Auf dichtestem Raum lässt er mit größter Präzision die Tonfälle wechseln: auf der Opernbühne genauso wie im Lied. Heute wird der russische Bariton
Sergej Leiferkus achtzig Jahre alt.„Es stöhnt das Kind“ – „Stonjet rebjonok“ – beginnt das „Wiegenlied“ aus den „Liedern und Tänzen des Todes“ von
Modest Mussorgski. Wie stöhnen Kinder? Kinder, die im Fieber liegen? Hört man dem russischen Bariton
Sergej Leiferkus zu, der sämtliche Lieder Mussorgskis mit dem Pianisten
Semjon Skigin aufgenommen hat, so stöhnt das Kind matt, fast tonlos. Das Drama in seinem Stöhnen ist nicht laut. Leiferkus, der über eine mächtige, saalfüllende Stimme verfügt, malt hier eine Studie in Grau. Die Mutter wartet am Bett des fiebernden Kindes, und was wir in der Stimme des Sängers hören, ist die Verkörperung völliger Sinnlosigkeit menschlichen Handelns.Doch wenig später handelt die Stimme: Sie hüpft keck wie auf Zehenspitzen. Es ist der Tod, der sich wie eine holzschnittscharfe Karikatur des Bösen in einem Zeichentrickfilm der Tür nähert und klopft. Dem Erschrecken der Mutter gibt Leiferkus ein fast körperloses Hauchen. Der Tod beschwichtigt sie sofort, aber in Leiferkus’ Stimme liegt das schwartige Grinsen eines Gangsters, der durch Einschüchterung ruhigstellt. Man könnte diesen Tod als gütigen Erlöser zeichnen wie in Franz Schuberts „Der Tod und das Mädchen“. Aber Leiferkus macht etwas anderes: Dieser Tod ist zynisch in seiner Zärtlichkeit, manipulativ wie ein Geheimdienstoffizier. Und wo er „himmlischen Frieden“ verheißt, spricht ein genießerischer Nihilist.Mit Fünfzehn ging er in die FabrikIn der Dichte und Präzision der Tonwechsel zeigt sich die überragende Gestaltungskraft von
Sergej Leiferkus. Ein knappes Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs in
Leningrad geboren, wuchs er ohne seinen 1947 verstorbenen Vater
Pjotr Krischtab bei der Mutter
Galina Leiferkus auf. Fette Jahre werden das nicht gewesen sein; mit fünfzehn ging er in eine Fabrik, um Geld zu verdienen, sang aber auch im Universitätschor und fand mit
Maria Matwejewa eine Lehrerin, die schon den russischen Bass
Jewgeni Nesterenko, einen der größten Boris-Godunow-Darsteller der Musikgeschichte, unterrichtet hatte. Nach vielen Wettbewerbserfolgen und ersten Partien am
Maly Theater in
Leningrad holte ihn der Dirigent
Juri Temirkanow für die Partie des Andrej in Sergej Prokofjews „Krieg und Frieden“ ans Kirow-Theater, das heute wieder Mariinsky-Theater heißt. Wenig später folgten zu Beginn der Achtzigerjahre Debüts in Irland, Schottland und Frankreich, nach denen Leiferkus international in die erste Riege der Sänger für die großen Bariton-Partien besonders des italienischen und russischen Opernrepertoires aufstieg.Dass solch unterschiedliche Dirigenten wie der rhetorisch geschärfte Nikolaus Harnoncourt und der sinnlich schwelgende James Levine, der fiebrige Ekstatiker Valery Gergiev und der überlegte Klassizist Colin Davis mit Leiferkus arbeiten wollten, belegt, wie vielseitig und stilistisch anpassungsfähig der Sänger ist. Zugespitzte Artikulation, technische Souveränität in den Verzierungen, charakteristische, kontrastreiche Stimmfärbungen zeichnen seinen Gesang aus. Der Erfolg auf der Opernbühne tat der Genauigkeit und Intimität seiner Kunst im Lied, wie man sie auf Einspielungen, in Konzerten und bei Meisterkursen erleben konnte, keinen Abbruch. Ende des Jahres 2025 bewies er seine Vitalität in Rimski-Korsakows „Nacht vor Weihnachten“ an der Bayerischen Staatsoper. Am Karsamstag wird
Sergej Leiferkus achtzig.