Die Mehrheit der Unternehmen misstraut der Politik, das Gesundheitswesen auf Vordermann zu bringen. Den hohen Krankenstand sehen sie als großes Problem, zeigt eine
Forsa-Umfrage, die der F.A.Z. exklusiv vorliegt.Eine große Mehrheit der Führungskräfte deutscher Unternehmen traut der Politik nicht zu, das teure Gesundheitswesen zu reformieren. In einer noch unveröffentlichten Erhebung unter mehr als 1000 Führungskräften waren 86 Prozent der Befragten überzeugt, dass es der
Bundesregierung nicht gelingen werde, in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) „in dieser Legislaturperiode grundlegende Reformen voranzubringen“. Im Osten Deutschlands, wo im September in
Sachsen-Anhalt,
Mecklenburg-Vorpommern und
Berlin neue Landtage gewählt werden, sind die Zweifel noch größer.Die Skepsis ist bedeutsam, weil Bundesgesundheitsministerin
Nina Warken (
CDU) baldige Reformen angekündigt hat und um Unterstützung wirbt. Ihre Pläne beziehen sich unter anderem auf die Primär- und Notfallversorgung sowie darauf, die Beitragssätze zur Krankenversicherung stabil zu halten. Dazu hatte die von der
Bundesregierung eingesetzte „Finanzkommission Gesundheit“ in der vergangenen Woche ein milliardenschweres Sparprogramm für die Jahre von 2027 bis 2030 vorgelegt.Die
Forsa-Umfrage zur Gesundheitspolitik, die der F.A.Z. exklusiv vorliegt, hat die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) in Auftrag gegeben. „Das Vertrauen der Unternehmer in die Reformfähigkeit der Politik ist gering“, sagte BDA-Präsident
Rainer Dulger der F.A.Z. „Das sollte die
Bundesregierung als ernstes Warnsignal verstehen: Jetzt braucht es eine tiefgreifende, strukturell wirksame und kostendämpfende Reform des Gesundheitswesens.“Krankschreibungen als großer AufregerFür das „BDA-Arbeitgeberbarometer“ zur Gesundheitspolitik hat
Forsa im Februar und März die Führungskräfte von 1001 privaten Unternehmen mit mindestens zehn Mitarbeitern telefonisch oder online befragt. Die Umfrage ist repräsentativ. Nur fünf Prozent der Befragten halten die gesetzliche Krankenversicherung für finanziell gut aufgestellt. Elf Prozent befürworten kleine Veränderungen, 79 Prozent verlangen grundlegende Reformen, in Ostdeutschland sind es sogar 83 Prozent. Am stärksten kommt die Forderung nach Reformen aus Unternehmen mit 50 bis 249 Mitarbeitern.Viel Unmut unter den Arbeitgebern erregt gemäß der Umfrage das Thema Krankschreibungen. 41 Prozent der Umfrageteilnehmer hatten nach eigener Auskunft im vergangenen Jahr „große oder sehr große Probleme aufgrund krankheitsbedingter Ausfälle von Beschäftigten“. In mittelgroßen und großen Unternehmen sagte das eine Mehrheit der Führungskräfte. In Unternehmen mit 250 und mehr Mitarbeitern äußerten sich 62 Prozent entsprechend. Sortiert nach Branchen, sind das Verarbeitende Gewerbe sowie das Gesundheit- und Sozialwesen am stärksten von Krankschreibungen betroffen.Nur sechs Prozent der Befragten erklärten, dass die Quote der Krankgeschriebenen sich seit 2019, dem Jahr vor der Corona-Pandemie, verringert habe. 44 Prozent sagten, sie sei gestiegen; für 48 Prozent hat sich nichts verändert. Die Erfahrungen mit Krankschreibungen am Telefon oder online sind durchwachsen. Jeder sechste Betrieb – 15 Prozent – gibt an, mit diesen Meldeverfahren Betrugsversuche erlebt zu haben. In großen Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern sowie im Gastgewerbe ist der Anteil größer als ein Viertel. Am geringsten ist er im Baugewerbe mit neun Prozent.Mehrheit gegen telefonische KrankschreibungSehr eindeutig ist das Votum gegen die telefonische Krankschreibung. 63 Prozent der Antwort gebenden Führungskräfte sprechen sich für die Abschaffung aus. Im Baugewerbe, im Handel sowie in Fahrzeugwerkstätten lehnten rund 75 Prozent der Befragten die fernmündliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab. Im Verarbeitenden Gewerbe sind es 70 Prozent.„Hohe Krankenstände belasten die Unternehmen erheblich, sie dämpfen die Produktivität und schwächen die Wettbewerbsfähigkeit“, sagte Arbeitgeberpräsident Dulger. „Wir brauchen verlässliche und weniger missbrauchsanfällige Verfahren zur Feststellung von Arbeitsunfähigkeit.“ Solche Instrumente müssten „dem hohen Beweiswert der ärztlichen Bescheinigung entsprechen“, sagte Dulger. „Die telefonische Krankschreibung passt nicht dazu und sollte daher abgeschafft werden.“Mit 52 Prozent etwas mehr als die Hälfte der Unternehmen spricht sich in der Umfrage dafür aus, dass für den ersten Tag der Krankmeldung kein Gehalt mehr gezahlt werden sollte. Sie wünschen einen Karenztag, sodass Arbeitnehmer für den ersten Krankheitstag keine Lohnfortzahlung erhalten. Im Handel und in Kraftfahrzeugwerkstätten befürworten 62 Prozent diese Einschränkung. In der Industrie sind es 58 Prozent. Dulger: „Ausgaben dürfen nicht schneller steigen als die Einnahmen“Gesetzliche Karenztage ohne Lohnzahlung hat es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben. 1996 ermöglichte die
Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl (
CDU), dass statt 100 nur noch 80 Prozent des Lohns weitergezahlt wurden. Die Politik reagierte damals auf Forderungen der Arbeitgeber, die diese Möglichkeit dann kaum nutzten. Nach heftigen Protesten unter anderem der Gewerkschaften akzeptierten die Arbeitgeber, das die 100 Prozent in Tarifverträgen festgeschrieben wurden. Seit dieser Erfahrung steht die Union einer Neuauflage von Karenztagen skeptisch gegenüber.Dulger will die Debatte wieder beleben und sagte: „Über einen möglichen Karenztag muss offen, sachlich und ohne Scheuklappen gesprochen werden.“ Zu kritisieren sei ferner, dass die steigenden Ausgaben für Gesundheit und Pflege die Sozialversicherungsbeiträge nach oben trieben. „Ein Ausgabenmoratorium ist überfällig: Die Ausgaben dürfen nicht schneller steigen als die Einnahmen, alles andere frustriert Arbeitnehmer und Arbeitgeber und macht den Standort für Investoren zunehmend unattraktiv.“Zur Stabilisierung der Beitragssätze und für eine bessere Versorgung fordert der oberste Arbeitgebervertreter weniger Bürokratie und mehr Digitalisierung. „Mit klugen Reformen lässt sich beides erreichen.“ Die Finanzkommission Gesundheit habe hierfür wichtige Ansätze vorgelegt. Daraus hätten Union und SPD jetzt ein schlüssiges Gesamtpaket zu entwickeln. „Ziel müssen sinkende Sozialbeiträge sein, auch bei Pflege und Rente“, sagte der BDA-Präsident. „Alles andere wäre zu kurz gesprungen.“Dulger hat dabei nicht nur die Interessen der Unternehmen und Arbeitnehmer, sondern auch der Patienten im Auge. „Die gesetzliche Krankenversicherung ist für viele Versicherte ein schlechtes Geschäft. Sie kostet sehr viel, doch die Qualität hält damit nicht Schritt“, sagte er: „Würde man im privaten Leben viel Geld für etwas ausgeben, das nur Durchschnitt liefert, würde man es überdenken: Genau an diesem Punkt steht unser Gesundheitssystem.“