Unter
Urs Fischer klettert
Mainz 05 in der Tabelle immer weiter nach oben und dürfte mit dem Abstieg kaum noch etwas zu tun haben. Wie ist es ihm gelungen, eine unsichere Mannschaft zu stabilisieren?
Daniel Batz, der Torwart, mochte gar nicht mehr aufhören, vor dem Fanblock zu tanzen. Noch im Rückwärtsgang auf dem Weg in die Kabine hüpfte er von einem Bein auf das andere. Die rund 4500 mitgereisten Anhänger waren begeistert, und im „Sky“-Studio erklärten sie den Abstiegskampf des FSV
Mainz 05 für erfolgreich beendet.
Urs Fischer hingegen betrachtete die Lage seiner Mannschaft bei aller Freude über das 2:1 bei der
TSG Hoffenheim mit mathematischer Nüchternheit. „Ich bleibe bei meiner Aussage, dass es bis zum Schluss spannend bleibt“, bekräftigte der Trainer der Rheinhessen, was er seit seinem Amtsantritt Mitte Dezember des Öfteren wiederholt hatte. „Oder ist es rechnerisch nicht mehr möglich, dass wir absteigen?“Betrachtet man die nackten Zahlen, hat Fischer das Saisonziel mit den 05ern noch nicht erreicht. Auch nicht nach sechs Bundesligaspielen ohne Niederlage hintereinander und drei Siegen in Serie. Doch das „Aber“ lässt angesichts der Entwicklung nicht lange auf sich warten: Die Entwicklung spricht für die Mainzer, die Resultate der Konkurrenz am Osterwochenende spielten ihnen zusätzlich in die Karten. Das Team, das Fischer auf dem letzten Tabellenplatz mit sechs Punkten übernommen hatte, weist mittlerweile acht Zähler Vorsprung vor dem Relegationsrang des
FC St. Pauli und zwölf vor dem dahinter platzierten
VfL Wolfsburg auf.Kein „Ausspielen gegen das, was vorher war“Sechs Spieltage stehen noch aus, und „Fußball kann manchmal brutal sein“, sagte Fischer. „Momentan ist das nötige Spielglück auf unserer Seite, aber wir dürfen den Fokus nicht verlieren.“ Fakt ist allerdings, dass gleich sieben Konkurrenten an den auf den neunten Tabellenplatz vorgerückten Mainzern vorbeziehen müssten, um sie in eine Saisonverlängerung zu zwingen. Sehr wahrscheinlich ist das nicht. Fischer wird die 05er retten, wie es 2021
Bo Svensson und 2024
Bo Henriksen taten. Doch solange seine Mannschaft nicht definitiv gesichert ist, wird er alle Versuche abwehren, sich auf den Schild der Begeisterung heben zu lassen. Alles andere entspräche nicht seinem Naturell.Im Sommer vorigen Jahres hatten die Mainzer
Jonathan Burkardt an die Frankfurter Eintracht verloren. Als Fischer zwei Spieltage vor der Winterpause die Nachfolge von Henriksen antrat, hatte die Mannschaft obendrein längst ihre Struktur eingebüßt. Da stand keine Einheit mehr auf dem Platz, kein kompaktes Gefüge, sondern nur eine Ansammlung einzelner Spieler, die nicht mehr so recht zu wissen schienen, was sie tun sollten.Das Team, das sich im Frühjahr noch für die Conference League qualifiziert hatte und dort zumindest ordentliche Ergebnisse ablieferte, mutierte in der Bundesliga mehr und mehr zu einer Trümmertruppe.Fischers Mission mochte manch einem wie ein Himmelfahrtskommando erscheinen, doch der neue Mann ging die Aufgabe an, ohne über den damaligen Istzustand zu lamentieren. Bis heute hat der Schweizer kein schlechtes Wort über die eineinhalb Jahre erfolgreiche, danach aber abgesackte Arbeit seines Vorgängers verloren. Nicht mal über die größten Fortschritte der Mannschaft unter seiner Ägide mag er reden: „Ich mache das nicht gerne. Für mich ist das so ein bisschen Ausspielen gegen das, was vorher war.“Punktgewinn gleich im ersten Spiel gegen BayernAus eigener Erfahrung wisse er, wie es ist, wenn es von heute auf morgen nicht mehr läuft. Union Berlin hatte er aus der zweiten in die erste Liga geführt, dem Klassenverbleib folgten die Qualifikationen für die Conference League, die Europa League, die Champions League gar. Und dann ging nichts mehr.„14 Spiele mit einem Unentschieden und 13 Niederlagen“, erinnerte Fischer an die trübe Bilanz seiner letzten Monate in Köpenick. „Man versucht, etwas zu drehen, vielleicht versucht man zu viel, und es gelingt einem nicht.“ Am Bruchweg lagen die Dinge vermutlich etwas anders als an der Alten Försterei, wo Fischer fünfeinhalb Jahre lang tätig war. Hingegen wirkte Henriksens Fähigkeit, Spieler, Fans und selbst die Journalisten mit seinen Motivationsreden zu begeistern, nach knapp anderthalb Jahren und mit ausbleibenden Erfolgen wie ein feucht gewordenes Tischfeuerwerk.Fischers erste Aufgabe bestand nicht darin, neue Wunderkerzen zu entfachen, sondern den verunsicherten Kader zu stabilisieren. Das gelang ihm bemerkenswert schnell: In ihrem ersten Bundesligaspiel unter dem neuen Mann trotzten die Rheinhessen dem FC Bayern in dessen Arena ein 2:2 ab.Nach dem unter Dauerstrom stehenden Henriksen strahlte und strahlt Fischer Ruhe aus. Manch einem mag er bedächtig erscheinen, aber genau deshalb hatten Sportvorstand Christian Heidel und Sportdirektor Niko Bungert sich – neben der sportlichen Expertise, die unter anderem in der Systemumstellung auf ein 5-3-2 ihren Niederschlag fand – für den Schweizer entschieden. Sie wollten einen Kontrapunkt zum Dänen setzen, dem Kader eine ganz neue Ansprache gönnen.Dass dieser Kader in der Winterpause vier Verstärkungen erfuhr, unterstützte Fischers Arbeit selbstredend, auf zusätzliches Personal in Offensive wie Defensive hatte der Trainer in den Vertragsverhandlungen gedrängt. Ins Werben um Sheraldo Becker, der einst fünf Jahre in Berlin unter Fischer gespielt hatte, schaltete er sich persönlich ein. Ohne die Akribie aber, mit der das Trainerteam arbeitet, wäre der Aufschwung trotz der Zugänge nicht möglich gewesen. Nicht zuletzt die dank Ko-Trainer Markus Hoffmann wiederentdeckte Standardstärke zeugt davon. Alle Infos zum Spiel