Igor Levit ist als engagierter und gewissenhafter Künstler bekannt. In
Frankfurt nimmt er sich „ein ungemein destruktives Werk“ vor.Am 28. Januar dieses Jahres hat
Igor Levit im Deutschen Bundestag ein Nocturne gespielt, das die jüdische Pianistin
Josima Feldschuh 1940 im
Warschauer Ghetto komponiert hatte. Aus Anlass des
Holocaust-Gedenktags sprach die Überlebende
Tova Friedman im Parlament – auch vor den Abgeordneten der
AfD: „Dazusitzen, große Teile dieser Fraktion und die Gleichzeitigkeit einer
Holocaust-Überlebenden zu sehen, die gegen alles angeredet hat, was die vertreten“: Das sei, sagt der 1987 geborene Pianist, „die Realität, in der ich lebe“.Er habe aber auf die „gegenüberliegende Seite des Parlaments“ geschaut und erinnert sich an Abgeordnete der
Linkspartei, die zu spät gekommen seien und nach der Rede nicht applaudiert hätten. „Man sollte es sich nicht zu einfach machen“, findet Levit, der von sich sagt: „Ich bin Pianist, ich bin Künstler, ich bin Bürger dieses Landes: Wenn ich meinen Mund aufmachen will, werde ich das tun.“Am 18. April wird
Igor Levit in der Alten Oper
Frankfurt auftreten und das erste Klavierkonzert von
Johannes Brahms interpretieren, gemeinsam mit dem
Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia aus Rom. Das Sinfonieorchester, das zu den bedeutenden Klangkörpern Italiens zählt, ist regelmäßig in
Frankfurt zu Gast; nun beendet es dort eine kleine Frühjahrstournee durch Frankreich, Belgien und Deutschland.„Ein Gipfel der Klavierkonzert-Literatur“
Igor Levit gibt zu, dass das erste der beiden Klavierkonzerte von
Johannes Brahms als Tourneestück, das er innerhalb weniger Tage mehrmals aufführt, eine besondere Herausforderung bedeutet. „Es ist eigentlich zu viel für eine Tournee, es ist ein ungemein destruktives Werk, für die Hörer wie für den Spieler. Man muss 50 Minuten durchhalten.“ Aber es sei eben auch „ein Gipfel der Klavierkonzert-Literatur“, auch wenn es als früher Versuch des jungen Brahms gilt, sich der Gattung der Sinfonie zu nähern.„Es gibt Momente, in denen man das merkt, in denen das Klavier in das Orchester integriert ist.“ Die Musik von Brahms gehört zu den Repertoireschwerpunkten Levits, der es augenzwinkernd bedauert, nicht alle seine Werke aufführen zu können. „Ein deutsches Requiem“ nennt er im Besonderen und reagiert auf den Vorschlag, er könne doch, wie manche seiner Instrumentalkollegen, auch als Dirigent auftreten, klar ablehnend: „Wenn man das macht, sollte man es richtig machen.“Unterrichten als Aspekt einer jüdischen IdentitätIm Alter von acht Jahren kam
Igor Levit, der erste öffentliche Auftritte in seiner Geburtsstadt Nischni Nowgorod hatte, mit seiner Familie nach Deutschland. In Hannover wurde er unter anderem von dem bedeutenden Klavierpädagogen Karl-Heinz Kämmerling unterrichtet. Dort, an der Hochschule für Musik, Theater und Medien, hat er seit 2019 selbst eine Klavierprofessur inne. „Das Unterrichten ist ein ganz wichtiger Teil meines Jüdischseins, es ist zentraler Aspekt meiner jüdischen Identität – und ein ganz großer Teil meines Lebens.“ Er sei Tag und Nacht für seine Schüler da, sagt er.Der Bekannteste ist der gebürtige Wiener Lukas Sternath, der 2022 den ersten Preis beim renommierten ARD-Musikwettbewerb in München gewann und im vergangenen Jahr das Publikum des Rheingau Musik Festivals mit seinem Debüt in Schloss Johannisberg begeisterte. „Keinem der Pianisten, die zu mir kamen, musste ich das Klavierspielen erst beibringen.“ Seine künstlerischen Verbindungen nutzt er zugunsten seiner Studierenden gerne: Mert Yalniz, der auch komponiert und dirigiert, habe er mit dem Dirigenten Esa-Pekka Salonen zusammengebracht, der ebenfalls selbst komponiert. „Meine Aufgabe ist es, meine Schüler auf den Moment vorzubereiten, wenn sie aus der Hochschule hinaustreten.“ Er sage immer zu ihnen: „Ihr habt nicht unter Kontrolle, wie die Leute reagieren. Aber ihr habt unter Kontrolle, mit wem ihr euch umgebt.“Zur Musikbranche gehört auch die Musikkritik: „Ich lese Kritiken, ich nehme Texte sehr ernst, wenn jemand einen ernst zu nehmenden Standpunkt hat.“
Igor Levit hat sehr extreme journalistische Reaktionen erlebt. Eleonore Büning machte in der F.A.Z. schon früh empfehlend auf ihn aufmerksam, als er noch in Hannover studierte. Helmut Mauró dagegen veröffentlichte 2020 einen antisemitisch konnotierten Text in der Süddeutschen Zeitung, nach dessen Erscheinen die Chefredakteure Levit um Entschuldigung baten: „Einen unerfahrenen Musiker können solche Texte auch brechen.“Daher betrachtet er es als Teil seines Unterrichts, „realistisch auf die Branche zu schauen“. Auch sie ist Teil der Realität, in der
Igor Levit lebt. So wie das Arbeiten mit Musikern, die er schätzt – und zu denen der Dirigent und Musikdirektor des
Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia Daniel Harding, den er „so souverän, so frei“ nennt, ebenso gehört wie die Mitglieder „dieses wunderbaren Orchesters“ aus Rom. Es wird in der Alten Oper im Anschluss an das erste Brahms-Klavierkonzert die „Enigma-Variationen“ des britischen Komponisten Edward Elgar aufführen.
Igor Levit, 18. April, 20 Uhr,
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