Vernünftige Religion gibt es nur insoweit, als sich in den Vorstellungswelten der Religionen rationale Gehalte finden lassen, welche die Humanisierung des Menschen befördern. Auch die Idee vom göttlichen Gericht ist ein solcher Gehalt.Wir sind zusammengekommen, um
Jürgen Habermas zur letzten Ruhe zu begleiten. Wir wollen dabei bedenken, was
Gott uns nach nur wenigen Tagen der Schwäche zum Tode genommen hat. Der Tod bedeutet den endgültigen Abbruch aller Kommunikation. Wir können nicht mehr sagen, was wir
Jürgen Habermas gern noch hätten mitteilen wollen. Der Tod macht uns ratlos und stumm. Er erzeugt elementare Sprachlosigkeit. Die einzige Sprache, in der wir die Endlichkeit unseres Lebens, unser aller Sterblichkeit, thematisieren können, ist die Bildersprache der Religion; das hat
Jürgen Habermas oft betont. Selbst wer mit den jüdischen und christlichen Symbolen nicht mehr viel anzufangen weiß, selbst wer religiös unmusikalisch geworden ist, wer die Glaubenssprache nicht mehr spricht und versteht, ist angesichts des Todes eines nahen, geliebten Menschen doch auf die uralten Glaubensbilder angewiesen – jedenfalls dann, wenn er dem Tod nicht das letzte Wort lassen und in absolute Sprachlosigkeit versinken will. Um unsere tiefe Trauer, unseren Trennungsschmerz äußern, artikulieren zu können, beginnen wir unseren Abschied von
Jürgen Habermas deshalb mit einer Erinnerung daran, was die Heilige Schrift über Leben und Tod von uns Menschenkindern in Psalm 103 der Hebräischen Bibel sagt. Aus dem 4. Kapitel des Evangeliums nach
Johannes lese ich den 24. Vers:„Denn
Gott ist Geist; deshalb müssen die, die ihn anbeten wollen, ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“Liebe Familien Habermas,liebe Freunde und Kollegen,liebe Trauergemeinde,als
Jürgen Habermas mich im Januar bat, den Gottesdienst zu seiner Beerdigung zu halten, sagte ich ihm selbstverständlich zu; schon seiner Frau Ute hatte ich dies vor fünfzehn Jahren versprochen. Auf mein „Ja“ reagierte er mit dem Satz: „Sie wissen ja, dass ich nicht wirklich gläubig bin.“ „Aber ein knallharter Atheist sind Sie auch nicht“, lautete meine Antwort. Wir haben gelacht und nicht weiter über das Thema gesprochen. Deutlich ist jedoch:
Jürgen Habermas wollte kein Kirchenchrist sein. Zugleich blieben Ute und er bewusst Mitglieder der evangelischen Kirche. Darin zeigt sich keinerlei kognitive Dissonanz, sondern Treue zur eigenen Herkunftsgeschichte. Wie stark er durch protestantisch bestimmte Sittlichkeit geprägt war, konnte und wollte er nicht verbergen. Protestantische Nüchternheit war zum Habitus geworden. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Jedes weitere Wort wäre nur religiös übergriffig.Ich will den Theoretiker
Jürgen Habermas ernst nehmen. Dazu konzentriere ich mich auf drei Punkte: Erstens sage ich etwas zu seinem späten religionstheoretischen Werk, also zu seiner Bestimmung des spannungsreichen Verhältnisses von religiösem Glauben und rationalem Wissen. Zweitens skizziere ich die spezifische kognitive Struktur des religiösen Bewusstseins. Ich will deutlich machen, wie voraussetzungsreich und anspruchsvoll, also auch mühsam jene konstruktive Art des Umgangs mit Glaubenssymbolen ist, die
Jürgen Habermas eingeklagt hat. Es geht um Glaubenssymbole, die neben einem Sarg unausweichlich zu thematisieren sind: uralte christlich-religiöse Deutungen von Tod, Jenseits und ewigem Leben. Wem das zu akademisch, gelehrt, zu wenig predigthaft ist, soll drittens eines Besseren belehrt werden: Hier versuche ich
Jürgen Habermas’ Einsichten in einen kritischen wie konstruktiven Umgang mit religiösen Vorstellungen für unsere heutige Situation, das definitive Abschiednehmenmüssen, fruchtbar zu machen. Erstens: Religiöse Vorstellungen übersetzenSeit Mitte der Neunzigerjahre lässt sich bei
Jürgen Habermas ein wachsendes Interesse am Thema Religion beobachten. Nach der Jahrhundertwende rücken religionsphilosophische Fragen zunehmend ins Zentrum seiner Theoriearbeit. Der Vordenker der Kritischen Theorie als Religionstheoretiker – das hat viele überrascht. Aber es zeigt: Der Verstorbene wollte religiösen Glauben als kulturelles Phänomen und Problem ernst nehmen. Es war ein theoretisches Interesse, das allerdings durch aktuelle Herausforderungen stimuliert wurde: Iranische Revolution, 9/11, neue christlich-fundamentalistische Christentümer in den Vereinigten Staaten. Die späte Hinwendung zur Religionsthematik bedeutete, anders als bei Max Horkheimer, keinerlei religiöse Konversion, etwa in dem Sinne, dass der alte Habermas nun fromm geworden wäre. Dagegen hat er sich zu Recht gewehrt.
Jürgen Habermas hat von der Religion sehr hoch gedacht, bisweilen gar zu hoch. Er sieht im Glauben eine Inspirationsquelle eigener Art. Religiöse Symbole seien zwar irrational und stünden in unaufhebbarer Spannung zum Wissen. Aber keineswegs seien sie in ihrer Irrationalität per se unvernünftig. Man dürfe nicht ausschließen, dass in Glaubensvorstellungen Vernunftgehalte inkarniert seien. Dafür rekurriert er etwa auf die klassische jüdische wie christliche Schöpfungstheologie mit ihrer Vorstellung, dass
Gott den Menschen nach seinem Bilde geschaffen habe. Er sieht in der Ebenbildlichkeit des Menschen die religiöse Wurzel der modernen Rede von der Menschenwürde. Für sein Programm, sich im Medium der Philosophie das „semantische Potential“ religiöser Symbolsprache anzueignen, findet
Jürgen Habermas bisweilen sehr starke Worte: „So glaube ich nicht“, schreibt er 1987, „dass wir als Europäer Begriffe wie Moralität und Sittlichkeit, Person und Individualität, Freiheit und Emanzipation [...] ernstlich verstehen können, ohne uns die Substanz des heilsgeschichtlichen Denkens jüdisch-christlicher Herkunft anzueignen.“ Hat die christliche Gottesvorstellung einen Bart? Bei William Blake gilt das dann auch für das christliche Menschenbild: „
Gott richtet über Adam“, kolorierter Stich, circa 1795.The Metropolitan Museum of ArtIch habe bei der Lektüre damals geschluckt: Kritische Theorie als Abendlandsgenealogie? Wie auch immer: Solle „nicht noch der Rest des intersubjektiv geteilten Selbstverständnisses, welches einen humanen Umgang miteinander ermöglicht, zerfallen“, sei die deutende Aneignung religiöser Vorstellungsgehalte unausweichlich.
Jürgen Habermas hat dies dann als „Übersetzen“ der Symbole der positiven Religionen in rationale Gehalte bezeichnet. Denn er weiß: Es gibt keinerlei Vernunftreligion jenseits der positiven Religionen. Vernünftige Religion gibt es nur insoweit, als sich in den Vorstellungswelten der historisch überlieferten, also positiven Religionen rationale Gehalte identifizieren lassen, welche die Humanisierung des Menschen befördern. Der Philosoph muss sie durch Übersetzung als vernünftig erweisen und damit allgemein diskursfähig machen. Dass es viele religiöse Vorstellungen gibt, die zutiefst widervernünftig, also nicht übersetzbar, zu sein scheinen, ist
Jürgen Habermas bewusst gewesen.Er bearbeitet dieses Problem in einer Reflexionsfigur, die sich als bewusstes Offenhalten beschreiben lässt: Viele überkommene religiöse Vorstellungsgehalte sind uns unverständlich geworden, leuchten uns nicht ein. Wir können ihnen keinerlei lebensdienliche Plausibilität mehr abgewinnen. Aber dennoch dürfen wir sie nicht vergessen, sondern sollen sie erinnernd präsent halten. Sein Argument: Man könne nicht ausschließen, dass andere, Spätere in ihnen einen vernünftigen Gehalt entdecken, einen Gehalt, der weitere Fortschritte von Humanität und Freiheit befördert. Man kann
Jürgen Habermas’ außergewöhnlich intensives intellektuelles Ernstnehmen religiöser Überlieferungen als eine Art Gottesdienst im Geist und in der Wahrheit ansehen. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Zweitens: De novissimis, von den letzten DingenReligiöse Bewusstseinsformen haben, wie die moderne Religionskritik zu Recht betont hat, eine spezifische kognitive Struktur. Das religiöse Bewusstsein zeichnet sich gegenüber anderen Bewusstseinsgestalten, etwa dem moralischen oder ästhetischen Bewusstsein, durch eine außerordentlich hohe mythopoetische Produktionskraft aus. Es erzählt gern Geschichten, tradiert Mythen, erfindet viel. Es schwelgt in Bildern und Visionen, die es sodann essenzialisiert.Wenn Gräber offen sind, stellt erhöhter Reflexionsbedarf sich ein. Wir müssen dann über die Grundstrukturen menschlichen Lebens nachdenken, also über Tod und Leben oder Zeit und Ewigkeit. Jüdische wie christliche Theologen haben dies traditionell, unter vormodernen Bedingungen in thematisch sehr weitgespannten Lehren „von den letzten Dingen“, getan. Sie hatten hier eine unvorstellbar reiche Fülle an eschatologischen, also endzeitlichen, Vorstellungen begrifflich zu systematisieren.Denn die Einbildungskraft des religiösen Bewusstseins war hier besonders produktiv. Es ging um das Ende aller kosmischen Wirklichkeit, die Vollendung der Schöpfung, den definitiven Sieg des göttlich Guten über das widergöttlich Böse, das Kommen des Reiches Gottes. Wo sich nichts greifen lässt, wir nicht Genaues wissen können, kann die fromme Phantasie weite Imaginationsräume eröffnen. Nur zwei Beispiele: In platonischen Begriffen lehrten christliche Theologen, dass sich mit dem Tod die unvergängliche Seele vom toten Leib des Gestorbenen trennt. Das lud zu weiteren Spekulationen ein: Was geschieht nach ihrer Trennung vom Körper mit der Seele? Wo findet sie einen neuen Ruhepunkt? Diese Figur einer zum Himmel auffahrenden Seele wurde um 1765 in der Porzellanmanufaktur Frankenthal hergestellt.The Metropolitan Museum of ArtAuch mit Blick auf das Ende der Zeiten erfanden die Frommen ganz unterschiedliche Szenarien. Die einen entwickelten Vorstellungen wie die sogenannte Apokatastasis toon pantoon, die Wiederbringung, Wiederherstellung aller Dinge am Ende der Zeiten, wo alle geschaffenen Wesen, auch die Sünder, mit
Gott versöhnt werden – Gottes Liebe könne jeden Widerstand überwinden. Solche Allversöhnungsszenarien standen in harter Konkurrenz zu Vorstellungen vom definitiven Ende aller kosmischen Wirklichkeit in einem universellen Weltenbrand. Auch konkurrierten sie mit dem sogenannten Infernalismus, Erzählungen von der ewigen Verdammnis der Bösen, Gottwidrigen. Dass gerade die Schreckensvisionen vom großen, alles vernichtenden Weltenbrand und die mythische Grundunterscheidung von Himmel und Hölle dazu einluden, immer neue Bilder des dereinst Kommenden zu zeichnen, muss ich nicht erläutern.Diesen Wildwuchs an fiktionalen Bildern und Phantasmen begrifflich zu ordnen, bereitete den gelehrten Theologen erhebliche Schwierigkeiten. Nirgends wurde so viel gestritten wie im Themenfeld der Eschatologie. Aber die Theologen konnten zumindest relative Ordnung stiften: Dazu dienten ihnen insbesondere die bombastischen Totalitätsbegriffe der alteuropäischen, entscheidend von Aristoteles inspirierten Metaphysik, also Begriffe wie das Ganze, Gottes Vorsehung, Gottes Weltregierung, die Welt überhaupt und sofort. Daraus resultiert für uns Heutige ein Problem: Immer wieder und mit größter gedanklicher Konsequenz hat
Jürgen Habermas darauf insistiert, dass uns seit der Kantischen Revolution der Denkungsart solche metaphysischen Ganzheitsbegriffe nicht mehr (oder nur um den Preis eines epistemologischen Selbstbetrugs) zur Verfügung stehen. Wir können also die alten Mythen der Endzeit nur mit nachmetaphysischen Denkmitteln zu übersetzen versuchen. Das ist nicht leicht, aber man muss es versuchen. Drittens: Die Vorstellung vom letzten GerichtZu den alten eschatologischen Vorstellungen, die Sie alle kennen, gehören die Glaubensbilder vom Menschen vor dem Richterstuhl Gottes. Der Mensch muss nach seinem Tod, oder, in anderen Imaginationswelten, am Ende der Zeiten vor
Gott Rechenschaft über sein Tun und Lassen ablegen. Er hat sich sub specie Dei für seine Lebensführung zu verantworten. Das ist eine Vorstellung, der man im Sinne der Übersetzungsarbeit von Habermas Rationalität abgewinnen kann.Das Jüngste Gericht aus Albrecht Dürers „Kleiner Passion“The Metropolitan Museum of ArtDer Vernunftgehalt dieser uralten Vorstellung liegt zunächst darin, dass sie eine Radikalisierung unseres Verantwortungsbewusstseins mit sich bringt. Verantwortung wird hier dadurch gesteigert, dass der Mensch sich vor dem Richterstuhl Gottes nicht nur seine Taten zurechnen lassen soll und muss. Anders als wir weltlichen Richter kann
Gott dem Menschen auch ins Allerinnerste, ins Herz schauen. Verantwortung wird hier intensiviert, indem der Mensch vor dem Richtergott auch für seine Gesinnungen einstehen muss. Ein weiteres, wichtiges Moment des vernünftig Humanen in der Vorstellung vom Extremum Iudicium sei genannt: Wenn
Gott selbst über uns richtet, dann sind wir davon entlastet, es tun zu wollen.
Gott richtet, das heißt: Wir haben weder ein Mandat noch die Kompetenz, um über einen anderen Menschen letztgültige Urteile fällen zu können. Wir können dem anderen nicht ins Herz schauen und sollen der Anmaßung widerstehen, es zu versuchen. Wo
Gott richtet, sind wir von Splitterrichterei befreit. Das heißt auch: Es steht uns kein abschließendes Urteil über den Verstorbenen zu. Wir mögen und sollen den weltberühmten Philosophen oder den viele von uns, auch mich fördernden väterlichen Freund rühmen. Aber darüber hinaus steht uns keinerlei Definitionsmacht über den Menschen
Jürgen Habermas zu.
Jürgen Habermas war ein Aufklärer mit starkem Interesse an Emanzipation und Förderung von Freiheit. Allerdings wusste er: Der Mensch ist nicht in der Weise frei, dass er sich sein Leben selbst gegeben hätte. Seine kindliche Behinderung hatte ihn dafür besonders sensibilisiert: Wir sind uns immer schon gegeben. Dieses passive Konstituiertsein, dieses Sich-gegeben-Sein des Menschen heißt in religiöser Sprache: Wir empfangen unser Leben aus Gottes Hand. Im Juni letzten Jahres hat
Jürgen Habermas mehrere Tage lang in der Hebräischen Bibel gelesen. Er suchte nach einem Bibelvers für die Traueranzeige für seine Ute. Bei Jesaja wurde er fündig. „Und wird eine Hütte sein zum Schatten des Tages vor der Hitze, und eine Zuflucht und Verbergung vor dem Wetter und Regen.“ (Jesaja 4, 6)Wir geben das Leben von
Jürgen Habermas nun zurück in Gottes Hand. Wir tun dies mit der dankbaren Gewissheit, dass
Gott ihn in seine Hütte der „Zuflucht und Verbergung“ geleiten wird. Amen.Friedrich Wilhelm Graf lehrte Evangelische Theologie unter besonderer Berücksichtigung der Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er hielt diese Predigt bei der Beerdigung von
Jürgen Habermas, auf dem Friedhof Söcking am 20. März 2026.