Nach dem entscheidenden Elfmeter von
Esmir Bajraktarevic kennt der Jubel im bosnischen
Zenica keine Grenzen mehr. Dutzende Personen stürmen den Platz, einige bosnische Spieler weinen und feiern mit ihren ihren Fans die Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft - der zweiten des Balkanstaates nach 2014. Im Hintergrund erleuchtet Pyrotechnik die Balkone eines Hochhauses. Auch von dort haben manche Fans das Spiel ihrer Mannschaft gespannt verfolgt. Nur einer gibt sich trotz der emotionalen Ausnahmesituation erstaunlich ruhig: Bosniens Nationaltrainer
Sergej Barbarez. "Ich habe meinen Spielern gesagt, sie sollen rausgehen und Spaß haben. Ich habe es in ihren Augen gesehen, ich mag sie wirklich sehr, sie sind Jungs mit Charakter", sagt Barbarez nach dem Spiel. "Ich bin noch nie so ruhig in ein Spiel gegangen. Ich habe noch nie so ruhig ein Spiel beendet." Barbarez wurde in Bosnien geboren, lebt seit 1992 aber in
Deutschland. Damals war er in den Ferien zu Besuch bei einem Onkel in
Hannover, als in der Heimat der Krieg ausbrach. Seit 2000 ist
Hamburg sein Lebensmittelpunkt. In der Bundesliga spielte Barbarez für
Hansa Rostock,
Borussia Dortmund, den
Hamburger SV und
Bayer 04 Leverkusen. Insgesamt absolvierte er 330 Spiele in Deutschlands bester Liga und schoss dabei 96 Tore. Seit April 2024 bekleidet der 54-jährige das Amt des Nationaltrainers Bosnien-Herzegowinas.
Sergej Barbarez ist seit 2024 Trainer der Nationalmannschaft BosniensBild: Christian Charisius/dpa/picture alliance Der Start seiner Amtszeit verlief allerdings alles andere als nach Maß. In den ersten acht Spielen unter Barbarez' Regie setze es bei zwei Unentschieden sechs Niederlagen. Darunter stand auch ein krachendes 0:7 gegen
Deutschland für den kleinen Verband, der sich bis dahin noch nie für eine Europameisterschaft qualifiziert hatte und erst einmal bei einer Weltmeisterschaft dabei war. Im Sommer sind sie nun erneut dabei - und das ziemlich unverhofft. Vor der WM-Teilnahme 2014 in
Brasilien war Bosnien die Nummer 13 in der FIFA-Weltrangliste. Mittlerweile findet sich das Land mit etwa drei Millionen Einwohnern nur noch auf Platz 65 wieder. "Ein normaler Mensch hätte diese Aufgabe nicht angenommen", sagte Barbarez kurz nach seinem Amtsantritt gegenüber dem Sportmagazin "Kicker" und gab die Qualifikation zur Europameisterschaft 2028 als Ziel aus. Die Teilnahme an der WM 2026 bezeichnete er als "schwierig" und plädierte dafür, "realistisch zu bleiben". Nun ist also das Unrealistische wahr geworden. Auch mit kräftiger "Entwicklungshilfe" aus
Deutschland. Neben
Sergej Barbarez werden bei der WM 2026 einige weitere aktuelle und ehemalige
Deutschland-Legionäre auf und neben dem Platz eine Rolle spielen. Mit Ermedin Demirovic (VfB Stuttgart), Haris Tabakovic (Borussia Mönchengladbach), Nikola Vasilj (FC St. Pauli), Nikola Katic, Kapitän Edin Dzeko (beide FC Schalke 04) und Dzenis Burnic (Karlsruher SC) standen gleich sechs Profis im Kader, die derzeit in der Bundesliga oder 2. Bundesliga beschäftigt sind. Spieler wie Armin Gigovic (ehemals Holstein Kiel) oder Sead Kolasinac (ehemals Schalke 04) haben zudem eine Bundesliga-Vergangenheit. Hinzu kommt mit Supertalent Kerim Alajbegovic ein Spieler, der in Köln geboren und bei Bayer Leverkusen ausgebildet wurde. Er kehrt im Sommer von Red Bull Salzburg zur Werkself zurück.
Sergej Barbarez (l.) und sein jetziger Co-Trainer Zlatan Bajramovic (r.) spielten zeitgleich in der BundesligaBild: Rolf Vennenbernd/dpa/picture alliance "Viele aus unserem Staff und unserer Mannschaft haben ihre fußballerische Zeit in
Deutschland verbracht", sagte Barbarez bereits 2024 gegenüber dem TV-Sender Sky Sport. "Wir haben viele ehemalige und aktuelle Bundesligaspieler im Kader und wollen zeigen, dass wir das durchziehen können." Doch nicht nur auf dem Platz besteht ein enger Bezug zu
Deutschland: Barbarez' Co-Trainer Zlatan Bajramovic wurde in
Hamburg geboren und spielte als Profi unter anderem beim SC Freiburg, außerdem für St. Pauli und Schalke. Teammanager Emir Spahic war von 2013 bis 2016 für Bayer Leverkusen und dem
Hamburger SV aktiv und führte
Bosnien-Herzegowina als Kapitän bei der Weltmeisterschaft 2014 beim 3:1 gegen den Iran zum ersten Sieg ihrer WM-Geschichte. Bereits damals gehörte Edin Dzeko zu den Torschützen. Mittlerweile ist er 40 Jahre alt und Kapitän der Nationalmannschaft. Teammanager Spahic ist sein Cousin. Dzeko, der Bundesliga-Torschützenkönig von 2010, nimmt in der Mannschaft von
Sergej Barbarez auch im Herbst seiner Karriere eine Schlüsselrolle ein und bereitet trotz seines fortgeschrittenen Alters den Defensiven des Gegners weiterhin Kopfschmerzen. Edin Dzeko wurde 2010 Bundesliga-Torschützenkönig - im Jahr zuvor gewann er mit Wolfsburg die MeisterschaftBild: Anke Fleig/Sven Simon/picture alliance Als Dzeko, der einige Jahre bei Manchester City, bei Topklubs in Italien und der Türkei spielte, im Winter zum Zweitligisten FC Schalke 04 wechselte, stellten sich viele die Frage, ob er noch auf Topniveau mithalten kann. Die Antwort darauf liefert der Ausnahmespieler seitdem Woche für Woche. Auch für Bosniens Nationalmannschaft war er in der WM-Qualifikation ein entscheidender Faktor - und mit sechs Treffern Anführer der internen Torschützenliste. Besonders wichtig war sein Treffer zum 1:1 im Playoff-Halbfinale gegen Wales, der seinem Team erst die Verlängerung und letztlich den Sieg im Elfmeterschießen ermöglichte. Auch im Finale gegen Italien hatte Dzeko einen Anteil am Tor. Seinen Kopfball aus kurzer Distanz konnte Torwart Gianluigi Donnarumma nur abprallen lassen, sodass Mönchengladbachs Haris Tabakovic nur noch ins leere Tor einschießen musste. Einziger Wermutstropfen: Dzeko verletzte sich kurz vorm Ende der Partie nach einem Foul an der Schulter und droht länger auszufallen. "Ich hoffe, das Edin Dzekos Verletzung nicht schwerwiegend ist und er mit uns zur Weltmeisterschaft fahren kann", sagte
Sergej Barbarez nach dem Spiel. Dort Spielen die Bosnier in Gruppe B gegen Kanada, Katar und die Schweiz.Edin Dzeko verletzte sich bei einer der letzten Aktionen des Spiels gegen Italien an der SchulterBild: Armin Durgut/AP Photo/dpa/picture alliance "Vor zwölf Jahren fingen wir klein an. Und jetzt stehen wir hier und sehen, was daraus geworden ist", rief Dzeko laut Agenturenmeldungen den Fans nach Schlusspfiff zu. "Man sagt, wir hätten hoch gepokert. Mag sein, aber der Bluff ist aufgegangen." Mit oder ohne Dzeko -
Bosnien-Herzegowina fährt zur Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko. Und auch dort werden auf und neben dem Platz wieder viele bekannte Gesichter aus der deutschen Bundesliga vertreten sein.