Die Beautyindustrie belebt die uralte Tradition der Akupunktur neu – mit Ear Seeds. Sorgen sie wirklich für weniger Schwellungen? Unsere Autorin hat es ausprobiert.Viele Menschen kennen das: Mit täglich wachsendem Argwohn beäugt man vermeintliche Makel an sich selbst, die dem Umfeld kaum auffallen. Mein Blick in den Spiegel etwa bleibt in letzter Zeit an der Haut zwischen Kinn und Hals hängen, die, so scheint mir, an Straffheit verliert. Betrachte ich sie morgens nach dem Aufstehen, tue ich das oft auch noch aus geschwollenen Augen. An schlechten Tagen begrüße ich mein Spiegelbild mit einem unbarmherzigen „Guten Morgen, Derrick.“ Gesichtsyoga und Lymphdrainage in Eigenregie haben bisher nicht geholfen, für operative Eingriffe sind dann aber weder mein Leidensdruck noch mein Mut groß genug. Frischer aussehen möchte ich trotzdem. Das weiß auch der Social- Media-Algorithmus. Seit einigen Monaten begegnen mir bei
Instagram immer wieder Videos, in denen vor allem junge Frauen kleine Pflaster auf ihre Ohren kleben oder kleben lassen. Darauf folgt stets derselbe Ablauf: Nach anfänglicher Überraschung über den Druck am Ohr sinken die Schultern der Bepflasterten herab; sie bestaunen ihren plötzlich länger wirkenden Hals, die markantere Kiefer-Kinn-Linie, den wacheren Blick. Begleitet wird das Ganze meist von so begeisterten „Ah!“- und „Oh!“-Ausrufen, dass auch mal untergeht, wenn der Effekt weniger ausgeprägt ist.Hier werden sogenannte Ear Seeds verwendet, wörtlich übersetzt: Ohrensamen. Das klingt nicht besonders ästhetisch, aber die südkoreanische Schönheitsindustrie, die maßgeblich für die aktuelle Begeisterung für ebendiese Samen sorgt, hat ja auch schon Schneckenschleim-Cremes zu Bestsellern gemacht. Viele Videos, die ich auf
Instagram sehe, kreisen um Produkte von
Ava J. Lee. In
Korea geboren und in
China aufgewachsen, lebt sie heute in den USA. Ihre Marke
By Ava bietet das begehrte „V-Line Ear Seed Kit“ für rund 80 Euro an. Darin enthalten sind vier Miniatur-Paletten mit Klebestreifen samt kleiner Kügelchen mit Inhaltsstoffen wie Weißer Tonerde, Chinesischer Engelwurz und Ginseng. Glaubt man dem Unternehmen, aktivieren sie Druckpunkte am Ohr und lösen dadurch unter anderem Verspannungen, regen die Durchblutung an und sorgen für klarere Konturen. Vorher-nachher-Bilder der Firmenchefin sollen den Effekt veranschaulichen. Bei anderen Anbietern gibt es Versionen aus Plastik, vergoldete Ear Seeds und Varianten, die wie Ohrstecker aussehen. Die Preise beginnen bei rund fünf Euro für 1200 kleine Pflaster; man kann aber auch für 20 Pflaster mit vergoldeten Samen mehr als 100 Euro zahlen.Die Idee, die Durchblutung zu fördern, ist nicht neuDie Idee, mit den kleinen Kügelchen sanften Druck auf bestimmte Punkte am Ohr auszuüben, um damit etwa die Durchblutung zu fördern, ist nicht neu. Ear Seeds in Pflasterform gibt es schon lange. Aber während in der Vergangenheit gesundheitliche Aspekte im Vordergrund standen – die Linderung von Schmerzen oder Schlaflosigkeit etwa –, geht es jetzt vor allem um die Schönheit. Das Prinzip dahinter stammt aus der Aurikulotherapie, also der Ohr-Akupunktur, einem Unterbereich der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM).„Das Ohr ist ein sogenanntes Somatotop: Einzelne Regionen am Ohr entsprechen Regionen im Körper“, sagt Sven Schröder, Neurologe und Geschäftsführer des Hanse Merkur Zentrums für Traditionelle Chinesische Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Man könne sich das Ohr wie einen auf dem Kopf stehenden Embryo vorstellen. Das bedeutet: Auf dem Ohrläppchen korrelieren etwa einzelne Punkte mit den Augen und dem Mund; am äußeren mittleren Rand findet sich ein Punkt für die Ellenbogen, in der oberen Ohrmuschel einer für die Knie.Professionelle Ohr-Akupunktur mit Nadeln sei eine Form der Reflextherapie, sagt Schröder: „In der Regel bewirken diese Reflexe eine Verbesserung der Durchblutung oder Veränderungen des vegetativen Nervensystems, was entspannende und abschwellende Effekte haben kann.“ Welche Stelle am Ohr mit welchem Organ oder Körperteil bei dem jeweiligen Patienten korreliert, finden Profis wie er mit einem dünnen Metalltastgerät oder der Rückseite einer Akupunktur-Nadel heraus. Das könne durchaus dauern. „Ob Laien das schaffen? Fraglich.“Auf jeden Fall ist es Ohrschmuck: Autorin mit Ear SeedsprivatIm Netz gibt es unendlich viele Schaubilder, die bei der Suche nach den richtigen Punkten helfen sollen; manche Anbieter legen sie auch den Pflastern bei. Anhand solcher Bilder auf dem eigenen Ohrläppchen den Druckpunkt etwa für den Kiefer zu finden, kann aber eine knifflige Angelegenheit sein. Denn zum einen gleicht nicht jedes Ohrläppchen in Form und Größe jenen auf den Schaubildern. Zum anderen befinden sich auf diesem kleinen Teil eines sowieso schon kleinen Körperteils eine ganze Menge Druckpunkte. Obendrein gibt es auch noch zwei Schulen der Ohr-Akupunktur, die chinesische und die französische, bei denen sich einzelne Druckpunkte unterscheiden.Die gute Nachricht: Auch wenn man womöglich den falschen Punkt erwischt, halten sich die Risiken in Grenzen. „Dass man sich bei diesem Trend so aufs Ohr stürzt, dürfte forensische Gründe haben“, sagt Sven Schröder: Der Vorgang sei nicht invasiv, das Ohr werde nur von außen gereizt; man könne also durch den eher milden Reiz der Samenkörner nichts kaputtmachen. Die Milde werde dadurch kompensiert, dass man die Pflaster mehrere Stunden oder Tage trägt. Ich bestelle mir Pflaster zum TestenAuch die Pflaster, die ich mir zum Testen bestelle – fündig werde ich auf Amazon –, kann man laut Anleitung bis zu drei Tage am Stück tragen. Meine Wahl fällt auf eine schlichte Variante: 600 Pflaster, etwa vier mal vier Millimeter groß, laut Anbieter mit „rein pflanzlichen Samen“ für rund acht Euro, hergestellt in
China. Das zweite Testobjekt, ebenfalls aus
China, besteht aus 20 silbrig-glitzernden, selbstklebenden Schleifen, Blumen und Herzen, auf deren Rückseite kleine Plastikkügelchen angebracht sind, für rund zehn Euro.Die Anleitungen klingen ähnlich: Auf die desinfizierte und trockene gewünschte Stelle am Ohr sollen die Pflaster entweder mit einer Pinzette oder den Fingern und leichtem Druck befestigt werden. Mit Pinzette und den schlichten Pflastern schreite ich zur Tat. Ob ich die richtigen Punkte erwische – ich ziele auf die Punkte am unteren Ohrläppchen, die Beauty-Unternehmerinnen und -Influencerinnen zufolge mit den Lymphknoten korrelieren –, ist fraglich. Da die kleinen Pflaster auch helfen sollen, Stress zu reduzieren, klebe ich gleich noch eins auf den Shen-Men-Punkt (oder das, was ich dafür halte) in der kleinen Mulde im oberen Ohrbereich.„Wenn überhaupt ein Effekt entsteht, ist er nach Abnahme der Pflaster auch schnell wieder weg“, sagt der Experte.Picture AllianceAls ersten Effekt spüre ich eine Wärme am Ohr; die kleinen Samen sorgen für Druck, aber nicht für Schmerz. Dann beobachte ich etwas, von dem ich nicht genau weiß, ob ich es wahrnehmen will, weil ich es so oft auf
Instagram gesehen habe oder weil es wirklich passiert: Mein Nacken entspannt sich, die Schultern senken herab. Eine schnelle Recherche ergibt, dass eine Kollegin des amerikanischen Magazins „The Cut“ bei ihrem Selbsttest eine ähnliche Erfahrung gemacht hat.Auch wenn mein Hals mir nun etwas länger erscheint: Im Gesicht, vor allem an der von mir so kritisch beäugten Partie unterhalb des Kinns, sehe ich keine Veränderung. Aber bereits nach der ersten Nacht mit den Pflastern am Ohr stellen sich gleich zwei Aha-Erlebnisse ein: Mein Schlaf war viel ruhiger als sonst. Entweder habe ich tatsächlich meinen Shen-Men-Punkt erwischt, oder der Placeboeffekt wirkt. Zudem ist meine Augenpartie weniger geschwollen als sonst; von Derrick keine Spur. Die Minipflaster scheinen den Lymphabfluss tatsächlich positiv zu beeinflussen. Ich wende die Pflaster über zwei Monate regelmäßig anUm den Effekt im Rahmen meiner empirischen Möglichkeiten zu überprüfen, wende ich die Pflaster über zwei Monate regelmäßig an. Nach jeweils drei Tagen mit ihnen lege ich Pausen von drei bis vier Tagen ohne ein. Das gilt zumindest für die schlichte, zwar nicht besonders elegant aussehende, dafür aber fest klebende Variante. Die glitzernden Ohrstecker-Attrappen mit Mini-Kügelchen auf der Rückseite kommen zwar hübscher daher; ein Effekt kann sich aber gar nicht erst einstellen, dafür fallen sie zu schnell ab.Für die schlichten Pflaster lautet mein subjektives Fazit: Nach einer Nacht mit den Samen sehe ich morgens nicht nur besser aus; ich fühle mich auch so.Bilde ich mir das nur ein? „Ich gehe davon aus, dass der Effekt theoretisch möglich ist, es sich aber um einen schwachen Reiz handelt – zu schwach für einen langfristigen Effekt“, sagt TCM-Arzt Sven Schröder: „Wenn überhaupt ein Effekt entsteht, ist er nach Abnahme der Pflaster auch schnell wieder weg.“ Das kann ich nach meiner zweimonatigen Erfahrung bestätigen.Mein Ear-Seeds-Experiment werde ich fortsetzen: Im Winter verschwanden meine bepflasterten Ohren noch mühelos unter Mützen, Kopftüchern und Haarbändern; in der warmen Frühlingssonne geben sie jetzt immer öfter Anlass zu besorgten Blicken und Fragen. Eine hübschere, glitzernde Variante muss also her. Aber eine, die hält, was sie verspricht – oder was ich glauben will.