Es war ein historischer Moment im Juni 2025: Der armenische Regierungschef
Nikol Paschinjan stieg aus dem Wagen und ging auf seinen Gastgeber, den türkischen Staatspräsidenten
Recep Tayyip Erdogan, zu. Die beiden Politiker schüttelten sich die Hände und drehten sich gemeinsam zu den Kameras - ein historischer Augenblick. Es war das erste Mal, dass ein armenischer Regierungsvertreter dem Nachbarland einen Arbeitsbesuch abstattete - und das auf offizielle Einladung eines türkischen Staatschefs. Die Türkei und
Armenien teilen eine fast 330 Kilometer lange Landesgrenze und sind seit über hundert Jahren verfeindet. Historisch belastet sind die Beziehungen vor allem durch die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich, die der Deutsche Bundestag, wie viele westliche Länder auch, im Jahr 2016 als Völkermord anerkannte. Auch die Haltung Ankaras im
Bergkarabach-Konflikt sorgt für tiefe Gräben. Die Türkei stellte sich dabei auf die Seite von Armeniens Gegner
Aserbaidschan und schloss 1993 die gemeinsame Grenze. Seit 2022 gibt es jedoch eine vorsichtige Annäherung. Der Binnenstaat
Armenien besteht nicht mehr darauf, dass Ankara die Ereignisse von 1915 als Völkermord anerkennt. Zudem hat das Land den jahrzehntelangen Krieg um
Bergkarabach mit
Aserbaidschan im vergangenen Jahr durch ein Friedensabkommen beigelegt. Seitdem wächst in der türkischen Wirtschaft die Hoffnung auf eine baldige Normalisierung in der Region und die Öffnung der seit über drei Jahrzehnten geschlossenen Grenze. Vorsichtige Annäherung: Der türkische Staatspräsident
Recep Tayyip Erdogan (rechts) und der armenische Regierungschef
Nikol Paschinjan posieren im Juni 2025 für ein historisches Foto in IstanbulBild: DHA Die Türkei verfügt über zwei Übergänge zum benachbarten
Armenien:
Alican in der Provinz
Igdir und
Akyaka in der Provinz
Kars. Beide sind seit dem Ersten
Bergkarabach-Krieg dicht, könnten laut Beobachtern aber in wenigen Monaten wieder eröffnet werden. Armenische Medien berichten, dass Eriwan die nötigen Vorbereitungen dafür bereits getroffen hat. Auf türkischer Seite laufen die Arbeiten noch, sind aber ebenfalls weit vorangeschritten. Sollten die Übergänge vor den armenischen Parlamentswahlen im Juni öffnen, wäre das ein großer Erfolg für Ministerpräsident
Nikol Paschinjan. Er treibt seit Jahren einen Versöhnungsprozess mit den Nachbarn voran und nähert sein Land dem Westen an. Kaan Soyak, der Vorsitzende des Türkisch-Armenischen Wirtschaftsentwicklungsrates, berichtet, dass der Handel zwischen beiden Ländern aufgrund der geschlossenen Grenzen seit Jahren indirekt über Georgien abgewickelt wird und bei etwa 300 bis 350 Millionen US-Dollar liegt. Seinen Angaben zufolge entfallen rund 99 Prozent davon auf Waren, die von der Türkei nach Georgien und von dort weiter nach
Armenien transportiert werden. Laut Soyak ragen dabei vor allem Konfektionskleidung, chemische Produkte, Lebensmittel und unverarbeitete Edelmetalle heraus. Er ist überzeugt, dass das bilaterale Handelsvolumen mit offenen Grenzen schnell auf eine Milliarde Dollar steigen könnte. Zudem erwartet er den raschen Aufbau von Logistikkorridoren inklusive Energie- und Telekommunikationsleitungen mit direktem Anschluss an die gesamte Kaukasusregion. Der Iran-Krieg verzögert jedoch den Countdown. Laut Soyak hat die Ausweitung des Krieges auf die Golfstaaten, den Irak und den Libanon die Sorge vor neuen Migrationswellen geschürt. Aus diesem Grund werde die Öffnung der gemeinsamen Landgrenzen derzeit etwas langsamer vorangetrieben. Die östlichen türkischen Provinzen wie
Kars,
Igdir, Agri, Ardahan und Van liegen nur einen Steinwurf von der armenischen Grenze entfernt und zählen zu den ärmsten Regionen Anatoliens. Nach Angaben des türkischen Statistikamtes belegen sie mit einem Bruttoinlandsprodukt von gerade einmal 3250 bis 4350 Euro pro Kopf die hintersten Plätze im Städteranking. Umso größer sind die Hoffnungen, die die Menschen vor Ort in den Waren- und Personenverkehr mit den Nachbarn setzen - auch auf Besucher aus
Armenien und der weltweiten Diaspora. Da viele bedeutende historische und religiöse Stätten auf der türkischen Seite der Grenze liegen, könnte die Öffnung ein völlig neues Publikum an Touristen erschließen. Kadir Bozan, der Vorsitzende der Industrie- und Handelskammer (IHK) im türkischen
Kars, unterstreicht zudem die Bedeutung des sogenannten Trump-Korridors: Für die Mitglieder der Kammer habe dieser Weg und die dazugehörige Infrastruktur eine enorm wichtige Bedeutung. Beeindruckend: Die Ruinen der Erlöserkirche (auch bekannt als St. Prkitch oder Halaskar-Kirche) in der mittelalterlichen armenischen Stadt Ani in der heutigen Türkei. Die Ruinenstadt Ani liegt in der Provinz
Kars im Osten der Türkei nahe der armenischen Grenze.Bild: Alamy Stock Photo Die Einrichtung der Trump-Route für internationalen Frieden und Wohlstand wurde im vergangenen August als Teil des von US-Präsident Donald Trump vermittelten Friedensplans zwischen
Armenien und
Aserbaidschan vereinbart. Der Plan sieht einen 43 Kilometer langen Straßen- und Schienenkorridor durch
Armenien vor, der
Aserbaidschan mit seiner Exklave Nachitschewan und der Türkei verbindet. Der Korridor soll die Transkaspische internationale Transportroute stärken und soll die Transportzeiten zwischen China und Europa verkürzen. Die Türkei sieht darin eine große Chance, ein entscheidender Akteur des Welthandels zu werden. Schon im vergangenen August hat sie mit dem Bau einer 224 Kilometer langen Eisenbahnstrecke begonnen, die als Teil der Route jährlich Millionen Tonnen Fracht und Personen befördern soll. Viele Menschen in der Region wünschen sich daher ein baldiges Ende des Iran-Krieges, betont IHK-Chef Kadir Bozan weiter, damit Versöhnung einkehre und die Region zum Wirtschafts- und Tourismuszentrum aufsteigen könne. Seine Stadt besitze schon jetzt eine sehr gute und beliebte Zugverbindung über Tiflis bis nach Baku. Ein neuer Korridor, der Asien und Europa miteinander verbindet: Die Bauarbeiten an einem Streckenabschnitt des sogenannten "Trump-Korridors" in
Aserbaidschan sind in vollem GangeBild: Resul Rehimov / Anadolu/picture alliance Auch in der Nachbarprovinz Ardahan, die über zwei Grenzübergänge nach Georgien verfügt, setzt man große Hoffnungen auf die türkisch-armenische Annäherung. Da die Stadt nur 20 Kilometer von
Armenien entfernt liegt, glaubt Cetin Demirci, der Vorsitzende der IHK Ardahan, dass dort bald neue Produktionsstätten, Fabriken, Gewerbegebiete und Lager entstehen werden. Seit Jahren schrumpfe seine Stadt, weil die Jugend abwandere. Offene Grenzen würden hier dringend benötigte Arbeitsplätze schaffen und die Wirtschaft beleben. Ähnlich optimistisch blickt auch Kamil Arslan, der Vorsitzende der IHK
Igdir, in die Zukunft und betont: "Der Handel kennt keinen Nationalismus." Man wolle endlich, dass diese über 30 Jahre alte Feindschaft zwischen der Türkei und
Armenien aufhöre. Arslan wünscht sich, dass über die Grenzübergänge bald wieder Lebensmittel, Baumaterial, Textilien und Dienstleistungen nach
Armenien fließen - allen voran die süßen, berühmten Aprikosen aus
Igdir, genau wie in alten Zeiten.