Leben und Sterben, Entstehen und Vergehen, Fressen und Gefressenwerden: Nirgendwo zeigt sich dieser ewige Zyklus spektakulärer als in der Serengeti in Tansania. Doch was geschieht, wenn man dort zu Fuß zwischen all dem wilden Getier unterwegs ist?Der Mann trägt allen Ernstes Sandalen, obwohl es in der Savanne vor Schwarzen Mambas nur so wimmelt, und sehr unpassend zu dieser Freizeitbekleidung ein Monstrum von Gewehr, Kaliber 4,58, dessen Patronen jede Büffelstirn und jeden Elefantenschädel zuverlässig durchschlagen, während sein Kollege eine Kalaschnikow lässig wie ein Handtäschchen über die Schulter baumeln lässt. Mit Schießgewehren kennt sich unser Mann aus, seit er als Leutnant der südafrikanischen Armee bei den Auseinandersetzungen zwischen den
Zulu und
Xhosa in den Townships für Ordnung sorgte.Doch längst ist er nur noch in friedlicher Mission unterwegs: Er will mit uns durch die Serengeti wandern, den berühmtesten Nationalpark Afrikas, in dem mehr Wildtiere als irgendwo sonst auf dem Planeten leben. Allein 3500 Löwen gibt es hier, doch keine Bange, beruhigt uns der Sandalenmann, Löwen hätten Angst vor uns Menschen. Ach so, nicht umgekehrt? Wenn wir einer Raubkatze begegnen, sollen wir der Gefahr ins Auge blicken und langsam zurückweichen, dann passiert uns angeblich nichts. Wenn wir aber wegrennen, ist es garantiert um uns geschehen. Ob er den Film „Quo vadis?“ kenne, fragen wir den Mann, der noch nie etwas von Kaiser Neros makabren Christenverfolgungsspielen im römischen Kolosseum gehört hat. Und wir fragen uns, wie wir auf die selbstmörderische Schnapsidee kommen konnten, mit diesem Schwerbewaffneten durch die Serengeti zu spazieren, die archetypischste Landschaft des Fressens und Gefressenwerdens auf Erden. Doch das ist eine längere Geschichte.Dieser Mann macht kurzen ProzessSie beginnt im Wayo Green Camp im Lake-Manyara-Nationalpark, der etwa auf halber Strecke zwischen
Arusha, der Hauptstadt des tansanischen Safaritourismus, und der Serengeti liegt. Und ihr Hauptdarsteller ist
Jean du Plessis, der einen Namen wie ein Musketier trägt und dessen Familie 1688 als hugenottische Glaubensflüchtlinge aus Frankreich nach Kapstadt kam. Nach seiner Militärkarriere heuerte ihn Mitte der Neunzigerjahre die tansanische Regierung an, um in der Serengeti für Ordnung zu sorgen. Denn sie war damals gleich dreifach existenziell bedroht: Wilderer massakrierten ganze Herden von Großwild, um an das Horn und Elfenbein zu kommen, Masai-Hirten töteten Tausende Antilopen, um ihr Fleisch zu essen oder zu verkaufen, Banditen überfielen die Besucher in ihren Jeeps und standen kurz davor, den Safaritourismus zum Erliegen zu bringen.Jean machte mit seiner Truppe kurzen Prozess und danach seine Liebe zur Natur zu seinem neuen Beruf. Er gründete 1999 das Ökotourismusunternehmen Wayo, benannte es nach dem Kisuaheli-Wort für Fußabdruck, spezialisierte sich auf Walking Safaris, baute acht Zeltcamps, sieben in der Serengeti und eines in Manyara und schloss sich nach der Pandemie mit dem Luxussafarianbieter Wilderness zusammen.Schwer bewaffnet, damit den Safari-Touristen bei ihrer Wanderung auch ja nichts passiert:
Jean du Plessis mit seinen Gefährten.Jakob Strobel y SerraSein Camp hat Jean an einem ganz besonderen Ort errichtet, an dem nichts weniger als die Wiege der Menschheit gestanden haben könnte. Und damit auch wir begreifen, dass es einer der schönsten Plätze in Ostafrika ist, klettern wir barfuß mit Jean über mächtige Felsen, die von einem Wasserfall mit unendlicher Geduld spiegelglatt poliert wurden und so herrlich rötlich schimmern wie Bernini-Marmor. Sie gehören zu einer Hunderte Millionen Jahre alten Abbruchkante des Great Riff Valley, liegen so wild durcheinander wie die Bauklötzchen eines Riesenkindes und bilden ein Plateau, auf dem wir uns an einer tragbaren Bar zwischen Gin Tonic und südafrikanischem Schaumwein zum Sonnenuntergang entscheiden müssen.Der Schaumwein gewinnt, und wir blicken über eine Landschaft voller wilder Anmut, voller Pavianhorden in Schirmakazien und tosender Kaskaden, die sich in einem stillen, von Baobabs, Tamarinden und Mahagonibäumen gesäumten Fluss ergießen, behütet von der hohen Felswand wie von einem guten Geist. Und als einziges Zeugnis der Zivilisation blicken wir über die acht mit größter Zurückhaltung in die Landschaft getupften Zelte des Wayo Green Camps, die komfortabel wie ein sehr gutes Hotelzimmer sind, aber auf prätentiösen Luxus vollständig verzichten – allerdings nicht auf das schöne Detail eines Zeltdaches, das wir auf Knopfdruck wie bei einem Cabrio öffnen können. Nur Materialien aus
Arusha habe er für sein Camp verwendet und es mit Alltagsgegenständen der Stämme rund um den Nationalpark dekoriert, sagt Jean, der als wortkarger Naturbursche mit schicker Innenarchitektur nichts anzufangen weiß – dafür umso mehr mit Kinderfußbällen aus Stoffresten, eisernen Kuhglocken zur Löwenabwehr und Kalebassen, die sich die Massai mit einer Mischung aus der Milch und dem Blut ihrer Kühe als Hirtennahrung füllen. Und das einzige Kunstwerk im Camp ist ein Elefantenschädel, den ein einheimischer Künstler aus Akaziendornen geformt hat.Luxus in der Wildnis: Im Wayo Green Camp im Lake-Manyara-Nationalpark muss man auf keine Annehmlichkeit verzichten.Wayo AfricaDie lokale Bevölkerung liegt Jean, der seit 30 Jahren in Tansania lebt, ohnehin mehr am Herzen als jeder Glamour. Und er baut für sie – so gehört es sich für ein Unternehmen wie seines mit gutem sozialen und ökologischen Gewissen – dringend benötigte Klassenzimmer in der nächsten Kleinstadt, sorgt für Schulspeisungen, bezahlt ein halbes Dutzend Lehrer, die den Kindern die Bedeutung des Naturschutzes und den Mehrwert des Tourismus erklären, und lässt die Schüler Beete nach den Prinzipien des ökologischen Landbaus anlegen. Und er macht das alles nicht nur aus gutem Grund, sondern auch aus schockierender Selbsterfahrung.Die Elefanten seien in seiner Anfangszeit in der Serengeti fast völlig ausgerottet gewesen, sagt Jean, als wir die Grenze zwischen dem Schutzgebiet des gigantischen, mit Wildtieren wie eine afrikanische Arche Noah verschwenderisch gefüllten Ngorongoro-Kraters und dem 15.000 Quadratkilometer großen Nationalpark überqueren – und können kaum glauben, was uns Jean da sagt. Denn augenblicklich werden wir von solchen Massen an Tieren umringt, dass wir sofort verstehen, warum die Serengeti heute nicht nur die größte Schatztruhe der afrikanischen Fauna, sondern auch der kostbarste Schöpfungsschatz ist, den wir Menschen auf dem Planeten noch hüten.Keck wackelt das Warzenschwein mit dem HinternZebras, Impalas, Thompson-Gazellen und Gnus haben sich so zahlreich versammelt, als stünde eine Volkszählung an. Löwen verstecken sich keine zwei Meter von uns entfernt im Gestrüpp, für unsere Begriffe überhaupt nicht ängstlich, sondern eher wie angriffslustige Wegelagerer. Zwei ihrer Artgenossen thronen majestätisch auf Felsmonolithen, als wollten sie den „König der Löwen“ nachspielen. Giraffen stolzieren mit trägem Hochmut zwischen den Schirmakazien umher, Büffel glotzen uns grimmig an, Geparden halten auf einer Erhebung so fest entschlossen Ausschau, als stünden sie auf einem Feldherrenhügel. Warzenschweine wackeln keck mit den Hintern, Hyänen trotten mit ihrem hinkenden Gang an uns vorbei, Nilpferde suhlen sich in ihrem Tümpel und verwandeln ihn mit ihren Exkrementen in eine Kloake. Und so geht es Kilometer um Kilometer, Stunde um Stunde in einem fort.Anmutig wie kaum ein anderes Tier: Geparden halten Ausschau nach Beute.Jakob Strobel y SerraMindestens genauso beeindruckend ist die Zahl an Safaritouristen, die den Wildtieren auf die Pelle rücken. Schon am Haupttor stehen wir wie an einer Péage-Station am 14. Juli in der Schlange vor der Schranke und bekommen eine schlimme Vorahnung, die sich allzu schnell bestätigt. In der Kernzone der Serengeti versammeln Großkatzen zuverlässig mindestens ein Dutzend Jeeps um sich, und wenn es etwas besonders Spektakuläres zu sehen gibt, können es leicht vier Dutzend werden. Mehr als eine halbe Million Besucher zählt der Nationalpark inzwischen pro Jahr, 1000 Jeeps sind an Spitzentagen unterwegs, 200 Lodges und Camps gibt es jetzt, vor zehn Jahren waren es noch 50. Und der Safaritourismus wächst stürmisch weiter – kein Wunder, denn er ist ein Milliardengeschäft, an dem viele teilhaben wollen und bei dem manche ungeniert die Hand aufhalten.Allein der Eintritt in den Nationalpark kostet 170 US-Dollar pro Person – und Tag. Ohne Übernachtung ist es etwas günstiger, deswegen überschwemmen immer mehr Tagestouristen die Serengeti, die in billigen Hotels außerhalb der Nationalparkgrenzen wohnen. Längst ist nicht mehr jeder Fahrer ein lizenzierter Wildführer, und immer häufiger verlassen die Jeeps auf der Jagd nach guten Fotos die Pisten, ein schwerer Verstoß gegen die Regeln zum Schutz der Tiere. Er ist so selbstverständlich geworden, dass die Besucher auf Anschlägen an den Rastplätzen aufgefordert werden, Missetäter inklusive eines Fotos ihres Kennzeichens bei der Parkverwaltung zu denunzieren.Immer gut versorgt: Safari-Frühstück während der MorgenausfahrtJakob Strobel y SerraDoch das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist, dass es die Serengeti ohne Touristen längst nicht mehr gäbe; dass aus der Savanne Weideland geworden wäre und Kuh und Ziege Löwe und Leopard verdrängt hätten; dass der Safaritourismus die einzige Überlebensgarantie der Serengeti ist und jeder Besucher mit der festen Überzeugung nach Hause fährt, die Menschheit müsse diesen einzigartigen Schatz unter allen Umständen bewahren; dass nur zwei der 16 Nationalparks in Tansania profitabel sind – neben der Serengeti noch der Kilimandscharo – und diese beiden alle anderen mitfinanzieren müssen; und dass es trotz allen Trubels noch genügend Platz für Eskapaden in die menschenleere Wildnis gibt, vorausgesetzt, man vertraut sich extremistischen Naturliebhabern wie
Jean du Plessis an.Zeltcamp mit Plumpsklo und EimerduscheEr führt uns in den äußersten Osten der Serengeti zu seinem Wayo Walking Camp, weit weg von den Zusammenrottungen der Touristenjeeps, von denen wir in der letzten Stunde unserer Fahrt keinen einzigen mehr sehen. Und als wir schließlich mitten im Nirgendwo ankommen, denken wir ein wenig wehmütig an unsere Unterkunft im Manyara-Nationalpark zurück. Denn die nächsten beiden Nächte werden wir in einem niedrigen Pfadfinderzelt auf dem Boden unter einer Funzelglühbirne schlafen, unsere Schuhe zum Schutz vor Skorpionen und lederliebenden Hyänen immer brav hinter den Reißverschluss stellen, uns mit Plumpsklo und Eimerdusche zufriedengeben, auf Internet und Telefon leichten Herzens verzichten – allerdings nicht auf eine ambitionierte Küche, einen passabel gefüllten Weinschrank und einen überaus liebenswürdigen Service. Und der Lohn für diese Askese ist fast unermesslich: Noch tiefer dringt man nirgendwo in die Wildnis der Serengeti ein, noch unmittelbarer kann man sie an keinem anderen Ort erleben, noch näher kommt man den Wurzeln des Homo sapiens nirgends, der hier vor 300.000 Jahren umherstreifte, genauso umzingelt von wildem Getier wie wir jetzt.Streng bewacht und doch vor Wilderern nicht sicher: In der Serengeti unternimmt man alles, um das Leben der Elefanten zu schützen.ImagoTagsüber sind wir Menschen noch einigermaßen unter uns, abgesehen von den Pavianen, die auf ihrem Felsen hinter dem Camp wie Hunde bellen, und den vier mächtigen Elefanten, die zum Dessert unseres Mittagessens unter einer Schirmakazie seelenruhig zum Trinken ans Flussufer trotten, keine hundert Meter von uns entfernt. Nachts aber ist die Hölle los: Löwen und Hyänen marschieren so selbstverständlich durch das Camp, als sei es gar nicht da, und das anschließende Brüllen und Jaulen ihrer Familienkräche grenzt an nächtliche Ruhestörung. Überall raschelt und knackt, zischt und zirpt es, an Schlaf scheint hier kein Lebewesen zu denken. Und trotz der entsetzlichen Vorstellung, nur durch eine dünne Zeltwand von den Raubtieren getrennt zu sein, schlafen wir selbst tief und fest wie ein Murmeltier – auch dank Jean, der uns an der Feuerschale beim Sundowner gleich zweifach beruhigt hat: Im Zelt seien wir vor allen Fleischfressern sicher, hat er uns versichert und dann noch trocken einen schönen, alle Furcht wegbalsamierenden Satz hinterhergeschickt: Wenn der Mensch auf dem Speisezettel der Löwen stünde, gäbe es keinen Safaritourismus. Wir sind ihnen einfach nicht geheuer, weil unsere Augen wie bei Raubtieren vorne am Kopf sitzen und Löwen sich keinen Reim auf unseren aufrechten Gang machen können, „Quo vadis?“ hin oder her.Der Kollege mit der KalaschnikoffAm nächsten Morgen wird es dann ernst. Jean wartet schwer bewaffnet, leicht beschuht und freudestrahlend mit seinen Kalaschnikowkollegen auf uns, um mit seinen Schäfchen fünf Stunden lang durch die Savanne zu wandern – und um unsere Frage, wie oft er sein Gewehr schon benutzt habe, mit einem lakonischen, aber nicht wirklich beruhigenden „Not a lot“ zu beantworten. Doch unsere Angst vor der Wildnis und ihren zähnefletschenden Bewohnern verfliegt seltsamerweise sofort. Denn wir laufen durch eine unfassbar archaische Landschaft, die sich genauso vor uns ausbreitet, wie sie schon vor Hunderttausenden, wenn nicht Millionen von Jahren ausgesehen hat: Hügel voller Buschgras und Schirmakazien rollen mit unerschütterlicher Sanftmut bis zum Horizont, durchzogen von Flüssen, gespickt mit Kopjes, den pittoresk verwitterten Granitmonolithen, von den ersten niederländischen Siedlern des südlichen Afrikas nach ihrem Wort für Kopf benannt, weil sie wie kahl rasierte Schädel aus der Savanne ragen. So bar alles Menschlichen, so unberührt von aller Zivilisation, so sehr in ihrer eigenen Ewigkeit ruhend, so überwältigend in ihrer Stille, in dieser vollständigen Abwesenheit allen Lärms der Welt ist diese Landschaft, dass unsere Wanderung schnell zum andächtigen Schweigemarsch wird. Denn jeder in Jeans Wandergruppe begreift, dass man allem Schöpfungsanfang nicht viel näher kommen kann als hier.Sie suchen immer körperliche Nähe: Zebras in der Serengeti.ImagoDer Fauna Afrikas kommen wir allerdings erstaunlich selten nah, weil wir nicht nur den Löwen keineswegs geheuer sind. Die Tiere halten Distanz, lassen uns nicht aus den Augen, suchen vorsichtshalber das Weite. Eine Giraffe am Horizont fixiert uns eine halbe Stunde lang mit Argusaugen, eine Herde Impalas will nichts mit uns zu schaffen haben, zwei Büffel nehmen Reißaus, obwohl jeder eine Tonne wiegt und uns wie Fliegen zerquetschen könnte. Doch sie wissen instinktiv, dass der Mensch sie seit 100.000 Jahren jagt. Einem jungen Büffel können wir uns aber bis auf zwanzig Meter nähern, weil er malad im Gras liegt und diesen Tag nicht überleben wird, sollte er nicht schleunigst seine Herde finden. Nur die beiden Nilpferde im Fluss lassen keinen Zweifel daran, wer hier der Herr im Haus ist, und bedeuten uns mit wütendem Schnauben und grimmigem Auf- und Abtauchen unmissverständlich, dass wir in ihr Territorium eingedrungen sind und nicht umgekehrt. Und so ist ausgerechnet eine phlegmatische Leopardschildkröte mit ihrem wunderbar dekorativ gefleckten Panzer das Tier, dem wir am nächsten kommen – und das sich sogar berühren lässt.Die Tötungsreflexe der RaubkatzenAuch Jean traut der Friedfertigkeit nicht, hält ständig Ausschau nach Löwen und Leoparden, gibt der Wandergruppe militärische Handzeichen, wenn wir stehen bleiben oder weitergehen sollen, lässt sich in seinen Sandalen aber auch von keinen Dornen, keinen Käfern und erst recht keinen Mambas aus der Ruhe bringen. Er weiß ganz genau um die Gefahr, in der wir schweben, um die Verteidigungsinstinkte und Tötungsreflexe der Raubkatzen, auch wenn er uns zuvor versichert hat, dass nur zwei Tiere Menschen vorsätzlich jagen, um sie zu verspeisen: Krokodile und Eisbären. Wir sind zwiegespalten, würden gerne einem Löwen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, sind aber auch nicht unglücklich darüber, dass es nicht geschieht, und geben uns gerne mit unspektakuläreren Zeugnissen des Fressens und Gefressenwerdens zufrieden: den bleichen Knochen großer Pflanzenfresser, die von den Hyänen verschmäht wurden, oder dem Büffelschädel, der wie eine Trophäe an einen Baumstamm lehnt. Jean zeigt uns die Motten, die im Moment des Büffeltodes ihre Larven in den Hörnern ablegen, damit sie sich vom Horn ernähren und zu prächtigen Motten heranwachsen können. Und so lernen wir auf Schritt und Tritt, dass – ganz anders als in der Menschenwelt – kein Tod in der Savanne sinnlos ist, weil er immer auch Leben bedeutet.Das Walking Camp ist trotz Plumpsklo und Eimerdusche kein Ort, den man mit einem Seufzer der Erleichterung, sondern einem schwermütigen letzten Blick verlässt, weil da draußen der Lärm der Welt auf uns wartet. Jean gibt uns glücklicherweise noch ein wenig Aufschub und schickt uns auf Schleichwegen abseits der überfüllten Hauptrouten in den tiefsten Süden der Serengeti, in sein Wayo Usawa Camp. Und es sollen zwei Safaritage werden, die uns all das in schönster Pracht präsentieren, was die Serengeti so einzigartig macht. Wir werden Zeuge des ewigen Kreislaufs von Werden und Vergehen, wir sehen, wie ein Gepard vor unseren Augen eine Babyantilope reißt und verspeist, wie Hyänen sich um die Reste eines Gnus balgen, wie Löwen im Minutentakt brüllend kopulieren, wie Zebras ihren neugeborenen Nachwuchs liebkosen, der wie lebendig gewordene Plüschtiere aussieht. Geier und Schlangenadler kreisen über der Savanne, Leoparden deponieren Kadaver in Astgabeln, Gnukälber lernen sechs Minuten nach ihrer Geburt das Laufen, damit sie sofort um ihr Leben rennen können. Und in der aufgehenden Sonne verwandeln sich die Schirmakazien in sterbensschöne, feuerrot kolorierte Scherenschnitte, ein Bild fast zu schön, um wahr zu sein.Dann erreichen wir die offene Savanne, eine endlose Hochebene, in der urplötzlich Ungeheuerliches geschieht, ein Wunder der Natur, wie man es im Leben vielleicht ein einziges Mal erfahren darf: Die Savanne verwandelt sich in ein schwarz-weiß gestreiftes Wimmelbild, weil erst Tausende, dann Zehntausende und schließlich Hunderttausend Zebras unseren Jeep umringen. Eine endlose Ansammlung gestreifter Leiber erstreckt sich bis zum Horizont, eine Zahl von Tieren, die jede Vorstellungskraft sprengt, ein unfassbarer Anblick. Sie haben sich zu ihrer alljährlichen Migration durch die Serengeti versammelt, folgen dem Regen und damit dem frischen Gras und vereinen sich mit zwei Millionen Gnus, die viel besser riechen können als sie selbst, während sie viel besser sehen – und die sich auch beim Futter nicht in die Quere kommen, weil die einen den oberen und die anderen den unteren Teil des Grases fressen. Es ist eine Symbiose von gigantischen Dimensionen, eine animalische Völkerwanderung mosaischen Ausmaßes, die wir niemals für möglich hielten, würden wir nicht jetzt ihrer Zeuge werden.Jean folgt der großen Migration mit seinen drei Wayo Usawa Camps, die er innerhalb von acht Tagen versetzen kann, ohne die geringsten Spuren in der Savanne zu hinterlassen. Wieder übernachten wir in einem Zelt, aber dieses Mal, ohne uns bücken zu müssen, ganz im Gegenteil. Wir haben so viel Platz wie in einem Fünfsternehotel, eine Privattoilette mit Spülung, eine großzügig dimensionierte Dusche, die von dienstbaren Geistern großzügig mit warmem Wasser gefüllt wird, ein Messingwaschbecken, eine Anrichte, eine Garderobe und ein richtiges Bett in Königsgröße mit Panoramablick auf die Savanne. Der Koch des Hauses trägt eine blütenweiße Jacke, annonciert sein Menü mit stolzgeschwellter Brust und gibt sich alle Mühe, der Wildnis kulinarisches Raffinement abzutrotzen. Die Weine stammen von satisfaktionsfähigen südafrikanischen Gütern wie Glenelly, Tokara oder Hartenberg, der Kaffee kommt aus einer echten Espresso-Caffettiera – und trotzdem sind wir der Natur genauso nah wie im Walking Camp. Wir schlafen tief und fest im Schoß der Wildnis, werden nur einmal vom Krawall der Hyänen vor unserem Zelt geweckt, und vor nächtlichen Löwenbesuchen fürchten wir uns jetzt längst nicht mehr.Auf dem Weg zum Flugplatz sehen wir zwei Tiere, die uns bisher noch nicht begegnet sind: einen Karakal, eine Art Luchs, der eine Manguste erwischt hat. Jetzt baumelt das Erdmännchen in seinem Maul wie eine überdimensionierte Maus, die eine Hauskatze gefangen hat, bereit zum Verspeisen unter einer Akazie. Und wir verstehen, dass das die Abschiedsbotschaft der Serengeti an uns ist: Das Leben geht weiter, das Sterben auch, das eine gibt es ohne das andere nicht.Arrangements: Der Berliner Premiumveranstalter Windrose, der sich eher als Reisemanufaktur versteht und auf diesem Feld Marktführer in Deutschland ist, bietet maßgeschneiderte Reisen in die Serengeti wie die beschriebene an. Das Arrangement kann ganz nach den Wünschen der Kunden individualisiert, ergänzt und variiert werden. Informationen unter www.windrose.de oder telefonisch unter 030 2 01 72 10.Anreise: Die Fluggesellschaft Discover Airlines (www.discover-airlines.com) bietet die einzige Direktverbindung aus Deutschland zum Kilimanjaro International Airport an, dem Tor zur Serengeti. Von Oktober bis März fliegt sie immer samstags hin und sonntags zurück, von März bis Oktober gibt es drei wöchentliche Verbindungen. Die Preise in der Economy Class beginnen bei 800 Euro.