Liebe heißt auf Hindi Pyaar. Das Wort gibt es also in der meistgesprochenen Sprache Indiens, es wird auch durchaus verwendet. Es kommt in romantischen Liedern vor, in Film- und Buchtiteln, in Gesprächen. Und schon daran konnte
Ayra früh erkennen, dass diese verdruckste Art, mit der ihre Eltern das Gefühl zwischen zwei Menschen behandelten, nicht viel mit der Wahrheit zu tun hatte. Aber ihre Eltern redeten einfach nicht darüber. „Liebe ist ein Fremdwort in unserer Familie“, sagt
Ayra, „ein Tabu.“ Es sei vorgekommen, dass die Eltern den Fernseher ausmachten, wenn sich in einer Serie zwei Menschen zu nahekamen. Und als ihre Mutter feststellte, dass
Ayra in der Schule einen Freund hatte, gab es Ohrfeigen.
Ayra macht eine Bewegung mit der flachen Hand. „Ich durfte nicht mit Jungen reden.“Bis sie 24 war, sei das so weitergegangen. Heiraten sollte sie einen Mann mit passendem Profil, also grob gesagt einen umgänglichen
Hindu aus guten Verhältnissen, nicht unbedingt eine Person, mit der sie eine tiefe Zuneigung verbindet. Und so ist es bis heute.
Ayra ist Anfang 30, Fremdsprachenlehrerin, lebt allein in einer Wohnung in
Delhi. Und seit sieben Jahren ist sie mit einem Mann zusammen, den sie zwar liebt, aber vor ihren Eltern geheim halten muss. Denn
Ahmad ist
Muslim. Ayras hinduistische Familie würde ihn niemals akzeptieren.
Ayra heißt in Wirklichkeit nicht
Ayra und
Ahmad nicht
Ahmad. Ihre Geschichte erzählt
Ayra, weil man im Ausland verstehen soll, was es bedeutet, aus einem Land zu stammen, in dem arrangierte Ehen ein Grundpfeiler des nationalen Liebeslebens sind. Aber unter keinen Umständen darf ihre Familie sie in dieser Geschichte wiedererkennen.
Ayra erinnert sich noch, wie ihre Familie etwas mitbekam von der Beziehung mit
Ahmad, vor fünf Jahren war das. „Das war großes Chaos“, sagt
Ayra, „sie haben mein Telefon konfisziert und mich mit CCTV-Kameras überwacht.“ Erst als sie den Belehrungen der Verwandtschaft zu ihrer Beziehung nicht mehr widersprach, legte sich die Aufregung. „Sie glauben, dass wir uns getrennt haben“, sagt
Ayra. Und so muss es vorerst bleiben.Denn der arrangierte Lebensbund ist eine indische Wirklichkeit, die im Riesenland kaum jemand wirklich infrage stellt. Natürlich, immer wieder gibt es Konflikte zwischen Verliebten und Verfechtern der Vernunftehe.
Ayra ist nicht ganz allein mit ihrem Problem. Erst im Februar machte eine 25-jährige Frau aus
Auraiya im Bundesstaat
Uttar-Pradesh weltweit Schlagzeilen, weil sie ihrer vereinbarten Hochzeit entgehen wollte und mit ihrem eigentlichen Geliebten Reißaus nahm. Zur Ablenkung ließ sie eine 1,50 Meter lange Schlangenhaut zurück. Ihre abergläubische Familie und das ganze Dorf dachten prompt, die Tochter habe sich in eine Schlange verwandelt. Der zuständige Polizeichef beruhigte die Aufregung mit der nüchternen Feststellung: „Keine Verwandlung hat stattgefunden.“Nicht selten enden arrangierte Ehen in einer TragödieAndere Fälle enden als Tragödie, vor allem auf dem Land: Suizide von verzweifelten Frauen kommen vor, tödliche Streits nach Ehen, die trotz Arrangements nicht funktionierten, sogar Gewalt gegen Bräute, um eine höhere Mitgift zu erpressen.Aber solche Einzelfälle können nicht davon ablenken, dass sehr viele Menschen in Indien das Konzept Plan-Ehe unterstützen. Zum Beispiel in Ayras Familie, die als typische Großfamilie unter einem Dach in einer kleinen Stadt des Bundesstaates Haryana lebt. Ayras Eltern wohnen dort mit Onkel und Tanten, Geschwistern, Cousins und Cousinen sowie deren Kindern.
Ayra ist die Einzige, die nach
Delhi gegangen ist, und alle außer
Ayra sind verheiratet. Bei allen half die Familie, die passende Person zum Heiraten zu finden, niemand suchte beim freien Daten das Glück. Und so wie
Ayra es wahrnimmt, glaubt auch niemand in ihrer Verwandtschaft, dadurch etwas verpasst zu haben. Im Gegenteil: Weil
Ayra nicht verheiratet ist, wird sie von den anderen oft gehänselt, wenn sie mal wieder zu Hause ist. Sie versucht dann, sich nichts anmerken zu lassen.Sie habe einfach nicht den Mut, den anderen zu erklären, was sie wirklich will, sagt sie. „Und in mir ist auch ein Gefühl von Schuld.“ Immerhin haben ihre Eltern sie doch großgezogen und bekommen jetzt einfach nicht den Schwiegersohn, den sie sich wünschen.Eine Umfrage der Lok Foundation und der Universität Oxford unter 160 000 indischen Haushalten ergab 2018, dass 93 Prozent aller Ehen in Indien arrangiert sind. Und Gourav Rakshit kann bestätigen, dass die Liebesheirat seither zwar etwas aufgeholt hat, aber immer noch weit zurückliegt: „Definitiv ist die überragende Mehrheit der Ehen arrangiert“, sagt er beim Videotelefonat aus Mumbai. Der 52-Jährige ist der Ex-Geschäftsführer der Verkupplungsapp Shaadi.com, einer populären Börse des indischen Heiratsmarktes. Wer sich hier anmeldet, sucht etwas Festes, keine Affäre. Und zur Kundschaft gehören auch Eltern, die etwas Festes für ihre Kinder suchen, denn auf Shaadi.com ist es ausdrücklich erlaubt, ein Profil für andere zu registrieren.Bei der Wahl des Heiratskandidaten zählen Religion, Herkunft, Kaste und manchmal auch das SternzeichenFür Gourav Rakshit liegt diese Vormacht der Vernunftehe in der Logik des Vielvölkerstaates: „Indien ist so groß, dass die einzelnen Gemeinschaften sehr unterschiedlich sind. Sie sprechen andere Sprachen, essen anderes Essen, befolgen andere religiöse Traditionen und Rituale.“ Das soll zusammenpassen, wenn eine neue Heirat zwei Familien für immer aneinanderbindet. Deshalb legen viele Verwandte bei den Hochzeitskandidatinnen und -kandidaten so viel Wert auf Äußerlichkeiten: auf Religion, auf Herkunft, auf Kaste oder „Community“, wie man bei Shaadi.com sagt – und sogar auf Sternzeichen.Diese indische Idee, ehelichem Streit durch Planung vorzubeugen, ist uralt, aber sie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Früher statteten sich die Familien mit den zu verkuppelnden Kindern Besuche ab. Das geplante Paar durfte sich miteinander unterhalten, aber eigentlich keine eigene Meinung haben. Es konnte passieren, dass ihr Bund fürs Leben schon sehr bald nach dem ersten Kennenlernen geschlossen wurde. „Heute dürfen Tochter und Sohn mehr mitreden“, sagt Rakshit, „es gibt weniger Druck, sich schon nach einem halbstündigen Treffen entscheiden zu müssen.“ Allerdings will Gourav Rakshit das nicht verallgemeinern. In den Weiten des indischen Hinterlandes hat der Fortschritt sicher noch nicht jede Familie erreicht.
Ayra hält ihre Eltern für durchaus fortschrittlich. Sie waren beide Lehrkräfte. Der Vater unterstützte seine berufstätige Frau.
Ayra nennt ihre Mutter „mein Vorbild“. Sie kann auch zugestehen, dass die Eltern sich größte Mühe geben, einen Mann zu finden, der zu ihr passt. „Ich hatte meiner Familie gesagt, dass ich nach Europa gehen werde und sie aufhören sollten, jemandem für mich zu suchen“, erzählt sie. Prompt präsentierten die Eltern ihr einen Inder, der in Europa lebt. Dass
Ayra diesen Vorschlag wie alle anderen auch ablehnte, akzeptierten die Eltern. Sie möchten ihre Tochter nicht zwangsverheiraten. Aber sie sind eben geprägt von einer Tradition, in der man sich von Gefühlen nicht die Zukunft diktieren lässt. Und es gelten für sie die harten Grenzen des
Hindu-Lebens. Hochzeit mit einem
Muslim geht demnach nicht.Die Eltern von
Ahmad sind anders. Für sie gelten keine Vorurteile. Sie scheinen sich auch nichts zu machen aus einem traditionellen islamischen Familienbild mit seinen Geschlechterrollen – denn auf die könnte sich
Ayra bestimmt nicht einlassen. Ahmads Eltern kennen
Ayra, sie ist bei ihren Familienfesten dabei. Und sie haben
Ayra in Ahmads größter Krise erlebt. „Anfang 2021 hatte mein Freund einen schweren Unfall, er lag viele Monate auf der Intensivstation“, erzählt
Ayra, „ich war damals bei ihm.“ Und das war für die Eltern wohl Beweis genug, dass
Ayra die Richtige für
Ahmad ist.Und
Ahmad? „Mein Freund steht einfach zu mir“, sagt
Ayra, „er sagt, ich soll mir die Zeit nehmen, die ich brauche.“ Auch ihre Europa-Pläne unterstütze er.
Ayra neigt nicht zu Schwärmereien, von
Ahmad erzählt sie eher nüchtern. Vielleicht liegt das daran, dass sie nie gelernt hat, über die Liebe zu reden. Vielleicht ist ihr diese Beziehung aber auch einfach zu wichtig, um sie in irgendwelche Worte zu kleiden, die ihre Gefühle am Ende doch nicht richtig beschreiben. Und außerdem ist die Botschaft ihrer Geschichte ja klar: Liebe gibt es in Indien. Sie lässt zwei Menschen einiges aushalten. Und auch wenn andere etwas anderes behaupten: Man kann sie nicht planen.