Vor 25 Jahren hat die
Goethe-Universität das
IG-Farben-Haus im Frankfurter
Westend bezogen. Ein Gebäude, das mit seiner Geschichte bewegt und polarisiert.Es waren stolze Worte, mit denen die Geschichte des Uni-Campus
Westend begann. In einer Sonderbeilage der Universitätszeitung vom Sommersemester 2001 hieß es: „Noch mag manches manchem provisorisch erscheinen. Und einiges wird sich auf dem neuen Campus im Laufe der Zeit erst noch einspielen müssen. Doch schon jetzt lässt sich sagen: Für die Johann Wolfgang
Goethe-Universität ist der Umzug in das
IG-Farben-Haus ein Glücksfall.“Zum damaligen Sommersemester waren die geisteswissenschaftlichen Institute der
Goethe-Universität auf den neuen Campus umgezogen: Etwa 8000 Studenten und 500 Bedienstete lernten und arbeiteten nun im Frankfurter
Westend. Mit ihrem Einzug begann die neue Nutzung eines Ortes mit bewegter Geschichte. Zuerst war der Sitz eines Konzerns, der sich später tief in die Verbrechen der
Nationalsozialisten verstrickte, dann Standort der amerikanischen Armee, die vom Besatzer zum Verbündeten wurde.Manche sprechen lieber vom Poelzig-BauAus dieser Geschichte rührt auch ein Namensstreit, der seitdem über den Campus und sein Hauptgebäude ausgetragen wird. Wo etwa die Bus- und U-Bahn-Fahrpläne den Uni-Campus
Westend ausweisen, sprechen Studenten auch vom IG-Farben-Campus, wo das Hauptgebäude meist als
IG-Farben-Haus bezeichnet wird. Andere nennen es lieber den
Poelzig-Bau: Somit bleibt der damalige Bauherr ungenannt, stattdessen rückt der Architekt in den Fokus.Als die Interessengemeinschaft Farbenindustrie AG, abgekürzt
IG Farben, im Jahr 1928 den Architekturwettbewerb für ihre Firmenzentrale ausschrieb, war sie das viertgrößte Unternehmen der Welt, unter den Chemie- und Pharmakonzernen sogar das größte. Drei Jahre zuvor hatte sich die Interessengemeinschaft als ein Zusammenschluss mehrerer Firmen gegründet, darunter
Bayer,
BASF und die
Hoechst AG. Die Kooperation hatte ihre Wurzeln in der Zeit des Ersten Weltkriegs; mit dem endgültigen Zusammenschluss wurde eine gemeinsame Zentralverwaltung nötig.Der Standort
Frankfurt bot sich dafür an. Zum einen lag die Stadt gut erreichbar zwischen den einzelnen Firmenzentralen, zum anderen entwickelte sich
Frankfurt unter ihrem damaligen Oberbürgermeister
Ludwig Landmann zu einer modernen Metropole und trieb mit ihrem Siedlungsbaudezernenten
Ernst May eine groß angelegte Baupolitik voran: das „Neue
Frankfurt“. Umgekehrt lag auch der Stadt einiges daran, einen derart großen Gewerbesteuerzahler für sich zu gewinnen. Denn Ludwig Landmanns Projekte sollten sich zwar langfristig amortisieren, kosteten aber noch viel Geld.Werkbank eines Weltkonzerns: Chemisches Laboratorium im
IG-Farben-Haus um 1931Historisches Museum FrankfurtZusätzlich zu dem Areal, das die
IG Farben im
Westend von der Familie Rothschild erwarb, steuerte die Stadt in einem Grundstückstausch Baufläche bei. Außerdem ließ sie neuen Wohnraum für etwa 1600 Mieter anlegen, die als Angestellte der
IG Farben nach
Frankfurt zogen.Den Architekturwettbewerb gewann der Berliner Hans Poelzig – auch für ihn selbst ein Glücksfall. Nach begleitenden Tätigkeiten als Hochschuldirektor und -dozent, Stadtbaurat und Bühnenbildner hatte er sich erst kurz zuvor ganz seiner Arbeit als Architekt zugewandt und mit dem Hauptgebäude der
IG Farben nun einen Großauftrag bekommen. Trotz fachlicher Differenzen schätzte
Ernst May seinen Berliner Kollegen. Er beschrieb Poelzig als eine „urgesunde, kraftvolle, aus innerer Berufung gestaltende Künstlerpersönlichkeit“ und lobte vor allem seinen unakademischen Baustil, der ganz auf Zweckmäßigkeit ausgerichtet war.Dieser Stil zeigt sich auch beim
IG-Farben-Haus. Den Ausschlag für Poelzigs Entwurf gab die konkave Krümmung, die er für das 254 Meter lange Hauptgebäude vorsah. Dank dieser Krümmung konnte das Sonnenlicht auf der Südseite des Gebäudes bis in die Tiefe der sechs Querbauten eindringen, in denen die Großraumbüros untergebracht waren. Auch die abnehmende Deckenhöhe des Gebäudes von 4,60 Metern im Erdgeschoss auf 4,20 Meter im siebten Stock diente diesem Zweck. Die Fassadenverkleidung aus Cannstatter Travertin war wiederum schon in der Ausschreibung festgelegt worden.Amerikanische Trusts dienten als VorbildBauform und Bauweise waren dagegen der Bodenbeschaffenheit geschuldet. Probebohrungen hatten ergeben, dass man den Baugrund kaum belasten konnte. Das machte ein schmales Gebäude notwendig, das nur durch seine Querbauten an Tiefe gewann. Statt des üblichen Betongussverfahrens wurde eine moderne Stahlskelettbauweise angewandt, wie sie aus dem amerikanischen Wolkenkratzerbau bekannt war. Das gefiel der Firmenleitung. In ihrer Unternehmensführung orientierte sie sich am US-amerikanischen Kapitalismus. Schon die Firmenstruktur der
IG Farben war den amerikanischen Trusts entlehnt worden.Hängt man der These der Frankfurter Schule an, der zufolge der Nationalsozialismus eine Konsequenz des Kapitalismus darstellt – mit den Konzentrationslagern als Orten erzwungener Arbeit und fabrikmäßigen Tötens –, erhält die weitere Unternehmensgeschichte eine fatale Schlüssigkeit.Hauptquartier des V. Korps der US-Armee: das IG-Farben-Gelände 1966Lutz KleinhansNach der Machtübernahme der
Nationalsozialisten leisteten die
IG Farben umfangreiche Parteispenden an die NSDAP, um sich Rüstungsaufträge zu sichern. Das gelang: Im Sinne des Autarkie-Kurses der NS-Wirtschaftspolitik produzierten sie den Kautschuk-Ersatz Buna und den synthetischen Kraftstoff Leuna. Vor allem aber ließen sie im Zweiten Weltkrieg über ihr Tochterunternehmen Degesch (Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung) das Giftgas Zyklon B herstellen, das beim Massenmord in den Gaskammern eingesetzt wurde. Außerdem veranlassten sie den Bau eines firmeneigenen Zwangsarbeiterlagers nahe Auschwitz – des Lagers Auschwitz III „Buna-Monowitz“. Kein anderes Unternehmen hat sich in diesem Ausmaß an den nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt.Entsprechend wurde die
IG Farben nach dem Kriegsende aufgelöst, und die Firmenvorstände wurden angeklagt. Allerdings entwickelte sich die Auflösung zu einem langwierigen Verfahren. In seinen letzten Ausläufern dauerte es bis 2012 an. Erst in diesem Jahr wurde die Firma aus dem Handelsregister gelöscht. Die Unternehmensvorstände erhielten milde Strafen. Vielfach waren sie schon wenige Jahre darauf wieder als Vorstände tätig, teilweise sogar in den Nachfolgefirmen der
IG Farben.Ziel des RAF-Terrors: Am 11. Mai 1972 wurde auf das Casino ein Bombenanschlag verübt.ArchivDagegen erhielten die ehemaligen Zwangsarbeiter zunächst keine Entschädigung. Doch 1952 gewann der Überlebende Norbert Wollheim seinen Prozess gegen den Konzern in Auflösung. Dieses Verfahren wurde zum Muster, nach dem auch andere Überlebende Entschädigungen einklagten. Heute erinnert das Wollheim-Memorial auf dem Campus an seinen Namensgeber und andere überlebende Zwangsarbeiter. Außen angebracht ist Norbert Wollheims Häftlingsnummer. Im Inneren befindet sich eine Wandinschrift mit seinem Zitat: „Wir sind gerettet, aber wir sind nicht befreit.“Die ehemalige Konzernzentrale war im Zweiten Weltkrieg unzerstört geblieben. Mit ihrer Größe und ihren Büroräumen bot sie sich nun den US-Amerikanern als Verwaltungsgebäude an. Sie bezogen also das Gebäude und leiteten von dort ihre Besatzung. Auch zentrale Impulse der westdeutschen Nachkriegsgeschichte gingen von hier aus: zunächst die Neugründung des Landes Hessen und anschließend der Auftrag an den Parlamentarischen Rat, ein Grundgesetz zu schreiben. Erst dieses Grundgesetz ermöglichte die Gründung der Bundesrepublik.Stätte des Lernens: geisteswissenschaftliche Bibliothek im IG-Farben-HausDaniel VoglBis 1972 blieb das Gelände frei zugänglich. Nach einem Bombenanschlag der RAF auf das Casino-Gebäude wurde es jedoch zum Sperrgebiet. 1995 zogen die US-Amerikaner ab. Im darauffolgenden Jahr kaufte das Land Hessen das Areal vom Bund und stellte es der
Goethe-Universität zur Verfügung. Nach einer Umbauphase bezogen die ersten Fachbereiche mit dem Sommersemester 2001 den Campus.Seitdem sind große Neubauten hinzugekommen: das House of Finance, die Bauten für Rechts-, Wirtschafts-, Gesellschafts- und Kulturwissenschaften, das Hörsaalzentrum. Mittlerweile ist der Campus
Westend Sitz der meisten Fachbereiche und der Zentralverwaltung – das Hauptgelände von Hessens größter Hochschule.Die Universitätszeitung stellte 2001 die Entfaltung von Wirtschaftsmacht, die Komplizenschaft mit einem mörderischen Regime und die Okkupation durch das Militär den friedlichen Zwecken gegenüber, denen dieser Ort von nun an dienen sollte: „Wo einst die Direktoren des IG-Farben-Konzerns tagten und später die US-Armee ihr Hauptquartier bezog, wird künftig der wissenschaftliche Diskurs gepflegt werden: These, Antithese und Synthese statt Befehl und Gehorsam.“