Die Werte für Feinstaub und Stickoxid sind 2025 an fast allen hessischen Messstationen gestiegen. Vor allem in den Großstädten wird der strengere EU-Grenzwert überschritten, der von 2030 an gilt.Kein Wind, kein Regen und lang anhaltende Schönwetterperioden mit viel Sonnenschein. Das Frühjahr des vergangenen Jahres hat Sonnenhungrige begeistert. Der Luftqualität hat es nicht gutgetan. Wie das
Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) in der Bilanz zur Luftqualität in Hessen 2025 mitteilt, sind die Belastungen an Feinstaub und Stickoxid im ersten Quartal so hoch gewesen, dass die Schadstoffkonzentration im Jahresmittel fast an allen Messstationen zugenommen hat. Vor allem in den hessischen Großstädten haben damit die Werte deutlich über den strengeren Vorgaben gelegen, die von 2030 an in der EU gelten werden.Allein der neue Grenzwert für Stickoxid, der künftig im Jahresmittel nur noch bei 20 statt der bisher 40 Mikrogramm je Kubikmeter Luft liegt, ist im vergangenen Jahr in Hessen an 29 städtischen Messstationen überschritten worden. Damit rücken altvertraute Straßenannahmen wie die Friedberger Landstraße in
Frankfurt, die Hügelstraße in
Darmstadt oder die Straße An der Ringkirche in
Wiesbaden wieder in den Mittelpunkt, deren Messstellen seit mehr als 15 Jahren die Diskussion über zu hohe Feinstaub- und Stickoxid-Konzentrationen mitbestimmen.Austauscharme Wetterlage als UrsacheUrsache für die im vergangenen Jahr noch einmal leicht gestiegenen Werte ist laut Landesamt das Wetter. Die länger anhaltende sogenannte austauscharme Wetterlage mit hohen Temperaturen und Trockenheit hatte im Frühjahr für stärkere Emissionen gesorgt und gleichzeitig verhindert, dass die Schadstoffe abtransportiert wurden.Die höhere Feinstaubbelastung ist nach Angaben des Landesamts allerdings nicht allein in Hessen verursacht worden. Es sei zusätzlich Feinstaub über die Landesgrenze hinweg auch nach Hessen geweht worden. In ganz Deutschland und darüber hinaus sei der Feinstaubgehalt gestiegen. Besonders hohe Konzentrationen wurden in
Kassel und
Limburg registriert.Doch auch ohne die Wetterkapriolen des vergangenen Jahres liegen insbesondere die Stickoxidwerte in den hessischen Großstädten noch weit entfernt von dem Ziel, das die EU vorschreibt. „Die von 2030 geltenden Grenzwerte sind deutlich strenger als die bisher gültigen“, teilt das Landesamt mit und sieht „weiteren Handlungsbedarf“, um diese künftig auch bei ungünstigen Witterungsbedingungen einzuhalten. Geringere Emissionen aus privaten Holzöfen und Kaminen könnten nach Ansicht des Amtes für Entlastung bei der Feinstaubbelastung sorgen, weniger Autoverkehr und mehr Elektrofahrzeuge die Stickoxid-Belastung senken. Stickoxid wird durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe, den Verkehr und dabei insbesondere von Dieselkraftstoff verursacht.Bleibt es auch in diesem Jahr bei den zu hohen Belastungen, muss das Land Hessen handeln. Zu hoffen, dass die Grenzwerte erst 2030 gelten und sich das Problem der Stickoxidbelastung durch mehr E-Autos bis dahin von selbst löst, halten Fachleute für unrealistisch. Jahresmittelwerte von 30 Mikrogramm je Kubikmeter Luft und mehr verringerten sich nicht in relativ kurzer Zeit allein durch die Zusammensetzung der Autoflotte, heißt es.Luftreinhaltefahrpläne werden PflichtUnd die EU hat gelernt. Ihre neue Luftqualitätsrichtlinie, die seit Ende 2024 in Kraft ist, beinhaltet anders als ihre Vorgängerin eine frühzeitige Handlungsverpflichtung für die Länder. Das bedeutet, bis Ende 2027 müssen sogenannte Luftreinhaltefahrpläne erarbeitet werden, sollten auch 2026 die künftigen Grenzwerte überschritten werden. Darin müsste das Land Hessen genau darlegen, wie in
Frankfurt,
Wiesbaden,
Darmstadt, Offenbach und
Kassel, aber auch in Gießen, Marburg,
Limburg und in Rüsselsheim der Stickoxid-Grenzwert im Jahr 2030 erreicht werden könnte.Zur Erinnerung: Die vorherige Luftqualitätsrichtlinie aus dem Jahr 1999 sah einen Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm vor, der eigentlich von 2010 an galt. Doch erst 2024 wurde er erstmals flächendeckend in Deutschland eingehalten. In hessischen Städten wurde das Ziel 2021 erreicht. Vorausgegangen war Klagen und in der Folge von Gerichten angedrohte Fahrverbote für ältere Benziner und Dieselfahrzeuge etwa in
Frankfurt,
Darmstadt und
Wiesbaden. Gleichzeitig wurde aber auch der Dieselskandal aufgedeckt, die systematische Manipulation von Abgasmessungen an den Fahrzeugen durch die Autohersteller.Grund für die EU, sich noch einmal mit den Grenzwerten für Luftschadstoffe zu beschäftigen, ist eine neue Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Danach müsste der Stickoxidgrenzwert bei nur zehn Mikrogramm je Kubikmeter Luft liegen. Für Feinstaub wird auf Drängen der WHO ein neuer Tagesmittelwert für die gefährlicheren Kleinstpartikel eingeführt.Das Ziel von WHO und EU ist es, die Gesundheit der Menschen in den Blick zu nehmen. Laut Europäischer Umweltagentur sterben jedes Jahr Tausende an den Folgen von Feinstaubbelastung und anderen Luftverschmutzungen, etwa durch Stickoxid. Die Deutsche Umwelthilfe hat aus den Daten der Agentur errechnet, dass es in Deutschland zuletzt 70.000 Todesfälle in der Folge von zu hoher Feinstaubbelastung und den damit verbundenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen gab und mehr als 28.000 Menschen durch Stickoxid und andere Luftschadstoffe starben.