Er ist doch wohl hoffentlich im Alter nicht fromm geworden? Gegenfrage: Warum sollte das Gefühl für die gläubigen Proportionen der Vernunft bei
Jürgen Habermas nur ein theoretisches gewesen sein?Weder Vernunft noch Glaube sind geschützte Begriffe. Im Lebensvollzug des Sprachgebrauchs ergänzen sie sich, Vernünftigkeit ist schon in einem ganz säkularen Sinne auf Glaubensakte angewiesen, auf Vertrauensvollzüge, für welche es wiederum gute Gründe geben muss, sollen Glauben und Vertrauen nicht blind ansetzen.
Jürgen Habermas kam nicht als jemand daher, der die Vernunft gepachtet hätte in dem Sinne, dass von ihr her als einem abgezirkelten Begriff der Glaube als schlechthin irrational zu unterscheiden sei. Habermas war nicht der Meinung, es gehöre sich für ein aufgeklärtes Kollektivsubjekt, die religiöse Symbolsprache unverständlich zu finden, sodass sie erst in metaphysisch entkernter Übersetzung Geltung „für uns“, die wir nun weiter wären, beanspruchen könnte. Auch „uns“ und „wir“ sind in dieser weltanschaulichen Kolloquialität keine geschützten Begriffe, waren es für Habermas ebenfalls nicht, schon wegen der dem Sprechen immanenten Verständigungstendenz, gefasst nicht notwendig als ein Suchen nach Einverständnis, wohl aber als Anspruch auf Erwiderung, die jede egologische Perspektive als Mitsein unterläuft, tut man nur den Mund zum Sprechen auf. Die unscharfen begrifflichen Ränder von Glaube und Wissen (wie von ich und wir) betonte Habermas bei seinem Treffen mit
Joseph Kardinal Ratzinger in der Katholischen Akademie
München am 19. Januar 2004 wie folgt: „Die Erwartung einer fortdauernden Nichtübereinstimmung von Glauben und Wissen verdient nur dann das Prädikat ,vernünftig‘, wenn religiösen Überzeugungen auch aus der Sicht des säkularen Wissens ein epistemischer Status zugestanden wird, der nicht schlechthin irrational ist.“ Auch die religiöse Anrede kalkuliert mit der Erwiderung, sei diese religiöser oder säkularer Art. Als religiöse Anrede braucht sie im Fortgang staatsbürgerlicher Wechselrede nicht notwendigerweise erst säkular übersetzt zu werden. Sollte eine solche Übersetzung überhaupt anders denn als Verfremdung der ursprünglichen Gehalte denkbar sein? Habermas formulierte seinerzeit in
München: „Säkularisierte Bürger dürfen, soweit sie in ihrer Rolle als Staatsbürger auftreten, weder religiösen Weltbildern grundsätzlich ein Wahrheitspotential absprechen, noch den gläubigen Mitbürgern das Recht bestreiten, in religiöser Sprache Beiträge zu öffentlichen Diskussionen zu machen.“Der Kommunikationsbegriff Karl LöwithsDaraus spricht nun auch sprachpragmatisch die „notwendige Korrelationalität von Vernunft und Glaube“ (Ratzinger in seiner Erwiderung). Sie ist tendenziell grundgelegt in der formalen Struktur eines auf Gegenseitigkeit angelegten Kommunikationsbegriffs, wie er Karl Löwiths Habilitationsschrift „Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen“ durchzieht und von Habermas systematisiert wurde.Ein Beispiel staatsbürgerlicher Ethosdiskurse ist die religiöse Rede vom Menschen als Ebenbild Gottes, ein Axiom, das sich natürlich mit dem säkularen Würdebegriff übersetzen lässt, in diesem jedoch wegen seines prononciert transzendenten und geltungstheoretischen Bezugs nicht aufgeht. Die Verhältnisbestimmung von Glaube und Vernunft ist auch hier keine vorgängige, sie schält sich heraus in der diskursiv jeweils einander zugestandenen Gewichtung.In seiner Friedenspreisrede am 14. Oktober 2001 wandte sich
Jürgen Habermas, hier in der Paulskirche zwischen Bundeespräsident Johannes Rau und seiner Frau Ute, dem Unabgegoltenen an der Religion zu.ReutersÜbersetzungen sind bei jeder Verstehensleistung im Spiel, sie können gelingen oder scheitern, das gilt auch innerreligiös. Und hier hat Habermas noch im vergangenen Jahr eine theologische Pointe gesetzt, wenn man so will aus philosophischer Verantwortung für die theistische Anbindung der Theologie. In der Festschrift für den am 31. Dezember verstorbenen Religionsphilosophen Thomas Schmidt („Den Diskurs bestreiten“, Nomos) zeigt sich Habermas irritiert beispielsweise darüber, dass theologisch auch eine „von Jenseitshoffnungen und Erlösungsvorstellungen Abschied nehmende“, rein menschliche Zuversicht oftmals schon als christliche Hoffnung ausgegeben wird.Und es scheint hier nicht nur eine akademische, sondern auch eine lebenspraktische Ambition auf, wenn Habermas den transzendenten Anspruch des Christentums gegen manche von dessen Auslegern gerade im Auferstehungsglauben verteidigt: „Die christliche Hoffnung richtet sich unter anderem auf die Auferstehung der Toten und eine Erlösung von allen Übeln dieser Welt und ist ihrerseits abhängig vom Glauben an die Verheißung Gottes. Dieser Akt des Glaubens an das Eintreten des Verheißenen prägt auch den Modus des täglichen Lebens.“Wenn Habermas sich „nicht wirklich gläubig“ nannte, dann lässt er noch in der Negation von „wirklich“ die Möglichkeit des persönlichen Gläubigseins offen. Woher die Gewissheit nehmen, mit überlegener Apodiktik zu bestreiten, Habermas könne im Alter fromm geworden sein? Auch Frömmigkeit hat viele Gesichter, ist kein geschützter Begriff. Sie geht andere im Zweifel auch gar nichts an. Warum aber sollte das Gefühl für die gläubigen Proportionen der Vernunft bei Habermas nur ein theoretisches gewesen sein?