Während
Pakistan international als möglicher Vermittler im Krieg zwischen den USA, Israel und Iran auftritt, eskaliert an seiner Westgrenze die Gewalt. Islamabad bombardiert zunehmend Grenzregionen in
Afghanistan und sieht sich Vorwürfen ausgesetzt, entlang der gemeinsamen Grenze faktisch Einflussräume zu schaffen. Zeitgleich trat am 31. März eine „
Pakistan-
Afghanistan Friedens-Dschirga" im pakistanischen
Peshawar zusammen - nahe der Grenze zu
Afghanistan. Die Versammlung fordert in einer Resolution eine sofortige Waffenruhe und drängt dazu, die Auseinandersetzung im Dialog beizulegen. Gefechte in
Paktia,
Kunar und
Nuristan verschärfen Lage Ob diese Resolution mehr ist als ein politisches Signal, bleibt offen. Hintergrund für diesen Konflikt ist der Vorwurf Pakistans, die
Taliban in
Kabul unterstützten die Tehreek-e
Taliban Pakistan (TTP), die für eine Reihe von blutigen Anschlägen in
Pakistan verantwortlich gemacht wird. Die
Taliban-Führung in
Afghanistan bestreitet eine Unterstützung.
Pakistan reagierte militärisch. Erste Gefechte gab es im Herbst 2025. Auch die afghanische Hauptstadt
Kabul wurde zum Ziel. Friedensverhandlungen, die das Golfemirat Katar und die Türkei vermittelt hatten, führten nicht zu einer nachhaltigen Lösung des Konflikts. Aus den östlichen Provinzen Afghanistans an der Grenze zu
Pakistan, darunter
Paktia,
Kunar und
Nuristan, werden seit Wochen Artilleriebeschuss, Drohneneinsätze und blockierte Verkehrswege gemeldet. Auch
Kabul wurde erneut bombardiert. Am Montag (30.03.) sollen Angaben der
Taliban zufolge in der Provinz
Kunar ein Zivilist getötet und 17 weitere verletzt worden sein, darunter Frauen und Kinder. Es ist die Zivil-Bevölkerung, die zunehmend unter dem Krieg leidet. In der Provinz
Nuristan, in den abgelegenen Distrikten Kamdesh und Barg-e-Matal, berichten Bewohner seit Tagen von Engpässen bei Lebensmitteln, Treibstoff und Medikamenten. Aufgrund von Beschuss seien sie von der Außenwelt abgeschnitten. Der ehemalige Gouverneur der Provinz
Nuristan,
Jamaluddin Badr, sagte der DW, die Situation der Zivilbevölkerung sei dramatisch und höchst besorgniserregend. Die Region sei „kein Stützpunkt der TTP", deshalb gäbe es keinen Anlass, diese ins Visier zu nehmen. „Sollte sich dieser Zustand fortsetzen und die Bombardierungen nicht abnehmen, wird das langfristige Konsequenzen haben". Gerade diese Distrikte seien vulnerabel und falls es zu einer Besetzung durch Militäreinheiten kommen solle, würde damit gleichzeitig der Weg in den Norden Afghanistans offenstehen, so Badr.
Pakistan und
Afghanistan: Warum sich Ex-Verbündete bekämpfenTo view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video Die militärischen Aktivitäten konzentrieren sich auf die schwer zugänglichen Grenzgebiete entlang der so genannte „Durand-Linie". Der Name geht auf den Außenminister der indischen Verwaltung des britischen Empire, Henry Mortimer Durand, zurück. Diese Grenze wurde 1893 formell in Einvernehmen, aber auf Druck der britischen Kolonialmacht gezogen, um
Afghanistan von der Kronkolonie Indien abzugrenzen. Sie führt mitten durch paschtu-sprachiges Siedlungsgebiet. In
Afghanistan ist diese Grenzziehung heute umstritten, da sie mit den Briten, jedoch nicht mit dem 1947 gegründeten
Pakistan abschlossen wurde. Faktisch bildet sie aber die internationale Grenze zwischen den beiden Ländern. Wie die aktuelle Lage im Grenzgebiet tatsächlich aussieht, ist derzeit unklar. Es sei sehr schwierig an verlässliche Informationen zu kommen, sagt der afghanische Journalist Sami Yousafzai im Gespräch mit der DW. „Ich kann nicht bestätigen, dass ein Teil Afghanistans an
Pakistan gefallen ist." In den pakistanischen Medien gebe es jedoch Berichte über die Errichtung einer Pufferzone entlang der Durand-Linie, sagte Yousafzai im DW-Interview. Der pakistanische Experte Tahir Khan verweist zudem darauf, dass soziale Medien Teil eines propagandistischen Schlagabtauschs zwischen beiden Seiten seien. So ist bei einigen pakistanischen Medien von einer bis zu 32 Kilometer tiefen Sicherheitszone auf afghanischem Gebiet die Rede. Diese Maßnahme werde als notwendig dargestellt, um grenzüberschreitende Angriffe der TTP zu verhindern. Offizielle Stellen in Islamabad haben eine formelle territoriale Ausweitung bislang nicht bestätigt. Die
Taliban weisen entsprechende Darstellungen zurück. Ihre Kräfte seien weiterhin unter anderem in Kamdesh und Barg-e-Matal stationiert und verteidigten „jeden Zentimeter" afghanischen Territoriums. Berichte über eine Übernahme von Distrikten durch pakistanische Einheiten seien unbegründet. Der pakistanische Experte Tahir Khan sagte der DW,
Pakistan betrachte die Grenze zu
Afghanistan als internationale Grenze. „Jeder Versuch, die Kontrolle über afghanisches Gebiet zu übernehmen, würde als Verstoß gegen internationales Recht gelten", so Khan. Der pakistanische Sicherheitsexperte Ali K. Chishti bestätigte gegenüber der DW dagegen die Errichtung einer Pufferzone. Es gehe
Pakistan jedoch nicht um territoriale Expansion: „Es handelt sich ausschließlich um eine vorübergehende Maßnahme, bis eine Lösung angestrebt und eine Art gemeinsamer Mechanismus vereinbart wird", so Chishti. Ob es sich bei den aktuellen Entwicklungen um eine zeitlich begrenzte Sicherheitsmaßnahme oder um eine faktische Kontrolle einzelner Grenzräume handelt, lässt sich derzeit nicht unabhängig überprüfen. Luftangriff in
Kabul: Möglicherweise Kriegsverbrechen? Der Konflikt wirft aber auch rechtliche Fragen auf. Offiziell behauptet
Pakistan lediglich Stützpunkte der TTP zu bombardieren. Aber Menschenrechtsorganisationen sehen das anders.
Pakistan bombardiert Städte in AfghanistanTo view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video So bezeichnete Human Rights Watch den pakistanischen Luftangriff auf das Omid-Drogenrehabilitationszentrum in
Kabul am 16. März als „rechtswidrigen Angriff" und mögliches Kriegsverbrechen. Internationalen Angaben zufolge wurden dabei mindestens 143 Menschen getötet, die meisten von ihnen Patienten. Islamabad sprach hingegen von „präzisen Luftschlägen" gegen militärische Infrastruktur und weist die Vorwürfe zurück. Zugleich trat am 31. März eine „
Pakistan-
Afghanistan Friedens-Dschirga" im pakistanischen
Peshawar zusammen - nahe der Grenze zu
Afghanistan. In Dschirgas kommen traditionell Führungspersönlichkeiten in den paschtunischen Stammesgebieten zusammen, um Konflikte zu bearbeiten. In
Peshawar fordert die Versammlung in einer Resolution eine sofortige Waffenruhe und drängte dazu, die Auseinandersetzung im Dialog zu lösen. Die
Taliban-Führung in
Kabul hat grundsätzlich Gesprächsbereitschaft signalisiert.Sicherheitskontrolle in Peschawar (
Pakistan) nach Eskalation des Grenzkonflikts mit AfghanistanBild: Hussain Ali/ZUMA/picture alliance Der pakistanische Diplomat Asif Durrani sagte der DW: „
Pakistan hat den afghanischen
Taliban klargemacht, dass sie sich zwischen
Pakistan und der TTP entscheiden müssen. Solange das
Taliban-Regime keine konkreten Maßnahmen ergreift, dürfte die derzeitige Politik, gegen die TTP vorzugehen, fortgesetzt werden." Ob sich die
Taliban-Führung sicherheitspolitisch stärker an
Pakistan annähert oder auf Distanz geht, bleibt also offen. Es bleibt auch offen, ob die aktuelle Eskalation in eine politische Verständigung mündet oder eine neue Phase andauernder Grenzinstabilität einleitet. Mitarbeit: Shakila Ebrahimkhel in Bonn und Haroon Janjua, DW-Reporter in Islamabad