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MON · 2026-04-06 · 08:20 GMTBRIEF NSR-2026-0406-54444
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NSR-2026-0406-54444Opinion·DE·Human Interest

Schach als Obsession: Über einen Anfall von Schachsucht in Mexiko

Der Artikel beschreibt die plötzliche Schachsucht des Autors während eines Auslandssemesters in Mexiko-Stadt im Frühjahr 1987. Er wollte in Mexiko ein Buch schreiben und sein Spanisch verbessern, doch stattdessen entwickelte er eine Obsession für Schach, nachdem er einen Schweizer Mitbewohner namens Jürg kennengelernt hatte.

Paul IngendaayFAZFiled 2026-04-06 · 08:20 GMTLean · Center-RightRead · 3 min
Schach als Obsession: Über einen Anfall von Schachsucht in Mexiko
FAZFIG 01
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Der Artikel beschreibt die plötzliche Schachsucht des Autors während eines Auslandssemesters in Mexiko-Stadt im Frühjahr 1987. Er wollte in Mexiko ein Buch schreiben und sein Spanisch verbessern, doch stattdessen entwickelte er eine Obsession für Schach, nachdem er einen Schweizer Mitbewohner namens Jürg kennengelernt hatte. Obwohl er anfangs wenig Schachkenntnisse besaß, lernte er schnell und spielte stundenlang mit Jürg. Der Autor erlebte während des Spiels körperliche Reaktionen wie Gänsehaut, Frieren und zitternde Hände, was er als eine Art Fieber beschreibt. Die Schachsucht trat unerwartet auf und verschwand später spurlos wieder.

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Article analysis

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Human Interest
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Mixed Tone
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Key claims

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The author sought out chess opponents at the Cafe of the Gandhi bookstore on Avenida de los Insurgentes.

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The author played chess with a Swiss man named Jürg in Mexico City.

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The author took a semester off in 1987 to write a book, improve his Spanish, and experience a different life in Mexico.

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The author developed a mysterious chess addiction in Mexico City.

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The author experienced physical symptoms like cold skin and trembling hands while playing chess.

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Full report

3 min read · 731 words
Kalte Haut und zitternde Hände: Die „Schachnovelle“ von Stefan Zweig hilft auch nicht, es zu verstehen. Mich packte vor vielen Jahren eine rätselhafte Schachsucht – und verschwand spurlos wieder.Im Frühjahr 1987 nahm ich mir ein Freisemester, um in Mexiko ein Buch zu schreiben, mein Spanisch zu verbessern und eine andere Art Leben auszuprobieren, als es die Münchener Universität zu bieten hatte. Das Buch, ein Roman, wurde in den folgenden vier Monaten nur halb geschrieben; das Spanische machte schöne Fortschritte; doch das „andere Leben“ nahm schon nach wenigen Tagen eine Form an, die ich nicht vorausgesehen hatte und dessen genauere Beschaffenheit mir auch jetzt, fast vierzig Jahre später, wie ein merkwürdiger, nicht zu entschlüsselnder Traum vorkommt.In unserem hübschen Mietshaus in Mexiko-stadt" class="entity-link entity-location" data-entity-id="75586" data-entity-type="location">Mexiko-Stadt im Stadtteil Coyoacán lernte ich schon in den ersten Tagen einen bärtigen Schweizer kennen, der die Wohnung mit seiner mexikanischen Freundin teilte. Jürg war ein begeisterter Schachspieler. Eines Tages kam er mit Schachbrett und Schachfiguren in unsere Wohnung hinunter und fragte, ob ich Lust hätte, eine Partie zu spielen. Warum nicht, dachte ich, auch wenn ich außer den Regeln nicht viel wusste. Unerfahrene Spieler bezeichnen sich ja gern als Nieten, und im Allgemeinen haben sie damit recht.Im reinen Präsens des SchachspielsAus Gründen, die ich nicht mehr rekonstruieren kann, lernte ich aber ungewöhnlich schnell dazu, und bald war der Ausgang der Partien zwischen Jürg und mir völlig offen. Wir nahmen das Schachspiel ähnlich ernst, wir verbissen uns in unsere Partien. Woher dieser Ernst kam und wo er sich all die Jahre über versteckt hatte, weiß ich ebenso wenig wie die meisten anderen Dinge, die mir mein damaliges Verhalten erklären könnten. Denn innerhalb weniger Tage hatte mich die Schachsucht ergriffen, ich finde kein anderes Wort dafür. Sobald Jürg das Brett aufgebaut hatte, bekam ich eine Gänsehaut, und ich musste mir einen Pullover holen, um nicht zu frieren.Wir spielten zwei oder drei Stunden, manchmal auch länger. Vielleicht war Jürg ja so süchtig wie ich und hatte es mir nur nicht verraten? Während er über seinen nächsten Zug grübelte, beobachtete ich seine körperlichen Reaktionen, entdeckte aber nichts Auffälliges. Der Auffällige war allein ich: auf kalte Weise entzündet – wenn das Endspiel näher rückte, begann ich zu frieren und spürte ein Zittern in den Händen –, von einem sonderbaren Fieber gepackt und so auf das Brett und die Figuren fixiert, dass ich an nichts anderes denken konnte, Essen und Trinken vergaß und im reinen Präsens des Schachspiels lebte. Das spanische Wort für Schach, „ajedrez“, verrät noch den arabischen Einfluss auf das Spiel aller Spiele.Was wusste Stefan Zweig vom Schach?Bald war es mir zu wenig, auf die Duelle mit Jürg zu warten. An manchen Nachmittagen nahm ich ein Sammeltaxi, fuhr ins legendäre Café der Buchhandlung Gandhi auf der endlosen Avenida de los Insurgentes und suchte dort nach Gegnern. Ich fand sie immer, die Mexikaner sind begeisterte Schachspieler. Meistens waren meine Partner stärker als ich, aber das war egal. Ich brauchte ja Kontrahenten, um von ihnen zu lernen, und wenn es mir gelang, vielleicht eine Partie zu gewinnen, fühlte ich mich auf meinem Weg bestätigt, obwohl das Gewinnen in meinen Augen völlig zweitrangig war. Ich wollte das Spiel verstehen, seine Geheimnisse ergründen, das Handwerk des Schachspiels beherrschen, so wie es ganz offensichtlich mich beherrschte. Es dauerte nicht lange, und ich begann, berühmte Partien früherer Jahrzehnte nachzuspielen. Wirklich gut wurde ich nie, mein Kopf ist nicht dafür gemacht. Ich fand es rätselhaft, dass die Beschränktheit meines Spiels nichts an der in Mexiko erblühten Obsession änderte.Fieberträume haben keine Struktur. Meine damalige Schachbesessenheit allerdings hat in der Erinnerung über all die Jahre hinweg eine erklärungslose, übergenaue Bildkraft bewahrt, als sähe ich eine Figur außerhalb meiner selbst in einem Film. Eines Tages fuhr ich in jenen Monaten ins Goethe-Institut von Mexiko-stadt" class="entity-link entity-location" data-entity-id="75586" data-entity-type="location">Mexiko-Stadt, um noch einmal Stefan Zweigs „Schachnovelle“ zu lesen, aber was hatte das Schicksal eines Gefolterten, der sich in das Schachdenken stürzt wie in eine zweite, diesmal freiwillige Haft, mit meinem eigenen Schachspiel zu tun? Nichts. Nicht das Geringste, wenn man von Herzklopfen und gewissen Erregungszuständen absieht. So war es, und so blieb es.Nach gut vier Monaten war der mexikanische Aufenthalt zu Ende. Meine Schachleidenschaft erlosch, sobald ich wieder in Deutschland war, und das Schachbrett hat mich nie wieder gereizt. Nur wenn ich anderen zuhöre, wie sie von den kalten Dramen dieses Spiels erzählen, erinnere ich mich an den jungen Mann von damals, der im Griff einer bis heute unerklärlichen Krankheit war.
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Entities

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Keywords & salience

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schachsucht
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schach
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schachspiel
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Topic connections

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