35 gemeinsame Jahre – und der Beziehungsstatus ist noch immer ungeklärt In einer finalen Doppelfolge gehen die beiden ewigen »
Tatort«-Junggesellen Batic und Leitmayr ihrer schwierigen Männerfreundschaft auf den Grund. Und der Fall? Völlig egal. Batic (
Miroslav Nemec, l.) und Kriminalhauptkommissar Leitmayr (
Udo Wachtveitl): Wissen sie immer noch nicht, dass sie füreinander geschaffen sind? Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Männerfreundschaften, kompliziertes Thema. Wie umarmt man sich? Wie nah lässt man den anderen an sich ran? Hält man es aus, nebeneinander im selben Bett zu schlafen? Und dann die ewige Frage: Ist man überhaupt richtig befreundet oder einfach nur undefinierbar miteinander verbandelt, weil der Zufall einen immer wieder zu dem anderen gespült hat? Der letzte Fall der beiden Münchner »
Tatort«-Kommissare
Ivo Batic und
Franz Leitmayr ist vor allem eine Studie in Sachen Männerfreundschaft geworden. 35 Jahre arbeiten die beiden schon zusammen, sie haben gemeinsam die gefährlichsten Situationen überstanden, sie haben sich ihre Sexgeschichten erzählt, sie haben ihre Depressionen geteilt. Aber wie man sich zum Abschied anständig umarmt, das wissen die beiden immer noch nicht. Kollegen? Freunde? Liebende?Die aktuellen Untersuchungen strecken sich über eine Doppelfolge, die Ostersonntag und Ostermontag gesendet wird. Es geht um einen Mörder, der sich zu Wohnungen Zutritt verschafft, die temporär an Städteurlauber vermietet werden. Am Ende der ersten 90 Minuten scheint der Täter überführt worden zu sein, die beiden Kommissare können in Rente gehen. Zum Anfang der zweiten 90 Minuten stellen sie dann fest, dass das Verbrechen doch eine größere Dimension besitzt, als sie angenommen haben. Deshalb aktivieren sie sich noch einmal selbst. Gegen den Widerstand ihrer jungen Kollegen, versteht sich. Batic und Leitmayr mit ihren Nachfolgern (dargestellt von
Carlo Ljubek, vorne, und
Ferdinand Hofer, rechts Der Krimi-Plot (Drehbuch:
Johanna Thalmann,
Moritz Binder, Regie:
Sven Bohse) wird passabel über zwei Folgen ausgebreitet, aber er gerät zwangsweise immer wieder ins Stocken, weil die beiden Hauptfiguren noch grundsätzliche Dinge untereinander klären müssen. Vor allem diese Frage: Was ist das eigentlich, was sie da gemeinsam teilen? Handelt es sich um echte Freundschaft oder doch nur um eine Notgemeinschaft? In ihren besten »Tatorten« (zum Beispiel »Frau Bu lacht«, »Im freien Fall« oder »Am Ende des Flurs«) haben die Hauptdarsteller
Miroslav Nemec und
Udo Wachtveitl stets auch von der emotionalen Verfasstheit ihrer Figuren erzählt. Aber das geschah immer wie nebenbei. Zum Abschied schieben sich nun die aufgestauten Ungereimtheiten in den Vordergrund: Beziehungsstatus ungeklärt. Opfer ihrer GenerationEs ist ein Fest mitanzusehen, wie Nemec und Wachtveitl umeinander herumscharwenzeln, weil ihre ergrauten Ermittlerfiguren einfach nicht aussprechen können, was sie eigentlich voneinander wollen. In diesem Punkt sind Batic und Leitmayr Opfer ihrer Generation und ihrer Herkunft: 60-plus-Typen, die sich weigern, etwas über ihre Gefühle zu verraten, weil ihr Handeln angeblich für sich spricht. Tragikomisch, wie die beiden dann aneinander vorbei agieren, um den anderen bloß nicht zu nah kommen zu lassen. Etwa, als Batic keinen Schlafplatz für die Nacht hat und Leitmayr die ganze Zeit nur ängstlich fragt, ob er denn nun endlich seinen Koffer aus der Wohnung schaffen könne. So, als habe er panische Angst, der andere könnte doch auf seiner Couch schlafen wollen. Haben die beiden ewigen Junggesellen immer noch nicht begriffen, dass sie füreinander geschaffen worden sind? Wenn nicht von Gott, so doch von den Drehbuchautoren.Bloß nicht erschießen lassenWeil sie während der Ermittlung immer wieder herzige Begegnungen mit alten Weggefährten haben – selbst der Dackel Luki aus der Folge »Hackl« schwanzwedelt mehrmals durchs Bild –, dauert es allerdings, bis die beiden Männer sich selbst auf die Schliche kommen. Zwischenzeitlich sieht man, wie der gebürtige Kroate Batic in der alten Heimat am Piano in einer Strandbar attraktive Best-Agerinnen anflirtet – bis die von den Enkeln wieder in ihren Oma-Alltag zurückgeholt werden. Leitmayr schafft sich indes einen alten Porsche an, den er auf Vordermann zu bringen versucht. Vergeblich, natürlich. Zwischenzeitlich geraten die Kommissare immer wieder in gefährliche Gefechte. Batic sagt: »Wir könnten doch ausmachen, dass wir uns im letzten Fall nicht erschießen lassen.« Leitmayr antwortet in Anspielung auf die tödlichen »
Tatort«-Abgänge der vergangenen Jahre: »Das wäre wirklich ein arges Klischee.«Man kann sich während des Zuschauens allerdings nie sicher sein, dass es am Ende nicht doch fatal ausgeht, weil in der Vergangenheit auch in den heitersten
München-»Tatorten« die Hölle ausbrechen konnte. Wäre schon schrecklich, wenn Batic und Leitmayr gerade jetzt sterben würden, wo sie doch langsam erkennen, was sie aneinander haben. Bewertung: 7 von 10 PunktenLesen Sie hier das große Abschiedsinterview von
Miroslav Nemec und
Udo Wachtveitl Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version ist uns eine Bildunterschrift verrutscht, wir haben
Ferdinand Hofer nun richtig platziert. Boerne und Thiel in MünsterDer Prof und der Proll: Seit über 20 Jahren ermitteln und bekritteln einander Jan Josef Liefers als Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne und Axel Prahl als Frank Thiel zwischen Kartoffelkönigen und Mittelaltermärkten. Der eine Snob und eng verbandelt mit der Münsteraner Honoratiorenschaft, der andere St.-Pauli-Fan und Outsider. Eine Kombination, durch die in den besseren Momenten des Duos grotesker Humor in die Krimireihe geschmuggelt wird. Boerne und Thiel führen immer wieder mit großem Abstand die »
Tatort«-Quoten-Jahrescharts an. Ein Ende? Nicht in Sicht. Eisner und Fellner in WienDer doppelte Espresso: Seit 1999 ermittelt Harald Krassnitzer als Major Moritz Eisner mürrisch, praktisch, gut. An die 5000 Tassen Mokka und andere starke koffeinhaltige Getränke hat er seitdem in sich hineingeschüttet. Seit 2011 wird er von Adele Neuhauser als Bibi Fellner unterstützt, einer (meistens) trockenen Alkoholikerin mit Hang zur Halbwelt am Prater. Wien, düster und kalt wie ein abgestandener schwarzer Kaffee. 2014 gab es den Grimme-Preis. 2026 verabschiedet sich das Duo aus dem »
Tatort«. Falke und Schmitt von der BundespolizeiFür immer Punk: Wotan Wilke Möhring als Kommissar Falke hört Punk und trägt zum Schlafen wie zum Ermitteln oft ein Ramones-Shirt. Erst war er in Hamburg unterwegs, dann musste er Til Schweiger die Stadt überlassen und zog als Bundespolizist ins norddeutsche Umland ab. Kolleginnen kamen und gingen. Ab 2013 stand Petra Schmidt-Schaller als Katharina Lorenz an seiner Seite, danach ab 2016 Franziska Weisz als Julia Grosz, für eine Folge sogar Florence Kasumba als Anaïs Schmitz. Zukünftig löst er seine Fälle gemeinsam mit dem von Denis Moschitto verkörperten Cyber-Kriminalist Mario Schmitt. Karow und Bonard in BerlinSeit Frühjahr 2023 bilden sie ein Ermittlerpaar: In einer Doppelfolge über eine große politische Hauptstadtverschwörung arbeiten Kommissar Karow (Mark Waschke) und Polizeidozentin Bonard (Corinna Harfouch) zusammen. Zuvor war Karow sieben Jahre lang mit Kollegin Rubin (Meret Becker) in der Klubszene und Halbwelt von Berlin unterwegs gewesen. Doch auch mit dem aktuellen Duo ist bald Schluss: Harfouch gab bekannt, dass sie sich zum Jahr 2026 auch schon wieder aus dem Krimi verabschiedet. Winkler und Schnabel in DresdenLustig ging es los, unentschieden ging es weiter, düster ist es geworden. Der Dresden-»
Tatort« hatte schon viele Gesichter. Momentan steht das aktuelle Team um Cornelia Göschel und Martin Brambach meist für harte Copthriller vor der Kamera. Ex-Kollegin Karin Hanczewski hatte nach einigen lebensgefährlichen Einsätzen in der Rolle der Karin Gorniak ihr Engagement zum Februar 2025 gekündigt. Trotzdem soll es in Dresden bald als Trio weitergehen: Lilja van der Zwaag übernimmt zukünftig den Part der Kommissaranwärterin Milla Brandis. Moormann und Selb in BremenDa waren es nur noch zwei: Kaum war 2021 ein neues junges Ermittlertrio an der Weser an den Start gegangen, da machte auch schon einer der drei den Abgang und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Der dänische Schauspieler Dar Salim hatte offensichtlich ansprechendere internationale Drehverpflichtungen – jetzt ermitteln Jasna Fritzi Bauer und Luise Wolfram als Liv Moormann und Linda Selb als Duo weiter. Die eine hat eine Vergangenheit in der Sozialbausiedlung, die andere hat autistische Züge und kommt aus dem Bildungsbürgertum. Ballauf und Schenk in KölnDas Ehepaar: Klaus J. Behrendt als Max Ballauf und Dietmar Bär als Freddy Schenk standen lange für den guten alten Soziokrimi – kein Thema, das von den beiden nicht warmherzig wegermittelt und wegerklärt wurde. Schenk hat zu Hause eine Frau, die man noch nie gesehen hat. Aber mal ehrlich: Was kann die schon gegen seine große Liebe Ballauf ausrichten? Seit 1997 sind die beiden dabei, drei bis vier Fälle im Jahr. Seit 2018 schenkt ein gemütliches Kerlchen namens Jütte (Roland Riebeling) als Sidekick im Büro den Kaffee aus. 2021 stieß mit Kriminaltechnikerin Natalie Förster (Tinka Fürst) wieder eine weibliche Fachkraft zum Männerrevier dazu. Lannert und Bootz in StuttgartRichy Müller als Thorsten Lannert und Felix Klare als Sebastian Bootz sind prima Kerle. Der eine mit tragischer Undercover-Ermittler-Vergangenheit, der andere als ehrenhaft gescheiterter Ehemann. Seit 2008 sind sie im Einsatz, am Anfang wurden die Fälle noch arg routiniert runtergespielt. Doch die jüngsten Stuttgart-Episoden behandelten auf ästhetisch höchstem Niveau Aufregerthemen wie RAF-Geschichte, Pflegenotstand und alternative Bauprojekte. Batic und Leitmayr in MünchenSeit weit mehr als einem Vierteljahrhundert sind die beiden älteren Jungs jetzt schon im Einsatz – und immer noch gut für einen Skandal. Unvergessen: eine der jüngeren Episoden, in der Kommissar
Ivo Batic (
Miroslav Nemec, M.) und Kollege
Franz Leitmayr (
Udo Wachtveitl, l.) im Münchner Pornomilieu ermittelten. Aber auch der melancholische Surferkrimi mit Portugal-Impressionen und das brutal genaue Sittengemälde aus der Münchner Vorstadt waren Highlights. 2025 geht das Team in den Ruhestand, 2026 läuft die letzte Folge. Odenthal und Stern in LudwigshafenDie Dienstälteste: Seit 1989 ist Ulrike Folkerts (l.) als Kommissarin Lena Odenthal unterwegs, an die 80 Fälle liegen hinter ihr, an Rente denkt sie offenbar noch lange nicht. Seit 2014 steht ihr Lisa Bitter zur Seite, die ihre junge Kollegin Johanna Stern spielt. Aus dem Sidekick ist inzwischen eine vollwertige Partnerin geworden. Gute Entwicklung. An den Krimis muss aber wieder mehr geschraubt werden – die Mischung aus Action und Sozialpädagogik kommt doch oft sehr bemüht daher. Zuletzt versuchte man sich mit einer Wagner-Variation im Humorfach. Schürk und Hölzer in SaarbrückenDie neue Düsternis: Nachdem Devid Striesow als Kommissar Stellbrink eher glücklos versucht hatte, gute Laune im Saarland zu verbreiten, ist der Relaunch zum April 2020 im guten Sinne spaßbefreit geraten: Daniel Sträßer als Adam Schürk und Vladimir Burlakov als Leo Hölzer sind so geheimnisvolle wie grimmige Ermittler. Eines der wenigen TV-Reviere, in dem konsequent horizontal der Plot über verschiedene Folgen entwickelt wird. Da können oft nur »
Tatort«-Ultras folgen. Voss und Rathgeber in FrankenDer Verletzliche: Knapp zehn Jahre ermittelte Kriminalhauptkommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) gemeinsam mit der Kollegin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) in Nürnberg und Umgebung, doch nach zehn Fällen war Schluss. Nach einer aufreibenden Solo-Folge um einen gewalttätigen Spanner wird Darsteller Hinrichs zufünftig von der bayerischen Schauspielerin Rosalie Thomass in einer festen Rolle unterstützt. Sie wird die Kommissarin Emilia Rathgeber darstellen. Die erste gemeinsame Folge wird 2026 laufen. 16 / 20 Tschiller in HamburgThe Last Action Hero: Der zu Extrakonditionen engagierte Megastar Til Schweiger brachte der Krimireihe keine Megaquoten als Kommissar Tschiller. Auch nicht durch Panzerfaust- und Helene-Fischer-Einsatz. Nach an der Publikumsfront gescheiterten Action-Blockbuster-Versuchen zeigte die sechste Folge den Haudrauf dann – nicht uninteressant – als gebrochene Figur. Ob es noch einen weiteren Fall geben wird, ist noch nicht final geklärt. Ein Wiedersehen mit Tschiller rückt allerdings mit jedem Jahr weiter in die Ferne. 17 / 20 Berg und Tobler im SchwarzwaldEva Löbau als Franziska Tobler und Hans-Jochen Wagner als Friedemann Berg benötigen keine Dialogfanfaren oder exotischen Rollenbiografien. Sie verwerten, was dieser witterungsintensive Krimi-Schwarzwald hergibt. Ein Heimatkrimi, in dem alles lokal produziert wird: Obst, Schnaps, der Tod. Nach experimentelleren Folgen jeweils aus der Perspektive eines Schizophrenen, eines Sexualstraftäters und einer Prostituierten ging es zuletzt allzu beschaulich im Südwestrevier zu. Ott und Grandjean in ZürichDie eine stammt aus der High Society Zürichs, die andere arbeitete lange beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag: Seit 2020 sind Carol Schuler (r.) als Kommissarin Tessa Ott und Anna Pieri Zuercher als Kommissarin Isabelle Grandjean gemeinsam in der Schweiz unterwegs. Auch im Rest des Reviers dominiert ein weiblicher Cast. Nach einem starken Auftakt mit Punk-Soundtrack wird inzwischen eher Thriller-Stangenware geliefert. 19 / 20 Lindholm in HannoverDie Einsame: Seit 2002 ist Maria Furtwängler in der Rolle der Charlotte Lindholm in Niedersachsen unterwegs und hat etliche Häutungen durchgemacht: WG-Bewohnerin, Single-Mom, abenteurfreudige Einzelgängerin. Ein vierjähriges Zwischenspiel in Göttingen mit der Kommissariatskollegin Anaïs Schmitz (Florence Kasumba) war nicht von Erfolg gekrönt. Die beiden Frauen wurden nie recht warm miteinander. Jetzt ist Furtwängler als Lindholm wieder mutterseelenallein in Norddeutschland auf Tour. Klasnič und Faber in DortmundJörg Hartmann schluckte in den 14 Jahren als Kommissar Peter Faber reichlich Pillen und schlug schon viele Toiletten kaputt. Derweil hat er nach und nach sein ganzes Team verloren, wieder neu zusammengestellt und wieder verloren. Zur Zeit steht Hartmann Alessija Lause in der Rolle der Chefin der Mordkommission, Ira Klasnič, als Spielpartnerin zur Seite. Mal sehen, wie lange sie durchhält.