Die Schwestern Lilli und
Mia Freischem treten im legendären Boat Race Oxford gegen Cambridge auf der Themse an – gegeneinander, jeweils für ihre Eliteuniversität. Nur im Geiste sitzen sie in einem Boot.Es gibt nur wenige Rivalitäten im englischen Sport, die so hitzig ausgefochten werden wie die Ruderbootregatta zwischen den Universitäten Oxford und Cambridge. Seit 1829 liefern sich die prestigereichen Hochschulen auf der Themse diesen ganz besonderen Wettstreit, seit 100 Jahren auch mit weiblicher Beteiligung.Passend zu diesem Jubiläum des Frauenrennens bieten die deutschen Schwestern Lilli und
Mia Freischem, die beim sogenannten Boat Race gegeneinander antreten werden, für ein Familienduell. Wenn man den Gegner sein Leben lang kennt, sich im selben Sport wiederfindet und für ein gemeinsames Ziel trainiert, dann wird ein legendäres Rennen zu einem einzigartigen Ereignis. Eines, in dem man gleichzeitig gewinnen und verlieren kann.„Es gab Judo, Schwimmen, Fußball“„Wir haben immer sehr ähnliche Leben gelebt, aber immer parallel“, sagt
Lilli Freischem der F.A.Z.: „Wir haben seit unserer Kindheit das gleiche Interesse an Sport gehabt und alles Mögliche ausprobiert, auch wenn es nicht immer dasselbe war. Es gab Judo, Schwimmen, Fußball. Aber ich muss sagen, dass ich keine Sportart gefunden habe, die mich so begeistert hat wie das Rudern.“Seit 2023 startet die 26 Jahre alte Physik-Doktorandin für Oxford. 2025 folgte der Aufstieg vom Reserveboot ins Hauptfeld, bei dem
Lilli Freischem und ihr Team allerdings der Konkurrenz aus dem Norden unterlagen. Die Bilanz zugunsten von Cambridge seit dem ersten Rennen der Frauen 1927: 49:30.
Lilli Freischem ist im anderen Boot für Oxford am Start.PA WireMia Freischem, die am Samstag (Start 15.21 Uhr MESZ) im ersten Team für Cambridge ihr Debüt gibt, will den Vorsprung ihrer Hochschule weiter ausbauen. Dabei ist die Medizinstudentin bei der Wahl des Sports nicht nur den Fußstapfen ihrer zwei Jahre älteren Schwester gefolgt, sondern machte aus der Not der Corona-Jahre, als während der Pandemie nur wenige Sportarten in England erlaubt waren, wie etwa das Rudern, eine Tugend.„Wir beide sind schon sehr verschieden, was das Rudern angeht. Ich komme auch aus dem Leichtgewichtsrudern. Das ist meine Stärke und Schwäche. Das heißt, ich war von Anfang an sehr technisch fokussiert, hatte aber weniger Kraft als Lilli“, sagt Mia, und ihre ältere Schwester fügt hinzu: „Ich war von vornherein eine der Stärksten, hatte den schnellsten Zwei-Kilometer-Test auf dem Ergometer aus unserer Anfänger-Rudergruppe. Ich hatte allerdings auch schon einen Trainer, der zu mir gesagt hat, ich solle nicht immer versuchen, so viel Kraft anzuwenden, sondern das ein bisschen entspannter und geschmeidiger angehen, um Verletzungen und Überlastung zu vermeiden.“„Wir rufen uns regelmäßig an“Mit dieser Mischung aus technischer Finesse und Explosivität wären die Schwestern im selben Boot ein beachtlicher Booster. Dabei sorgt gerade die Rivalität der beiden Universitäten dafür, dass die Schwestern sich zu Bestleistungen anspornen: „Wir trainieren in unseren jeweiligen Vereinen, aber dadurch, dass wir als Einzige in der Familie diesen Sport machen, sind wir von Anfang an das Ganze als eine Art Team angegangen“, sagt Lilli: „Wir rufen uns regelmäßig an, um über das Training zu sprechen, und motivieren uns gegenseitig. Ich glaube, wir haben es bis jetzt immer gut geschafft, uns eher als Inspiration und nicht als Konkurrenz zu sehen.“Am Ende des Tages, ergänzt Mia, konzentriere man sich zunächst darauf, sein schnellstes Rennen zu fahren – egal, ob man sich am Ende über den eigenen Sieg oder den der Schwester freuen könne. Der Rekord der Frauen liegt bei 18 Minuten und 23 Sekunden (Cambridge). Deren Wettkampf findet erst seit 2015 auch am selben Tag wie das Männerrennen auf dem 6,8 Kilometer langen Championship Course entlang der Themse in Westlondon statt.Ein Großereignis, zu dem mehr als 200.000 Zuschauer erwartet werden. „Ich glaube, wenn man in dieser englischen Kultur nicht aufgewachsen ist, dann ist es schwer, die Bedeutung dieses Rennens für die englische Kultur zu verstehen“, sagt Mia: „Und ich finde, wenn man mit manchen Leuten hier spricht, die damit aufgewachsen sind, die das als Kinder gesehen haben, deren Eltern oder Großeltern da mitgemacht haben, dann merkt man, wie viel Geschichte damit verbunden ist.“Die Teilnahme am „Boat Race“ ist für die Freischem-Schwestern mit vielen Herausforderungen und vor allem Opferbereitschaft verbunden. Neben der geforderten Leistung im Boot gilt es auch, den akademischen Ansprüchen einer Elitehochschule gerecht zu werden. Die wenige Zeit vor und nach den Lehrveranstaltungen ist für mehrere Trainingseinheiten reserviert.Vereinbarkeit von Sport und Studium„Es wird erwartet, dass man seinen Lehrplan neben dem Sport ohne Verzögerung absolviert“, sagt Lilli: „Jeder im Ruderteam muss lernen, wie man täglich sowohl Vollzeitstudent als auch Mitglied eines High-Performance-Sportprogramms ist.“ Diese Vereinbarkeit von Sport und Studium sei zwar enorm fordernd, funktioniere aber besonders gut, weil die Universitäten eng mit Vereinen vernetzt seien.So etwas wünschen sich die Schwestern auch in Deutschland: Die Universitäten seien zwar in ihren Lehrplänen flexibler, sodass beispielsweise die besten Athleten, etwa aus dem Nationalteam, neben dem Sport studieren könnten. Das erfolge aber oft nur nebenher, und ein Abschluss dauere dadurch länger. Auf der anderen Seite würden viele aus der breiteren Masse, die noch in der Schule Leistungssport betrieben haben, aus diesem herausgedrängt werden, weil sie sich eine lange Studienzeit schlicht nicht leisten können.Die Freischem-Schwestern haben nicht bereut, den Weg der doppelten Anstrengung, der akademischen und sportlichen Karriere eingeschlagen zu haben. Sie sind dankbar dafür, dass sie die Anforderungen in Sport und Studium gegenüber Stress und Druck resilienter gemacht haben. Wie sehr, das wird man vielleicht auch an diesem Samstag sehen. Eines ist schon sicher: Unter den Siegern des Prestigerennens wird der Name Freischem zu sehen sein.