablösung von Verbandspräsident Gabriele Gravina, der das Amt an der Spitze der „Federazione Italiana Giuoco Calcio“ (FIGC) seit 2018 glanz- und glücklos führt. Abgesehen vom überraschenden EM-Triumph 2021 unter dem damaligen Nationaltrainer Roberto Mancini, der ohne die Aufwallung des nationalen Gemeinschaftsgefühls inmitten der Corona-Krise, von der
Italien besonders schwer betroffen war, bis heute nicht zu erklären ist.Gravina sprach sich zwar unmittelbar nach der bitteren Niederlage von Zenica für den Verbleib von Nationaltrainer Gattuso aus. Aber das Wort des seinerseits angeschlagenen FIGC-Chefs hat nicht mehr viel Gewicht und dürfte Gattuso wenig helfen.Blickt man auf die jüngere WM-Geschichte Italiens, ist der Befund noch viel schlimmer, als es die nun dreimal hintereinander verpasste Teilnahme an den Endrunden 2018, 2022 und 2026 erkennen lässt. Schon 2010 schied
Italien, damals immerhin Titelverteidiger, bei der WM in Südafrika in der Vorrunde aus. Und zwar sieglos und letztplatziert in einer Gruppe mit Paraguay, der Slowakei und Neuseeland.Die nächste Chance ist die Fußball-WM 2030Nicht viel besser lief es bei der WM 2014 in
Brasilien. Nach Niederlagen gegen Costa Rica und Uruguay erfolgte ebenfalls das Aus schon in der Gruppenphase. Ungeachtet des Auftaktsiegs gegen England, mit Mario Balotelli als Schützen des Siegtors.
Italien kann frühestens 2030 wieder eine Endrunde der WM erreichen. Und könnte dann, nach einer Durststrecke von 24 Jahren, wieder Anlauf auf eine K.-o.-Phase oder gar ein Finale beim wichtigsten Fußballturnier der Welt nehmen.Schon nach dem enttäuschenden Verlauf der WM 2010 hatte die FIGC Ursachenforschung und Besserung versprochen. Man beauftragte Roberto Baggio, Nationalspieler mit 56 Einsätzen und WM-Zweiter von 1994, mit der Erstellung eines Berichts zur Lage des nationalen Fußballs.Baggio wurde zum Technischen Direktor der FIGC berufen, sammelte vier Dutzend Mitarbeiter um sich und durchleuchtete die schon damals offensichtlich defizitären Strukturen des italienischen Fußballs. Nach einem Jahr Arbeit legte Baggio einen rund 900 Seiten umfassenden Bericht vor. Darin wurden die systemischen Schwächen des italienischen Fußballbetriebs aufgedeckt und Vorschläge zur umfassenden Modernisierung der Strukturen unterbreitet.Namentlich die Talentförderung wurde als mangelhaft gebrandmarkt. Es würden veraltete Methoden angewendet, man lasse Taktik und Physis bolzen, statt die technischen Fertigkeiten der jungen Spieler zu fördern, bemängelte der Bericht. Die Trainerausbildung sei ungenügend, es mangele an akademischen, pädagogischen und technischen Kompetenzen. Das Talentscouting erfolge im Wildwuchs privater Akteure.Eine Anleitung zur Besserung bleibt unbeachtetAn dessen Stelle sollten qualifizierte Scouts der FIGC treten, die über das gesamte Jahr in einem von hundert Bezirken nach Talenten Ausschau halten. In einem nationalen Digitalarchiv sollten sodann Videos sowie physische und spieltechnische Daten der jungen Talente gesammelt werden. Mit standardisierten Tests sollten neben der physischen Leistungsfähigkeit die Ballkontakte, die Koordination und die Spielintelligenz im Wettbewerb erfasst werden.In einem nationalen Studien- und Leistungszentrum der FIGC sollten die innovativen Methoden stetig weiterentwickelt und die talentiertesten Talente regelmäßig zu Lehrgängen zusammengezogen werden. Bei deren weiterer Ausbildung sollten schließlich, als integraler Bestandteil, auch ethisch-moralische Werte sowie soziale Verantwortung vermittelt werden.Der Baggio-Report hatte umfassende Anleihen an den damaligen Talentförderungsprinzipien anderer europäischer „Großmächte“ im Fußball gemacht, namentlich Frankreichs, Spaniens und Deutschlands. Doch Baggios strukturierte Blaupause zur Modernisierung des italienischen Fußballs blieb faktisch unbeachtet.Der FIGC-Vorstand nahm sich kaum eine Stunde Zeit, um das Konzept zu besprechen. Man versprach Investitionen in Höhe von zehn Millionen Euro, die aber nie vollständig geleistet wurden. Baggio trat enttäuscht vom Posten des Technischen Direktors zurück. Sein Bericht verstaubte in der Schublade. Und mit ihm der italienische Fußball.